Carl Hau

Das Todesurteil: Die Geschichte meines Prozesses

Ein Krimi aus eigener Sicht
© e-artnow, 2017
Kontakt: info@e-artnow.org
ISBN 978-80-268-7781-3
Editorische Notiz: Dieses eBuch folgt dem Originaltext.

Inhaltsverzeichnis


Kapitel 1. Die Verhaftung
Kapitel 2. Bowstreet
Kapitel 3. Brixton
Kapitel 4. Die Reise nach Karlsruhe
Kapitel 5. Verhöre
Kapitel 6. Fahrten
Kapitel 7. In der Klinik
Kapitel 8. Der Tod meiner Frau
Kapitel 9. Folgen
Kapitel 10. Die Verhandlung

Kapitel 1. Die Verhaftung

Inhaltsverzeichnis

Sechs Uhr schlug Big Ben auf dem nahen Turme des Parlamentsgebäudes von Westminster, als ich aus der Droschke stieg, die mich von Charing Cross nach dem Hotel Cecil gebracht hatte. Am Bahnhof war niemand gewesen, obwohl ich von Brüssel aus die Stunde meiner Ankunft telegraphiert hatte.

Im Bureau händigte man mir die während der fünf Tage meiner Abwesenheit auf dem Kontinent eingelaufenen Briefschaften aus und meldete mich durchs Telephon meiner Frau an, die sich oben in unserem Appartement befand. Sie kam mir bis zum Aufzug entgegen.

Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von Unruhe, fast Verstörtheit, in der Hand hielt sie zwei Telegramme aus Baden-Baden, von denen das erste die Nachricht enthielt, daß ihrer Mutter ein Unglück zugestoßen sei, und das zweite die Aufforderung, so bald als möglich nach Baden-Baden zu kommen. Unterschrift: Olga. Was ich davon hielte?

Ich wußte mir keinen Vers daraus zu machen. Daß ich vor knapp vierundzwanzig Stunden ihre Mutter noch heil und gesund gesehen hatte, durfte ich meiner Frau nicht sagen. Und deshalb konnte ihr inzwischen ja doch etwas zugestoßen sein.

Was zu machen sei? Ob wir die für Ende der Woche belegte Kabine wieder abbestellen sollten? Schon einmal hatten wir unsere Abreise von Liverpool um acht Tage verschoben, weil ich noch einmal nach dem Kontinent zurück mußte; jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren, ich wurde in Washington mit Ungeduld erwartet. Also nur im äußersten Notfall eine weitere Verzögerung. Um nähere Auskunft ersuchen, einen Tag oder zwei abwarten. Der Dampfer fuhr Samstag, heute war Mittwoch.

Im Wohnzimmer war der Tee serviert. Wir saßen in gedrückter Stimmung, Vermutungen austauschend über das, was in Baden-Baden passiert sein könne. Die Nurse kam und brachte das Kind mit, das den heimgekehrten Vater stürmisch begrüßte.

Da klopfte es. Der Hoteldirektor steckte mit einer heftig gestotterten Bitte um Entschuldigung den Kopf herein und bat mich, auf einen Augenblick herauszukommen.

Es seien drei Herren von Scotland Yard da, die mich zu sehen verlangten, teilte er mir mit, während wir den Vorsaal durchschritten. Wirklich, im Korridor draußen standen drei Individuen, zwei jüngere und ein älteres, das mit der bekannten Polizeibeamtenmiene an mich herantrat, sich als Inspektor Smith von Scotland Yard legitimierte und mich fragte, ob ich der Mr. Stan aus Washington sei, gegen den er einen Haftbefehl habe.

Mr. Stan aus Washington? Nein, der sei ich nicht. Und schon mischte sich der Direktor, der sich sichtlich nur mit Mühe zurückgehalten hatte, ein und ließ einen erregten Wortschwall los: Er habe es ja gleich gesagt, daß es ein Irrtum sein müsse; er finde es unerhört, daß man den Ruf seines Hotels in so leichtfertiger Weise aufs Spiel setze; er werde sich beim Commissioner beschweren und nötigenfalls bis ans Home Office gehen.

An Mr. Smith floß der ganze Schwall ab wie Wasser von einem Wachstuch. Er stellte meinen Namen fest und meinte dann, es liege hier offenbar ein Versehen des Beamten vor, der das Telegramm, das meine Verhaftung verlange, aufgenommen habe. Mehr Eindruck machte es auf ihn, als ich darauf hinwies, daß nach dem Gesetz Haftbefehle sehr strikt zu interpretieren seien und ein Hinausgehen über den Buchstaben unstatthaft sei. Er wurde nachdenklich und fragte, wie ich zu einer so genauen Kenntnis des englischen Rechts käme. Nun, ein amerikanischer Anwalt wird doch wohl einige Kenntnis des englischen Rechts haben dürfen. So, so, amerikanischer Anwalt. Er stand unschlüssig, an seinem grauen Schnurrbart nagend, die beiden Satelliten zogen sich zurück, der Direktor fing wieder an zu schimpfen, es sah fast so aus, als ob die Sache enden würde wie das Hornberger Schießen; da verdarb ich alles durch die neugierige Frage, woher denn das Telegramm, das meine Verhaftung verlange, gekommen sei. Eigentlich hätte der Inspektor mir das gar nicht mitteilen dürfen, aber er hatte seine Sicherheit verloren und antwortete ziemlich kleinlaut: „Aus Deutschland. Von der Staatsanwaltschaft in Karlsruhe.“

„Was?“ rief ich aus, „von Karlsruhe? Da komme ich ja gerade her.“

Seine Züge erhellten sich. „Sie sind eben vom Kontinent angekommen?“

„Ja.“

„Und Sie waren in Karlsruhe?“

„Ja.“

„So sind Sie ohne Frage der Gesuchte. Nein, nein, da kann gar kein Zweifel sein. Ich muß Sie verhaften. Wenn Sie gegen den Haftbefehl, wie er jetzt lautet, Protest einlegen, lasse ich Sie hier unter der Obhut meiner Begleiter und besorge in kürzester Zeit einen anderen auf Ihren richtigen Namen.“

Daraufhin erklärte ich mich bereit, ihm nach Bowstreet aufs Polizeigericht zu folgen, wo sich ja binnen vierundzwanzig Stunden alles aufklären müsse. Er war sehr befriedigt, hatte auch keine Einwendungen zu machen, als ich um die Erlaubnis bat, mich von meiner Frau verabschieden zu dürfen. Er unterließ es sogar, mich ins Zimmer hineinzubegleiten, obwohl er doch nicht wissen konnte, ob dasselbe nicht einen zweiten Ausgang habe.

Der Abschied war kurz, ich bat meine Frau, am nächsten Morgen aufs Polizeigericht zu kommen, nahm das Kind vom Boden auf und küßte es zum letztenmal.

Im Korridor draußen beschwor der Hoteldirektor den Mann des Gesetzes händeringend, er möge mich doch so unauffällig wie möglich aus dem Hause herausbringen; wahrscheinlich schwebte ihm vor, man werde mich mit Ketten beladen durch die Lobby schleifen, so wie man in früheren Jahrhunderten die Verbrecher nach Tyburn befördert hatte. Aber Mr. Smith warf sich in die Brust, erklärte, er hoffe, man werde ihm zutrauen, daß er wisse, wie er einen Gentleman zu behandeln habe, gab seinen beiden Gehilfen einen Wink, sich in respektvoller Entfernung zu halten, trat mir zur Seite und lud mich mit einem höflichen: „Wenn ich bitten darf, mein Herr“, ein, den Vormarsch zu beginnen. Während wir die Treppe hinuntergingen, bemühte er sich, ein harmloses Gespräch in Gang zu bringen.

Unten in der Lobby hatte ich eine interessante Begegnung. Ein Bekannter aus Washington, den wir in London zufällig getroffen und mit dem wir vereinbart hatten, gemeinsam die Rückreise zu machen, kam mit lautem Gruß auf mich zu und rief, indem er mir mit Vehemenz die Hand schüttelte: „Endlich zurück vom Kontinent? Hielt schon lange Ausschau nach Ihnen. Sie gehen doch nach dem Essen mit in die Alhambra?“

Ich lehnte dankend ab. Heute abend sei es mir leider nicht möglich, da ich bereits anderweitig engagiert sei. Mr. Smith war ein paar Schritte beiseitegetreten, ich sah, wie er bei diesen Worten ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. Der Amerikaner musterte ihn und mich jetzt etwas genauer und merkte, daß hier etwas nicht in Ordnung sei. Einen Augenblick war ich versucht, ihm zu eröffnen, daß ich den Abend, anstatt im Theater, im Polizeigewahrsam von Bowstreet verbringen würde, das Gesicht, das er gemacht hätte, wäre sicherlich sehenswert gewesen; aber dann hielt ich es doch für besser, von der Verhaftung nichts zu sagen, und verabschiedete mich, indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, ihn am nächsten Tage zu sehen. Sonderbarerweise habe ich ihn nicht am nächsten, aber an einem der folgenden Tage noch einmal gesehen – unter Umständen, von denen weder er, noch ich in diesem Augenblick etwas ahnten.

Wir stiegen in einen Wagen und fuhren durch das dichte Menschengewühl der Straßen nach dem Ort, an dem sich ein großer Teil englischer Kriminalgeschichte abgespielt hat und der mir bisher nur aus Büchern bekannt war, den ich aber jetzt näher kennenlernen sollte, näher, als mir lieb sein konnte.

Kapitel 2. Bowstreet

Inhaltsverzeichnis

Zum erstenmal begegnet ist mir Bowstreet in einem Essay Macaulays, ich entsinne mich noch gut der mit wenigen Strichen meisterhaft hingeworfenen Szene, die sich, wie so viele Stellen in den Werken dieses Historikers, dem Gedächtnis unvergeßlich einprägte. Später nahm dann die Bowstreet ihren Platz ein neben dem Tower, neben Newgate und der Old Bailey – Namen, die einen besonderen Klang haben in der englischen Rechtsgeschichte. Sie ergreifen und beschäftigen die Phantasie in ganz eigener Weise, diese altersgrauen Stätten, umwittert von einem trüben Dunst menschlicher Schuld und menschlichen Elends.

In einem kahlen, schlecht beleuchteten, mit üblen Gerüchen angefüllten Raum wartete eine Menge Vagabunden, Spitzbuben und Säufer, bis der diensttuende Beamte die Eintragung in das dicke Buch beendet hatte; von Zeit zu Zeit, wenn ein kleines Bündel von Delinquenten beisammen war, nahm sie ein dunkeluniformierter Charon in Empfang und geleitete sie über den Styx in die Unterwelt, wo sich mit dumpfem Krachen schwere eiserne Türen hinter ihnen schlossen. Es ging nicht ohne Heulen und Zähneknirschen ab. Indessen war das Verhalten der Beamten durchaus sachlich, ohne jede Schärfe. Wurde Zwang erforderlich, so blieb er so sanft wie möglich. Ich beobachtete alles mit lebhaftem Interesse.

Endlich kam auch ich an die Reihe. Meine Personalien wurden festgestellt, Mr. Smith schüttelte mir die Hand und übergab mich einem Aufseher, der mich in eine Zelle führte und einschloß. Jetzt hatte ich Zeit, über meine Lage nachzudenken.

Den größten Teil der Nacht hindurch wandelte ich in dem beschränkten Raum auf und ab; wenn die Ermüdung überhandnahm, setzte ich mich auf die Holzpritsche, die das ganze Mobiliar bildete. Mein Grübeln wurde immer wieder unterbrochen durch die Einlieferung neuer Häftlinge. Nur wenige ergaben sich ohne Klage in ihr Schicksal. Meist war es nichtiges Geschwätz, mit dem sie den Aufseher noch eine Weile festzuhalten suchten, ehe die Einsamkeit sie verschlang. War kein Dialog mehr möglich, so ergingen sie sich noch eine Zeitlang in allmählich absterbenden Monologen. Dann wurde es wieder grabesstill.

Wie war ich in diese Gesellschaft geraten? Meine anfängliche Überzeugung, daß ein Irrtum vorliege, machte, je weiter die Nacht fortschritt, einer bösen Ahnung Platz, die zwar noch ganz unbestimmt blieb, aber darum nicht weniger quälte. Irgend etwas mußte doch geschehen sein. Unangenehm im höchsten Grade war es schon, daß ich genötigt sein würde, meine Reise nach Baden-Baden einzugestehen, die ich vor meiner Frau zu verheimlichen wünschte. Ich hatte ihr gesagt, daß mich Geschäfte nach dem Kontinent riefen. Und ich hatte sie gebeten, dies vor jedermann geheimzuhalten. Das war ihr weiter nicht befremdlich vorgekommen, da meine Tätigkeit im Orient sie an derartiges gewöhnt hatte. Nur nach Baden-Baden sollte sie von meiner Reise Nachricht geben. Eine Ausnahme, der ein ganz bestimmtes Motiv zugrunde lag.

Woher wußte die Karlsruher Staatsanwaltschaft meine Londoner Adresse? Sie konnte dieselbe nur von meiner Schwiegermutter erfahren haben. Oder von meiner Schwägerin Olga.

Was mochte man mir zur Last legen? Es mußte etwas Schweres sein, sonst wäre die Verhaftung nicht telegraphisch angeordnet worden. Sollte es die Täuschung mit dem Pariser Telegramm sein, die man inzwischen vielleicht entdeckt hatte? Aber das war ja überhaupt nicht strafbar. Ebensowenig wie die Vermummung, in der ich mich nach Baden-Baden begeben hatte. Nein, es mußte etwas anderes sein. Etwas Wichtiges. Aber was?

Eine Begebenheit, die sich vor einigen Monaten zugetragen hatte, kam mir plötzlich in den Sinn. Während ich in Konstantinopel die Verhandlungen mit der türkischen Regierung führte, hatte ich eines Tages die Wahrnehmung gemacht, daß ich auf Schritt und Tritt von Spitzeln überwacht wurde. Aus dem Chef der geheimen politischen Polizei, Fahim-Pascha, den ich deswegen zur Rede stellte, war nichts herauszubringen. Ich vermutete, daß er die Komödie inszeniert habe, um Bakschisch zu erpressen. Als die Belästigung immer ärger wurde, ging ich mit dem amerikanischen Botschafter nach Jildis und beschwerte mich. Das half. Später erfuhr ich aus zuverlässiger Quelle, daß ich in einem Briefe denunziert worden war als Agent der Jungtürken und daß dieser Brief den Poststempel Baden-Baden getragen hatte.

Denkbar also, daß in Baden-Baden ein Feind saß. Denkbar, daß der jetzt ein zweites Mal versuchte, mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Vielleicht hatte er bei der Staatsanwaltschaft eine lügnerische Anzeige gemacht. Nun, das würde sich ja rasch aufklären.

Mit Ungeduld sehnte ich den Morgen herbei. Endlich dämmerte es, der Aufseher schloß die Zelle auf, gab mir draußen Gelegenheit zum Waschen, brachte eine Tasse Kaffee und führte mich dann durch zahlreiche Gänge in den Teil des weitläufigen Gebäudes, in dem die Gerichtssäle sich befanden. Hier überlieferte er mich dem Jailer (Kerkermeister) von Bowstreet, einem schwarzbärtigen, freundlichen Mann mit Namen Bush. Mr. Bush geleitete mich in sein kleines Bureau, lud mich zum Sitzen ein und sagte, er bedauere sehr, mich in einer so mißlichen Lage zu sehen. Er hoffe, daß sich meine Verhaftung bald als ein Irrtum erweise. Mr. Smith von Scotland Yard sei schon in aller Frühe dagewesen und habe den Wunsch ausgesprochen nach einer Unterredung mit mir. Er könne jede Minute erscheinen. Für die Unterredung stelle er sein Zimmer bereitwillig zur Verfügung. Ich dankte ihm und bat ihn, wenn später meine Frau sich einfinden sollte, die gleiche Bereitwilligkeit an den Tag zu legen. Selbstverständlich, beeilte er sich zu versichern, er werde dafür sorgen, daß die Dame sogleich zu ihm geführt werde, und er werde auch dafür sorgen, daß unsere Aussprache gänzlich ungestört bleibe. Außer ihm selber werde niemand dabei zugegen sein, und er werde sich in diskreter Entfernung halten, denn was zwei Ehegatten unter solchen Umständen einander zu sagen hätten, gehe keinen Menschen etwas an. Ich nahm diese Humanitätskundgebung mit einigem Mißtrauen entgegen, aber seine Augen hatten einen so treuherzigen Ausdruck, daß ich mich meines Mißtrauens schämte. Nein, dieser Mann hatte keine Hintergedanken.

Wir plauderten noch eine Weile, und ich fragte ihn, vor welchem Richter meine Sache verhandelt würde. Vor dem Chief Magistrate selber, Sir Albert de Rutzen. Einem alten Herrn von über siebzig Jahren, der ein großes Ansehen genieße wegen seines reichen Wissens und vornehmen Charakters. Ich erinnerte mich, ein Buch von ihm über eine völkerrechtliche Materie gelesen zu haben.

Ein Gerichtsdiener kam und führte mich in einen kleinen Saal, in dem nur wenige Personen anwesend waren. Vorn, auf der ersten Bank, saßen die drei Herren von Scotland Yard; Mr. Smith hatte eine Handtasche von mir neben sich stehen. Hinter dem Richtertisch ein Greis mit scharfgeschnittenen Gesichtszügen und einem Paar durchdringender Augen unter dichten, schneeweißen Brauen. Er sah mich prüfend an, aber in einer Weise, die durchaus nicht unangenehm berührte, und sagte, die Worte langsam und gewichtig hintereinandersetzend: „Sie sind verhaftet worden auf Ersuchen der Staatsanwaltschaft in Karlsruhe und werden beschuldigt, am Abend des vorgestrigen Tages, also des 6. Novembers, in Baden-Baden Ihre Schwiegermutter durch einen Schuß getötet zu haben. Wenn Sie etwas zu der Anklage zu bemerken haben, so steht es Ihnen frei, aber es ist, wie Sie wissen, meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß, was immer Sie äußern, gegen Sie verwendet werden kann.“

Totenstille im Saal. Die forschenden Augen bohrten sich in die meinen, wie wenn sie mir das Geheimnis meiner Gedanken entreißen wollten. Ich hielt stand und nahm den Schlag hin mit einer großen Ruhe. So unfaßbar sie mir war, die Ankündigung erschütterte mich nicht, sondern weckte nur ein dumpfes Gefühl der Verwunderung. Wie absurd das war! Es mußte ein Irrtum sein.

„Sie waren an dem fraglichen Tage in Baden-Baden?“

„Ja.“

„Hatten Sie die Tasche bei sich, die der Inspektor dort in der Hand hält?“

„Ja.“

„In der Tasche ist ein geladener Revolver gefunden worden.“

Ich nickte. Ja, in der Tasche führte ich auf meinen Reisen nach dem Orient stets eine Schußwaffe bei mir. Aber ich hatte bisher noch nie von derselben Gebrauch gemacht. Ich erwähnte dies.

Mr. Smith betrat den Zeugenstand und hob den Revolver in die Höhe mit dem Bemerken, daß er in allen fünf Kammern geladen sei. Da fuhr der Gerichtsschreiber, ein klapperdürres Persönchen mit mumienhaften Zügen, auf den zufällig der Lauf der Waffe gerichtet war, tödlich erschrocken in die Höhe und schrie: „Mylord, Mylord, befehlen Sie ihm, daß er vorsichtiger mit der Pistole verfährt. Wenn sie jetzt eben losgegangen wäre, hätte mich die Kugel unfehlbar getroffen.“

Sir Albert lächelte nachsichtig und beruhigte das angsterfüllte Männchen, das sich nicht bewegen ließ, seinen Sitz wieder einzunehmen, und den Blick nicht von dem blauglänzenden Stahl abwenden konnte. Erst als der Inspektor das Mordinstrument mit einem mitleidig-verächtlichen Lächeln wieder in die Tasche steckte, setzte sich der Schreiber und griff mit zitternder Hand nach seiner Feder.

„Ich bin doch kein Kind, daß mir unversehens ein Revolver losgeht,“ rief der Zeuge unwillig, „übrigens ist es richtig, daß dieser Revolver seit langer Zeit nicht mehr benützt worden ist. Der Sachverständige hält es für ausgeschlossen oder doch für sehr unwahrscheinlich, daß in den letzten Tagen daraus ein Schuß abgefeuert worden ist.“

„Wieso kann er das wissen?“ fragte der Richter.

„Es ist nicht möglich, die Spuren eines Schusses so ganz und gar zu verwischen, Mylord.“

Der Richter wandte sich wieder zu mir. Ich nahm das Wort und sagte, ich sei bereit, unter Beiseitesetzung der gesetzlichen Auslieferungsformalitäten mich sogleich nach Karlsruhe überführen zu lassen, damit der Irrtum so rasch wie möglich aufgeklärt würde. Aber Sir Albert schüttelte den Kopf. „Das geht nicht. Ich bin zu Ihrer Auslieferung nur dann ermächtigt, wenn die gegen Sie erhobene Anklage durch solche Beweismittel erhärtet wird, daß Ihre Täterschaft im Bereich der Wahrscheinlichkeit liegt. Wir müssen also die Auslieferungspapiere abwarten, die ich genau prüfen werde. Ihre Verhaftung bleibt aufrechterhalten für acht Tage. Wie Sie wissen, steht Ihnen dagegen das Rechtsmittel des Habeas Corpus zu. Besprechen Sie sich mit Ihrem Anwalt, ob Sie davon Gebrauch machen können. Der Fall ist vertagt.“

Diese Vertagung, die in allen Fällen solcher Art üblich ist, bedeutet, daß ich in einer Woche wieder vorgeführt werde und daß dann der Haftbefehl wieder für acht Tage aufrechterhalten wird; was so weitergeht, bis die Auslieferungspapiere angekommen sind.

Ich wurde zurückgeführt in das Bureau des Kerkermeisters. Meine Frau kam mir entgegen, umarmte mich, in ihren Augen die bange Frage: Was ist es? Mr. Bush machte sich abseits zu schaffen. Wir setzten uns auf das in der Ecke stehende Sofa, und ich erzählte mit wenigen Worten, was vorgefallen war.

Meine Frau konnte es nicht fassen. „Die Mutter sollst du erschossen haben? Aber weshalb? Das ist doch Wahnsinn.“

„Ja, das ist es. Aber vielleicht steckt in dem Wahnsinn Methode. Ich vermute, daß mich irgend jemand bei der Staatsanwaltschaft denunziert hat, um mich für einige Zeit schachmatt zu setzen. Eines scheint jedenfalls sicher: deine Mutter ist erschossen worden.“

Sie sann eine Weile nach. Die Tränen kamen ihr. „Arme Mutter! Sie hatte doch gar keine Feinde. Wer kann es gewesen sein?“

„Ich habe keine Ahnung. Fahre sofort nach Baden-Baden und sieh zu, ob du Licht in die Sache bringen kannst. Vielleicht klärt sich alles rasch auf. Wenn nicht, so sichere dir die Dienste des besten Detektivs, den du in Deutschland finden kannst.“

„Aber wie kommt man dazu, gerade dich für den Täter zu halten?“

Ich zuckte die Achseln. Rätselhaft. Zwecklos, sich darüber jetzt den Kopf zu zerbrechen. „Fahre mit dem nächsten Zuge und gib mir sofort Nachricht. Eventuell kommst du wieder hierher zurück.“

Sie warf einen Blick auf den eifrig in seinen Akten hantierenden Kerkermeister, der uns gar keine Beachtung schenkte. Wir hatten unser Gespräch in gedämpftem Tone geführt. „Werde ich dich wieder hier sprechen können?“

„Entweder hier oder im Untersuchungsgefängnis. Jedenfalls ohne Zuhörer. Ein Glück noch, daß dies Mißgeschick mich gerade in England trifft; wäre ich auf dem Kontinent verhaftet worden, so hätte man dich gar nicht zu mir gelassen.“

Nachdem wir noch einiges besprochen hatten, nahmen wir Abschied voneinander. Keines von uns ahnte, unter welch veränderten Umständen wir uns wiedersehen würden. Sie bat mich, die Geduld nicht zu verlieren, wenn es einige Tage dauern sollte. Nicht einige Tage sollte es dauern, sondern sieben Monate.

Kaum war sie fort, da erschien Mr. Smith, schüttelte mir demonstrativ die Hand und nahm an meiner Seite Platz, indem er die Tasche mit dem fatalen Revolver vor sich auf den Tisch stellte. Um den Revolver drehte sich zunächst unsere Unterhaltung. Das heißt, zuallererst fragte er, ob ich überhaupt geneigt sei, mit ihm über den Fall zu sprechen, ich wüßte ja, daß ich das ablehnen könne und daß es sogar seine Pflicht sei, mich darauf aufmerksam zu machen, daß alle meine Äußerungen eventuell gegen mich verwendet werden könnten. Diese traditionelle Phrase hörte ich an diesem Morgen nun schon zum zweiten Male. Sie ist nicht ohne Bedeutung, diese Phrase, sondern kennzeichnet ein Grundprinzip des anglo-amerikanischen Strafrechts: daß nämlich ein Angeklagter so lange für unschuldig zu gelten hat, bis ihm seine Schuld nachgewiesen ist, und daß der Vertreter des Staates diesen Nachweis zu führen hat aus eigenen Mitteln, ohne Anwendung des auf dem Kontinent gebräuchlichen Inquisitionssystems.

Ich entgegnete, ich sei sehr gerne bereit, mit ihm über den Fall zu sprechen. Den Revolver hätte ich vor einem Jahre in Konstantinopel gekauft und seitdem immer bei mir geführt. Im Orient müßte man immer darauf gefaßt sein, eine solche Waffe zu benötigen.

Das sah der Inspektor ein. „Aber warum haben Sie den Revolver mit sich genommen, als Sie von London nach dem Kontinent zurückreisten?“

„Weil er sich gerade in der Reisetasche befand.“

„Haben Sie außer der Tasche sonst noch Gepäck mitgenommen?“

„Ja, einen kleinen suitcase aus Krokodilleder. Sie haben natürlich das ganze Gepäck beschlagnahmt. Auch das meiner Frau?“

„Gott behüte, wie kämen wir dazu? Außer der Tasche und dem suitcase nur den großen Schrankkoffer und den Kabinenkoffer. Wir haben vergebens nach dem Paket gesucht, aus dem die fünf Patronen stammen, mit denen der Revolver geladen ist.“

„Aha,“ lächelte ich, „Sie dachten, es fehlte eine. Sie scheinen demnach Ihrem Sachverständigen doch nicht so ganz zu trauen. Aber ich gebe Ihnen offen mein Wort darauf, aus dem Revolver ist in diesem Jahre noch kein Schuß gefallen.“

„Mag sein. Das wäre ja immer noch kein Beweis dafür, daß Sie nicht der Täter sind.“