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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 

Leitworte
»Die muslimische Welt befindet sich heute mit großer Dringlichkeit vor einer ähnlichen Aufgabe, wie sie sich den Christen seit der Zeit der Aufklärung stellte und auf die das Zweite Vatikanische Konzil [1962 bis 1965] als Frucht einer langen, mühsamen Suche konkrete Lösungen für die katholische Kirche gefunden hat.«
Benedikt XVI. am 22. Dezember 2006 in der traditionellen Ansprache zum Jahresende an die Mitglieder der Römischen Kurie
»Der muslimischen Welt sage ich: Wir suchen einen Weg nach vorn, einen Weg, der die Interessen aller wahrt, in gegenseitigem Respekt. Den politischen Führern auf diesem Planeten, die Konflikte säen wollen oder dem Westen die Schuld an ihren eigenen Problemen geben, sage ich: Denkt daran, dass eure Völker euch daran messen, was ihr schafft, und nicht daran, was ihr zerstört. Aber wir werden euch unsere Hand reichen, wenn ihr bereit seid, eure Faust zu öffnen.«
Der amerikanische Präsident Barack Obama am 20. Januar 2009 in seiner Antrittsrede

Kapitel 1
Von Tamara zu Papst Benedikt XVI. – Persönliche Annäherungen
Tamara und der Papst haben nichts miteinander zu tun.
Eigentlich nichts.
Aber bei mir doch.
Denn meine erste große Liebe hieß Tamara, stammte aus einer türkischen Familie und war Muslimin. Ich war 17 Jahre alt, freundlich-katholisch erzogen und in Berlin aufgewachsen, zuerst Ost, dann West. Im sowjetischen Sektor, der Hauptstadt der DDR, musste die Freiheit zum Religionsunterricht gegen eifrige kommunistische Lehrer von meinem Vater verteidigt werden. In Westberlin gab es in jenen Sechzigerjahren alle Freiheiten. Mit Ausnahme von Tamara. Ich hatte sie in der »Primaner-Akademie« kennengelernt. Der Name klingt sehr altmodisch, war aber die listige Idee von Berliner Ordensleuten – den klugen Jesuiten meines Gymnasiums, des Canisius-Kollegs am Tiergarten, in dem die Oberstufe noch nach »Obersekunda«, nach »Unter-« und »Oberprima« eingeteilt war, und den unterrichtenden Schwestern der entsprechenden Mädchenoberschulen -, um ihre Schützlinge von Zeit zu Zeit unter diskreter Aufsicht zu belehrenden Veranstaltungen und weiß Gott was zusammenzuführen.
Tamara verzückte mich, weil sie, natürlich, wunderschön war – aber alles nur zum Anschauen. Denn, so erklärte sie mir, ihr Onkel, ein reicher Teppichhändler im Westen, in dessen Obhut sie lebe, sei außerordentlich streng – ich wisse, was sie meine -, äußerst bedacht auf ihre Sittsamkeit. Nur den katholischen Ordensleuten vertraue er seine Nichte an. Deshalb dürfe sie von Zeit zu Zeit eben in die »Primaner-Akademie« kommen, aber auf keinen Fall irgendwie den Verdacht des Leichtsinns im Umgang mit Jungen erwecken. Allein bei der katholischen Moral sehe ihr muslimischer Onkel eine gewisse Nähe zu seinen Anschauungen. Unmöglich könne sie ihre Familie enttäuschen. So Tamara. Damals! Solche Zurückhaltung steigerte die romantische Liebe. Für einige Monate. Dann löste sich mein erstes zartes katholisch-muslimisches Verhältnis auf, bevor es richtig begonnen hatte.
Aber eigentlich hatte sich mein erstes Verhältnis zur Welt des Islam, kaum dass ich lesen gelernt hatte, bereits bei der Lektüre der »Schönsten Märchen aus 1001 Nacht« gebildet. Ich sehe das zerlesene Buch in weißem Einband noch vor mir. Wenn ich mich recht erinnere, wurde darin keinerlei religiöse Missionstätigkeit entfaltet. Auch an religiös motivierte Gewalt kann ich mich nicht erinnern. Wundervolle, wunderliche Geschichten waren es, eine zauberhafte Kultur, ungewöhnliche, liebenswerte Menschen hier, furchterregende dort, klar zu trennen, die der jungen Fantasie in einer Zeit noch vor der Allgegenwart des Fernsehens reichliche, gute Nahrung gaben. Ich fand die »Arabischen Erzählungen« viel interessanter als deutsche Märchen oder die katholischen Legenden von Helden und Heiligen. Die Personen von Harun al-Raschid und Scheherazade, von Ali Baba und Aladin – wie gern hätte ich seine Wunderlampe gehabt! – prägten sich ein. Bagdad wurde zur legendenumwobenen Metropole kindlicher Träume und Sehnsüchte. Diese abenteuerliche Welt von guten Feen und bösen Dämonen, von Schelmen und Dieben, von Tüchtigen und Faulenzern war aufregend, anziehend, faszinierend.
Einige Jahre später gab Karl May (1842-1912), einer der erstaunlichsten und erfolgreichsten deutschen Schriftsteller, unmerklich Lektionen über den Umgang mit Arabern und Muslimen. Bei Generationen von Jugendlichen des 19. und 20. Jahrhunderts beeinflusste Karl May nachhaltig das Bild von diesen fremden Völkern zwischen den Schluchten des Balkans, Bagdad und Stambul. Abenteuerlust und Neugier weckten die dicken Bände, dazu gaben sie Sicherheit. Denn im Zweifel und bei Gefahr behielt der deutsche Mann, namens Kara Ben Nemsi, die Oberhand, ohne sich lang mit politischer Korrektheit aufzuhalten. Dieses Gefühl der Überlegenheit aus dem Geist der Romane – von Karl May auf Tausenden von Seiten für Orient und Okzident der Welt beschworen – schmeichelte mir und meinen Altersgenossen. Es wurde noch gesteigert von dem treuen arabisch-muslimischen Diener, Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, dessen langen und komplizierten Namen aufsagen zu können zu den Grundfähigkeiten eines Schülers der unteren Gymnasialklassen damals, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, in Deutschland gehörte.
Ansonsten wollte man sich nicht, konnte sich auch kaum tiefer mit den Ländern, Völkern und Religionen des Balkans und des Nahen Ostens befassen. Furcht vor diesen Fremden empfand man keine. Weshalb auch? Gerade erst, 1961, als ich 17 Jahre alt war und Tamara kennenlernte, hatte die Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei ein Anwerbeabkommen über Gastarbeiter geschlossen. Aber das hatte mit Tamara nichts zu tun. Was der Zustrom von Tausenden, Hunderttausenden türkischer junger Männer, von Muslimen, nichtchristlichen Südeuropäern, für Folgen haben würde, ahnte damals noch niemand. Wenn man sich überhaupt über Langzeitwirkungen dieser Migration Gedanken machte, dann dachte man wohl eher an die geräuschlose Integration der Polen des 19. Jahrhunderts im Ruhrgebiet oder auch in Berlin – die Namen einiger meiner Mitschüler, zum Beispiel mit der Endung »inski«, klangen polnisch; ihre Sprache war aber so berlinerisch wie unsere. Oder an die der italienischen Gastarbeiter, die schon in das Deutsche Kaiserreich gekommen waren. Für 1891 werden fast 6000 Italiener allein in Ziegeleien der Hauptstadt des Königreichs Bayern, in München, gezählt.
Noch etwas anderes erzählte man damals in Berlin: Im Dritten Reich seit 1933 waren einige Deutsche vor der Nazi-Diktatur auch in die Türkei geflohen und hatten dort wegen ihrer Qualifikation und Tüchtigkeit als Professoren an den Universitäten in Istanbul oder Ankara, als Steuerreformer oder Berater geschätzte Aufnahme gefunden. Dann zogen diese jedoch weiter, meist in die Vereinigten Staaten von Amerika, oder kehrten nach Deutschland zurück, wie Ernst Reuter (1889-1953), der es vom zwangsemigrierten deutschen Gastarbeiter in der Türkei zum legendären Berliner Bürgermeister gebracht hatte. In den Wechselfällen des Zweiten Weltkriegs wurden mehr als 300 000 Italiener als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert, nach Kriegsende gingen die meisten erst einmal wieder zurück. Migration und Integration von Ausländern, von Christen oder Nichtchristen, waren damals nicht die großen Themen der Politik. Aber Beziehungen und Kontakte über Grenzen hinweg bestanden.

Joseph Ratzinger und katholische Klischees

Weshalb erwähne ich diese Jugendeindrücke in einem Buch über Päpste und Muslime? Impressionen, die mehr oder weniger harmlosen Klischees entsprachen. Die meinen späteren eindrucksvollen Erfahrungen mit den großen Kulturzeugnissen des Islam vorausgingen. Vielleicht, weil viele in Deutschland in ihrem Verhältnis zum Islam aus »1001 Nacht«, Karl May oder ähnlich Fantastischem emportauchen mussten, um die Wirklichkeit mit Muslimen als Nachbarn und Mitbürgern wahrzunehmen. Ich beginne jedoch vor allem deshalb damit, weil es die weit verbreiteten Vorstellungen im Katholizismus jener Zeit über den Islam waren und weil ich mit gutem Grund bei dem jetzigen Papst, Benedikt XVI., seit April 2005 im Amt, in den ersten Jahrzehnten seines Lebens ein ähnlich diffuses und vages Vor-Bild und Verständnis vom Islam gefunden habe. Während langer Jahre der persönlichen Verbundenheit mit Joseph Ratzinger seit 1976, mit dem Theologieprofessor, dem Erzbischof von München und Freising und dem Kardinal-Präfekten der Vatikanischen Glaubenskongregation in Rom, habe ich bei ihm nie etwas gefunden, was wesentlich darüber hinausging oder tiefer in die Welt des Islam eindrang. Andere, die ihn gut kennen, bestätigten mir dies.
Noch mehr. Man geht nicht fehl, bei den letzten Päpsten der neueren Zeit, bei Pius XII. (geboren 1876, Amtszeit 1939 bis 1958), Johannes XXIII. (1881, 1958-1963), Paul VI. (1897, 1963-1978) und Johannes Paul II. (1920, 1978-2005), ein ähnlich diffuses, vages und distanziertes Vorverständnis vom Islam und den Muslimen anzunehmen, nicht aus historisch-wissenschaftlicher Erkenntnis, sondern als ein im europäischen Katholizismus allgemein verbreitetes Leer-Bild mit einigen ungenauen Wissensklecksen.
Es war wohl lediglich ein Kuriosum, dass Pius XI. (1857, 1922-1939) 1919 zuerst zum Titular-Erzbischof von Lepanto ernannt worden war. Nur wenige werden da aufgemerkt haben. Bei diesem Ort, dem heutigen Nafpaktos in Griechenland am Übergang des Golfs von Patras in den Golf von Korinth, fand am 7. Oktober 1571 eine weltgeschichtlich bedeutsame Seeschlacht statt. Die christlichen Mächte, die »Heilige Liga« unter spanischer Führung und Juan de Austria, besiegten die Türken, der Papst den Sultan. Der Mythos der osmanischen Unbesiegbarkeit und der Traum von der muslimischen Weltmacht zur See waren dahin. Aber Pius XI. dachte nicht daran, dies irgendwie während seines Pontifikats aufzunehmen; in den Zwanzigerund Dreißigerjahren – Benedikts XVI. Kindheits- und Jugendzeit – schien die islamische Weltreligion zu schlafen.
Zuerst also orientalische Märchen und Karl May. Nicht viel mehr. Was sonst? Joseph Ratzinger ist am 16. April 1927 in Marktl am Inn geboren und im katholischen Bayernland aufgewachsen. In diese heile, heimelige Welt brachen das Hakenkreuz der Nazis (seit 1933) und der Zweite Weltkrieg (1939-1945) ein, nicht der muslimische Halbmond. Den Zwiebeltürmen der Kirchen im Voralpenland machten keine Minarette Konkurrenz. In der Autobiografie von Joseph Kardinal Ratzinger, »Aus meinem Leben. Erinnerungen (1927-1977)«, ist Muslimisches nicht zu finden. In den vielen persönlichen Unterredungen, die ich mit dem Professor und Kardinal Ratzinger zwischen 1976 und 2005 als Journalist und immer vertrauterer Gesprächspartner führen konnte, tauchte das Thema »Islam, Muslime, Moschee« für einen langen Zeitraum nur am Rande auf. Das war repräsentativ für einen katholischen Theologen und Kirchenführer jener Zeit.
Dabei waren dem Theologen Ratzinger die muslimischen Philosophen des Mittelalters, ein Averroes als Kommentator des griechischen Philosophen Aristoteles, ein Avicenna als Wissenschaftler etwa, zweifellos nicht unbekannt. Als Professor für Dogmatik, das zentrale Fach der katholischen Glaubenslehre, und Fundamentaltheologie, die Grundlegung der Glaubenswissenschaft aus der Spannung zwischen Glaube und Vernunft, musste Joseph Ratzinger nicht Experte für Geschichte und Kirchenhistorie sein. Aber schon in seinen ersten wichtigen Arbeiten von 1954 und 1959, etwa über den bedeutendsten lateinischen Kirchenvater der Antike, Augustinus (354-430), aus dem nordafrikanischen, zuerst ganz christlichen, dann ganz muslimischen Hippo, oder den mittelalterlichen Kirchenlehrer Bonaventura (1221-1274) aus dem Orden des Franz von Assisi, zeigte sich, dass er Glauben und Dogmen ganz geschichtlich in ihrer Entwicklung in einem historischen Kontext verstand, nicht als lebloses Monument aus der Ewigkeit gefallen. Joseph Ratzinger, der theologische Autor, näherte sich dem Islam auf dem Weg seiner geisteswissenschaftlichen Arbeiten.

Heilige Kriege

Natürlich waren dem Professor Ratzinger die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Moschee, der Christenheit und der Islamgemeinschaft, zwischen den Päpsten und den muslimischen Mächten vertraut. So bekannt, dass ihm »Kreuzzug« oder »Heiliger Krieg« nichts anderes als Stich- und Schlagworte waren, mit denen man in einer Diskussion stechen und schlagen, aber nicht wirklich einen Erkenntniszuwachs gewinnen konnte. Da musste man schon tiefer in die Geschichte und in das Wesen der Religionen eindringen, so schien es ihm. Immerhin öffnete sich gerade dabei ein weites Feld von Fragen und Überlegungen.
Waren etwa diese bewaffneten Wallfahrten nach Jerusalem im Mittelalter (vom Ende des 11. bis zum Ende des 13. Jahrhunderts) im vollen und einzigen Sinn »Heilige Kriege« der Christenheit gegen die Ungläubigen (siehe Kapitel 33)? Die Antwort auf die Expansion des Islam in den Jahrhunderten zuvor in christliche Gebiete Asiens, Afrikas und Europas hinein (siehe Kapitel 32)? Dessen »Heilige Kriege gegen die Ungläubigen« erwidernd? Noch mehr: Selbst katholische Kirchenhistoriker zögern nicht, in den Kreuzzügen eine Entwicklungsstufe des Papsttums zu sehen. Indem die römischen Bischöfe zum Kreuzzug aufriefen – »Gott will es« – und ihnen bereitwillig Folge geleistet wurde, indem sie so die aus verschiedenen Nationen bestehende abendländisch-europäische Christenheit einten, festigten sie die Stellung des Papsttums, die geistliche Herrschaft der Päpste im Abendland (siehe Kapitel 33). Aber für den Professor in Deutschland, in Freising bei München (1958/59), in Bonn (1959-1963), Münster (1963-1966), Tübingen (1966-1969) und schließlich Regensburg (1969-1977), waren diese Themen nicht vorrangig, benötigten die Fragen noch keine Antwort.

Die Wende des Konzils

Immerhin erlebte Joseph Ratzinger während des Zweiten Vatikanischen Konzils unter Johannes XXIII. und Paul VI., der Bischofsversammlung der katholischen Weltgemeinde im Petersdom zu Rom von 1962 bis 1965, wie sich das Thema »Kirche – Moschee« vom äußersten Rande des Interesses in dessen Fokus schob. Allerdings über einen Umweg. Weil das Konzil das Verhältnis des Christentums zu den Juden nach Jahrhunderten des Befremdens und der Feindseligkeiten neu bestimmen wollte. In der »Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht christlichen Religionen ›Nostra Aetate‹« (»In unserer Zeit«) am 28. Oktober 1965 (siehe Kapitel 11).
Da musste der Theologe Ratzinger auf dem Konzil in Rom dazulernen. Denn seine Antrittsvorlesung als ordentlicher Professor in Bonn (1959) hatte er über das Thema gehalten: »Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen«. Das kreiste um sein Lebens- und Lieblingsthema, das Verhältnis zwischen Glaube und Vernunft. Doch über Glaube und Vernunft in der abendländisch-europäischen Geistesgeschichte. Die Bischöfe des »Vaticanum II« aber entdeckten plötzlich, dass es nicht nur einen Gott des christlichen Glaubens gab, ganz zu schweigen von jenem der Philosophen, nicht nur einen jüdischen, wie er in der Bibel, dem christlichen Alten Testament, auftritt, sondern auch einen Gott anderer nicht christlicher Religionen. Arabische Autoritäten – Staaten, mit denen der Vatikan schon damals diplomatische Beziehungen unterhielt, und Gelehrte – übten politischen Druck aus und wiesen darauf hin, dass man nicht ihre, eine ganze Welt vergessen könne. Dass außerdem die Kirche sich nicht allein auf die Verurteilung, das »Beklagen« des Antisemitismus fixieren dürfe (siehe Kapitel 11).
Dass damit ein Minenfeld betreten, ein explosives Gemisch bereitgestellt war, merkte man einige Jahre später in Deutschland, als am 5. September 1972 während der friedlichen Olympischen Spiele in München arabische Terroristen das Quartier des israelischen Teams überfielen, zwei Sportler sofort töteten, andere als Geiseln nahmen und die Freilassung von arabischen, palästinensischen Häftlingen aus Gefängnissen in Israel forderten. Bei dem Befreiungsversuch durch deutsche Sicherheitskräfte starben fünf Terroristen, ein Polizist und alle Geiseln. Es war ein unauslöschlicher Schock für alle Deutschen – jeder Zeitzeuge von damals weiß, wo und wie er die Nachricht erhielt -, auch für Joseph Ratzinger, der als Professor im nahen Regensburg an der Universität lehrte. Der Einbruch des Schreckens aus national-religiös motivierter Gewalt verstörte nachhaltig. Seitdem schob sich in der öffentlichen Meinung Deutschlands immer stärker in den Vordergrund, dass Konflikte nicht nur aus den unterschiedlichen Interessen der Nationen entstehen, sondern fast mehr noch aus den Differenzen der Kulturen und Religionen, vor allem von Juden, Christen und Muslimen.
Ganz so weit war man in den Siebzigerjahren noch nicht, weder in Deutschland noch in den Meinungszentren der Welt. Vor allem spielte das für mich persönlich keine Rolle, weil ich einen guten muslimischen Freund gewonnen hatte, Ahmed aus Ägypten. Ahmed, 1933 am Suezkanal geboren, war als Medizinstudent nach Deutschland gekommen. Weil seine Familie im Zweiten Weltkrieg deutschen Kriegsgefangenen in einem nahen englischen Sammellager geholfen hatte und einer von ihnen, aus Heidelberg, Ahmed und seine Brüder aus Dankbarkeit in seine Heimat eingeladen hatte – »wenn das alles vorbei ist«. So reiste Ahmed nach Heidelberg, verliebte sich in die Schwester des Kriegsgefangenen, nahm ein Medizinstudium in München auf, absolvierte es mit Auszeichnung und erwies sich als vorzüglicher Chirurg in der Frankfurter Universitäts-Unfallklinik. Wir lernten Ahmed mit seiner Frau und drei bildhübschen Töchtern kennen, als wir in Luxor, Assuan und Abu Simbel die großartige Kultur der alten Ägypter bewunderten.
Zuvor hatten wir in Kairo die Moscheen als kunstvolle Zeugnisse einer Weltreligion bestaunt und jene berühmten in Damaskus, Jerusalem und Istanbul, tief beeindruckt von der hohen Kultur, die sich darin ausdrückte. Das religiöse Leben schien mir jedoch – nicht zuletzt im Vergleich mit deutschen, europäischen Kirchen – etwas schläfrig angesichts weitgehend leerer Gebetsräume. Der Islam und die Muslime waren in den Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre noch nicht »aufgewacht«, sich ihrer Macht und Wirkungsmöglichkeiten nicht bewusst geworden. Wir hatten die respektvollen Besichtigungen natürlich stets ohne Schuhe vorgenommen, uns strengem Gebot und scharf wachenden Augen gebeugt. Zuerst widerwillig, dann fiel uns das analog passende Bibelwort ein. Gott sprach zu Moses aus dem brennenden Dornbusch (2. Buch Mose, Exodus, 3. Kapitel): »Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!«
Vielleicht, dachten wir, machen wir etwas falsch in den christlichen Kirchen. Weil es uns unhygienisch oder zu kalt ist? Oder konnte man die göttlichen Worte aus den Heiligen Schriften das eine Mal wörtlich nehmen, das andere Mal sich zurechtbiegen? Ahmed lehrte mich in Frankfurt am Main, dass seine, die muslimische religiöse Überzeugung in ihm tief und fest verwurzelt war, ungeachtet der langen Jahre, die er schon in Deutschland verbracht hatte. Eigentlich war es umgekehrt. Je älter er wurde, je länger er in Deutschland blieb, desto muslimisch-gläubiger zeigte er sich.
Auf Ahmeds Vermittlung ging auch ein Erlebnis zurück, das mir das Verhältnis zwischen den Kulturen und Religionen aus einer ganz anderen, doch vielleicht – für die gegenwärtige Diskussion in Deutschland über Islam und Integration – wohl wichtigeren Perspektive beleuchtete. Auf dem Weg zum Zahnarzt in der Frankfurter Universitätsklinik öffnete sich zur Linken plötzlich die Tür zu einem großen Saal. Darin saßen, lagen auf den entsprechenden Behandlungsstühlen Dutzende von Frauen, die nach ihren Kopftüchern unschwer als Türkinnen aus Anatolien zu erkennen waren. »Da lernen unsere Studenten«, sagte ein Arzt. »Die Türken lassen ihre Familien zur Zahnbehandlung nach Deutschland kommen.« Das machte mich sehr nachdenklich. Denn da vermischten sich die Unterschiede der Religionen und Kulturen mit sozialen, wirtschaftlichen und finanziellen.

Römische Lehren

Eine ganz andere Dimension öffnete sich für mich als Korrespondent der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« seit 1978 in Rom. Ich war zuständig zunächst für Italien und die italienische Innenpolitik. Dafür stellten Muslime noch kein Problem dar. Man begegnete selten welchen. Und falls doch, wie zum Beispiel Marokkanern, die am Strand Sommersachen mit sich schleppten und günstig feilboten, dann machten sie kein Aufhebens von religiösen Überzeugungen und Sitten; das hätte die kleinen Geschäfte gestört. Die Schlagzeilen über »Clandestini«, geheime illegale Einwanderer, »Extracomunitari«, Immigranten aus Staaten »außerhalb« der Europäischen »Gemeinschaft«, tauchten erst später auf. Doch gerade im Unterschied zu Deutschland fiel mir auf, dass Italiener wegen ihrer Geschichte und der geografischen Lage ihrer langen »Stiefel«-Halbinsel im Mittelmeer ein ganz anderes Verhältnis zum Islam und zu Muslimen haben als West-, Nord- oder Mitteleuropäer, die Wiener (siehe Kapitel 5 und 6) einmal ausgenommen. Die größere Nähe zu arabischen und muslimischen Staaten lässt Italiener vieles realistischer, politisch nüchterner und pragmatischer sehen. Italien bildet in diesem Bereich – wie Deutschland – einen Sonderfall, war mein Fazit (siehe Kapitel 6).
Dass in Rom, in der Stadt des Papstes, des Primas von Italien und (bis 2006) Patriarchen des Abendlandes, wie die Ehrentitel lauten, eine Moschee geplant und gebaut wurde, interessierte zuerst nur am Rande. Das Projekt erschien als Relikt aus den Zeiten der Ölkrise, in der arabische und muslimische Staaten ein politisches Instrument für und gegen den Westen entdeckt hatten, als eine kalkulierte Konzession der italienischen Regierung unter dem schlauen Meisterpolitiker Giulio Andreotti. Das dafür in Aussicht genommene Gelände lag außerhalb der historischen Innenstadt, etwas versteckt am Abhang der Villa Ada und des Monte Antenne. Das Minarett konnte also die Silhouette der Ewigen Stadt nicht stören, seine Höhe bedeutete keine Konkurrenz für christliche Kuppeln und Türme. Da der Bauplatz nicht weit entfernt von meinem Büro am Tiber lag, erkundete ich von Zeit zu Zeit beim Jogging am Tiber die Baufortschritte und stellte fest, dass es keineswegs atemberaubend schnell voranging (siehe Kapitel 7).
Doch wie das Bauwerk wuchs, der Bau eines Tages beendet war und die Ewige Stadt des Papstes die größte Moschee Europas aufwies, so wurde auch wichtiger, was sich zwischen dem Vatikan und der Welt des Islam tat. Und da geschah einiges, worüber ich zu berichten hatte. Denn als Rom-Korrespondent war ich Ende der Siebzigerjahre auch feierlich bei der »Sala Stampa della Santa Sede«, beim Presseamt des Heiligen Stuhls, akkreditiert. Mit dem Vatikan war ich zuständig weniger für fromme Sachen, sondern für einen großen Papst, seit dem 16. Oktober 1978 Johannes Paul II., der die Welt beeindruckte und bis zu seinem Tod am 2. April 2005 in Atem hielt, der bei seinen unzähligen Reisen auch die Staaten und Völker mit muslimischen Mehrheiten nicht mied und während seines langen Pontifikats nolens und volens, gezwungenermaßen und aus eigener williger Überzeugung, das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Islam zu einem Hauptthema der Weltpolitik machte.
Die Darstellung der verschiedenen Etappen dieser Entwicklung, bei denen ich »dabei war« – ein Glücksfall für einen Journalisten, wenn er als persönlicher Zeuge weltpolitischen Ereignissen beiwohnen darf -, bildet einen wichtigen Teil dieses Buches. Die Vorbereitung für den Welt-Kirchen-Politiker Johannes Paul II. bieten die drei italienischen Päpste Pius XII., Johannes XXIII. und Paul VI., denen der Halbmond langsam aufging. Doch bahnbrechend ist vor allem das Zweite Vatikanische Konzil, mit
1. der revolutionären Erklärung über die Religionsfreiheit,
2. der Erklärung über die nicht christlichen Religionen, den Islam an wichtigster Stelle, und schließlich – was oft zu wenig gewürdigt wird, doch gerade im Verhältnis zum Islam ein Hauptdokument darstellt -
3. die »Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung« (siehe Kapitel 13).
Das Schlüsselerlebnis zu diesem Buch jedoch gaben die Vorlesung Papst Benedikts XVI. am 12. September 2006 in Regensburg und die Reaktionen darauf bis heute. In seiner Vorlesung über »Glaube, Vernunft und Universität« laufen die historischen und geistesgeschichtlichen Linien der vergangenen Jahrhunderte zwischen Kirche und Moschee, Christentum und Islam zusammen, wird zugleich ein Tor aufgestoßen, fast schon eine Stra ßenkarte für den künftigen Dialog aufgeschlagen. Denn Dialog muss sein! Wenn nicht zwei verschiedene Weltreligionen und ihre Anhänger in Unverständnis und Ablehnung aufeinanderprallen wollen. Welche Sprengkraft in Fragen und Antworten stecken konnte, erwies sich nach Regensburg. Es ist jene bayerische Stadt, in der Joseph Ratzinger geruhsam seinen Lebensabend als gelehrter emeritierter Professor verbringen wollte. Von Ruhe kann nun keine Rede mehr sein.

Teil I
Was auf dem Spiel steht

Kapitel 2
Führungswechsel bei den Weltreligionen – Im Statistikbüro des Vatikans
Ende März 2008 war es so weit. Der Leiter des »Statistischen Zentralbüros der Kirche« im Vatikan (Ufficio Centrale di Statistica della Chiesa, lateinisch: Generale Ecclesiae Rationarium), Vittorio Formenti, hatte etwas entdeckt. Nichts Sensationelles, wie ihm schien. Denn er hatte es schon lange kommen sehen. Das mit der Zahl der Katholiken und jener der Muslime. Ganz genau weiß man das nicht, weil nicht überall korrekt gezählt wird, oder manchmal gar nicht, oder nur über den Daumen gepeilt. Aber er, der Monsignor Formenti im Apostolischen Palast des Papstes zu Rom, muss trotzdem daraus verlässliche Zahlen gewinnen. Kann er auch. Weil er eben Statistiker ist und zudem in kunstreichen Räumen arbeiten darf, neben der weltberühmten ehrwürdigen Sala Clementina, in der sonst die Päpste zu den Kardinälen über ernste Angelegenheiten sprechen oder im April 2005 der tote Johannes Paul II. aufgebahrt wurde.
Also waltete Formenti nur routinemäßig seines Amtes im vatikanischen Staatssekretariat und schrieb einen Artikel für die offizielle Vatikan-Zeitung, den »Osservatore Romano« (»Römischer Beobachter«). Es ist nur so, dass der »Ehrenprälat Seiner Heiligkeit« (seit 1996) aus dem norditalienischen Brescia und sein kenntnisreicher Mitarbeiter, Professor Enrico Nenna, gern einmal aus ihren Zahlen, Zahlen, Zahlen auftauchen und Vergleiche anstellen. Da hatten sie herausgefunden, dass die Zahl der Katholiken in aller Welt nach ihren Berechnungen für das Jahr 2006 zum ersten Mal hinter jene der Muslime zurückgefallen war. Und das auch noch kräftig. 17,4 Prozent der Weltbevölkerung seien, so Formenti im »Osservatore Romano«, katholisch; das könne er ziemlich genau aufgrund sorgfältig erhobener Daten bestätigen. Nach Angaben verschiedener Quellen sei der Prozentsatz der Muslime jedoch auf 19,2 zu veranschlagen, auf 1,3 Milliarden Anhänger des Propheten Mohammed. Formenti vermied, dem die absolute Zahl der Katholiken gegenüberzustellen; es wären rund 1,18 Milliarden. Der Islam die größte Weltreligion! Das ging als Schlagzeile um die Welt, gleichsam als Informationslawine in das globale Internet, und wurde allgemein als Sensation empfunden.
Die wollte der freundliche Vatikan-Prälat, wie er in einem Gespräch sagt, eigentlich vermeiden. Auch die Kurzinterpretationen, die wie Frontberichte aus einem Krieg klangen. »Zum ersten Mal in der Geschichte sind wir nicht mehr an der Spitze. Die Muslime haben uns überholt.« Was der päpstliche Mitarbeiter rein statistisch meinte, wurde zu einer weltpolitischen Wende gedeutet. Für manche Christen dürfte es nur ein geringer Trost sein, dass Formenti die Angaben relativierte, davon sprach, dass in der katholischen Kirche die Zahlen von Taufen, Kirchenbesuchern sowie Bistums- und Pfarreimitgliedern sorgfältig und systematisch erhoben würden. Für die muslimischen Staaten müsse man sich weithin mit Schätzungen begnügen; zudem, so der Monsignore im Vatikan-Palazzo, bestehe keine grundsätzliche Definitionssicherheit, wer eigentlich Muslim oder Muslima sei.
Für Formenti ist auch selbstverständlich, dass die quantitative Zunahme der Muslime nicht auf das Besondere ihrer Religion, deren größere Attraktivität in dem Ländergürtel von Marokko bis Indonesien zurückzuführen ist. Der Statistiker hat eine einfache Antwort: »In muslimischen Familien gibt es viele Kinder, christliche Familien tendieren dazu, immer weniger Kinder zu haben.« Muslime allerdings, die mit Zahlen vertraut sind, werden jedoch nicht nur auf die katholische Kirche schauen, die sie überholt haben, sondern vor allem darauf, dass der Anteil der Christen insgesamt an der Weltbevölkerung weit höher, bei 33 Prozent, und damit weit vor dem ihrigen liegt. Jeder dritte Weltbürger ist Christ, jeder sechste – bald jeder fünfte? – Muslim.
Die Analyse des »Ehrenprälaten« hörte sich beim ersten Zuhören ganz plausibel an. Sofort kommen die vielen Kinder muslimischer Familien in Europa, in Frankreich und Deutschland vor allem, in den Sinn, in einem günstigen sozialen Umfeld also. Doch wie so vieles bei dem Thema »Christentum – Islam« bedarf auch dieser Schnellschluss der Überprüfung. Schon die Großstatistiken für das Bevölkerungswachstum zeigen zwischen 1994 und 2004 ein differenzierteres Bild für die zehn größten Katholiken- und die zehn größten Muslimstaaten.
 
Die Länder mit den meisten Katholiken sind nach den letzten Volkszählungen und Hochrechnungen für 2006 (mit Angaben zur absoluten Bevölkerungszahl, zum prozentualen Anteil und zum Bevölkerungswachstum):
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Die Länder mit den absolut meisten Muslimen sind:
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Diese Angaben wurden dem neuesten »Fischer Weltalmanach 2009« entnommen. Dessen Daten weichen zum Teil von den kirchlichen Daten ab. Sie erhalten meist den Vorzug, damit der Vorwurf der Parteilichkeit vermieden wird. Zur Überprüfung wurden jedoch vom »Statistischen Zentralbüro der Kirche« des Vatikans detailliertere Zahlen herangezogen, außerdem vom »International Religious Freedom Report« des US-amerikanischen Außenministerium und der Webseite »«, geradezu unerschöpflichen Quellen.
Grundsätzlich gilt – dem wollte Monsignor Formenti nicht widersprechen -, dass Statistiken stets mit Vorsicht und Aufmerksamkeit zu deuten sind. Nicht überall wird so genau gezählt und verlässlich gemessen wie etwa in den Ländern deutscher Gründlichkeit, werden unparteiisch die Folgerungen daraus gezogen. Statistische Verfahren unterliegen Abweichungen, Messfehlern, unterschiedlichen Methoden und Definitionen, politischer und wirtschaftlicher Beeinflussung. Zudem werden Statistiken häufig zu der passenden Interpretation hingebogen. Zu Verallgemeinerungen nimmt man grobe Raster. In der obigen Tabelle finden sich Indien, Nigeria, China und Äthiopien zu Recht unter den volkreichsten Muslimstaaten, ohne dass Muslime die absolute Mehrheit ausmachen. Dabei wird offengelassen, ob das allgemeine Bevölkerungswachstum ebenso auf den muslimischen Teil zutrifft. Außer Acht bleibt weiter, ob ein Quantitätssprung auch ein solcher der Qualität ist. Die Zahlen sagen wenig aus über Bildungsstand, ökonomische, soziale und finanzielle Bedingungen, über die Bindung von Einzelnen an ihre Religion, den offenen oder stillschweigenden Einfluss der Religion auf Staat und Gesellschaft oder ob es sich gar um eine religiöse Diktatur handelt.
Der Führungswechsel bei den Weltreligionen hatte deshalb im Vatikan auch keine offiziellen Reaktionen zur Folge, aber er schärfte bei den Verantwortlichen das Problembewusstsein. Bei Formentis Vorgesetzten im Staatssekretariat, dem »Substituten«, dem vatikanischen »Innenminister«, Erzbischof Filoni, dem für die Beziehungen zu den Staaten zuständigen »Sekretär«, Erzbischof Mamberti, Kardinalstaatssekretär Bertone oder dem Papst selbst. Auch die anderen in der Römischen Kurie, die sich ihrem Auftrag gemäß mit islamischen Angelegenheiten zu beschäftigen haben, allen voran Kardinal Jean-Louis Tauran, Präsident des »Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog« und der »Kommission für die religiösen Beziehungen zu den Muslimen«, und der »Head Officer for Islam«, der Islam-Abteilungsleiter in diesem »Rat«, der Jordanier Monsignor Khaled B. Akasheh, hielten sich mit Kommentaren zurück.

Kapitel 3
Die islamischen Staaten und die Organisation der Islamischen Konferenz – Statistiken
»Proletarier aller Länder, vereinigt euch!«, hieß es im Kommunistischen Manifest von 1848. Man weiß aus der Geschichte, was dieser Aufruf bewirkte. Die Benachteiligten, Gedemütigten, Ausgebeuteten probten die Revolution, sowjetisch-bolschewistisch, sozialistisch, sozialdemokratisch.
Die Parole wurde jetzt variiert. Nicht für die Katholiken, Die sind schon vereint, mehr oder weniger, unter oder mit dem Papst in Rom. Daran hat sich die Welt gewöhnt, an die Milliardengemeinschaft unter dem Papst, an diese eine katholische Kirche.
Aber seit einigen Jahren geht es um die Muslime, um eine offenbar ganz andere Milliardengemeinde. Und dann geht es auch um Islamisten als der verschärften Erscheinungsform der Muslime. »Islamisten der ganzen Welt, vereinigt euch!«, konnte man im März/April-Heft 2006 der »Emma« lesen. Die deutsche Zeitschrift, die für ihren Freimut bekannt ist und beharrlich gegen den Islam die Frauenrechte einklagt, zitierte die Reaktion der Arabischen Liga auf den durch die dänische Zeitung »Jyllands-Posten« ausgelösten Karikaturenstreit um die Darstellung des Propheten Mohammed, um zu einer geschlossenen Gegenfront gegen die Machtdemonstrationen und Drohgebärden der Muslime aufzufordern. Jener Muslime, die, wie Alice Schwarzer argwöhnt, »den Islam politisch missbrauchen und verantwortlich sind für den Flächenbrand, der da auf uns zurast«. Muslimische und andere Intellektuelle hatten dafür schon die Reaktion parat, wie der »Spiegel« (am 3. März 2006) dokumentierte: »Nachdem die Welt Faschisten, Nationalsozialisten und Stalinisten überstanden hat, wird sie jetzt von militanten Islamisten bedroht.« Deshalb, so die Forderung des Magazins: »Freigeister aller Länder, Anti-Islamisten, vereinigt euch.«
Dabei fällt es Muslimen besonders schwer, sich wirklich zu einigen und dann untereinander einig zu bleiben. Der Islam erscheint als ein festes gemeinsames Haus, als ein unzerreißbares Band der Einheit. Dennoch gibt es, biblisch gesprochen, »viele Wohnungen im Hause dieses Gottes«. So ist die Organisation der Islamischen Konferenz (OIK) oder Organization of the Islamic Conference (OIC), für Einheit und Einigkeit gegründet, weit davon entfernt, ein Vatikan des Islam zu sein. Es fehlt ihr fast alles dazu:
- das Alter – sie wurde erst am 25. September 1969 in Rabat, der Hauptstadt Marokkos, gegründet;
- ein prinzipieller Gründungsgrund, so wie der Papst nach katholischem Verständnis die Gründung der Kirche auf den Auftrag des Jesus von Nazareth an Petrus (und seine Nachfolger) zurückführt. Anlass des OIK-Beginns war, dass nach dem Sechstagekrieg vom Juni 1967 zwischen Israel und den arabischen Staaten – offenbar ein einschneidendes Erlebnis in der Entwicklung des Islam in der neueren Zeit – die berühmte, religiös wichtige Al-Aqsa-Moschee sich in israelischem Einflussgebiet befand; zur wichtigsten Aufgabe erklärte daher die Organisation die »Befreiung« Jerusalems und die Rückgewinnung der Moschee;
- ein historischer Sitz – die Außenminister der Mitgliedstaaten beschlossen bei ihrer ersten Sitzung im März 1970 die Errichtung eines ständigen Generalsekretariats am Konferenzort, im saudi-arabischen Dschidda, bis zur geplanten Befreiung Jerusalems;
- eine hierarchische Struktur, die klare Ordnungen und verbindliche Regeln kennt und einfordert;
- ein Einzelner an der Spitze, wie ein Papst, der eine dreifache Autorität (Primat) hat: (religiöse) Gesetze aufzustellen (Legislative), durchzusetzen (Exekutive) und sie in Urteile zu fassen (Judikative).
So herrscht in der OIK nicht Einheit unter einem einzigen Oberhaupt, sondern die Vielfalt von Meinungen und Interessen der Mitgliedstaaten. Dennoch nimmt die Organisation für sich in Anspruch, die islamische Welt zu repräsentieren.
Erst bei ihrem dritten Treffen im Februar 1972 waren sich die Außenminister einig über die wichtigsten Ziele: Förderung der islamischen Solidarität und der politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und wissenschaftlichen Kooperation unter den Mitgliedstaaten; Unterstützung aller Anstrengungen, Würde, Unabhängigkeit und nationale Rechte der Muslime zu sichern. Die heiligen islamischen Stätten sollen gesichert, die Palästinenser darin unterstützt werden, ihre Rechte wiederzuerlangen und die von Israel besetzten Gebiete zu befreien. Die OIK bekannte sich dazu, jede Form von ethnischer Diskriminierung und Kolonialismus beseitigen zu wollen und die Kooperation und das Verständnis zwischen den Mitgliedstaaten und anderen Staaten zu fördern.
1990 wurde bei der 19. Außenministerkonferenz in Kairo die Erklärung der Menschenrechte im Islam als Leitlinie der Mitgliedstaaten angenommen. In den Artikeln 24 und 25 wird jedoch die islamische Gesetzgebung, die Scharia, als einzige Grundlage der legitimen Interpretation dieser Erklärung angegeben. Darin sahen Kritiker die Gültigkeit der 1948 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen aufgestellten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beeinträchtigt, wenn nicht in wichtigen Fragen annulliert. Eine neue Charta vom Frühjahr 2008 fordert jedoch, dass sich die Mitglieder im eigenen Land und international für »Demokratie, Menschenrechte, die grundlegenden Freiheiten, den Rechtsstaat sowie für verantwortungsbewusste Regierungsführung« einsetzen.
Mitgliedstaaten der OIK sind (falls kein Jahr angegeben, seit der Gründung 1969):
Land (Mitgliedschaft seit) Einwohner in Mio. Muslime in Prozent
Afghanistan26,099
Ägypten74,180
Albanien (1992)3,170
Algerien33,399
Aserbaidschan (1992)8,490
Bahrain0,73981
Bangladesch (1974)155,989
Benin (1983)8,724,4
Brunei0,38267
Burkina Faso (1974)14,330
Elfenbeinküste (2001)18,940
Dschibuti (1978)0,819100
Gabun (1998)1,35
Gambia (1974)1,685
Guinea9,185
Guinea-Bissau (1974)1,650
Guyana (1998)0,7397
Indonesien223,0488
Iran70,0999,6
Irak (1975)28,595
Jemen21,799
Jordanien5,592
Kamerun (1974)18,122
Kasachstan (1995)15,365
Katar (1972)0,82177
Kirgisistan (1992)5,1975
Komoren (1976)0,61499
Kuwait2,5999
Libanon4,0550
Libyen6,0379
Land (Mitgliedschaft seit) Einwohner in Mio. Muslime in Prozent
Malaysia26,160,5
Malediven (1976)0,399,9
Mali11,980
Marokko30,499
Mauretanien3,099
Mosambik (1994)20,9 20,918 18
Niger13,795
Nigeria (1986)144,750
Oman (1972)2,575
Pakistan15995
Palästinensische Autonomiegebiete (nicht als Staat3,783
anerkannt)
Saudi-Arabien23,698
Senegal12,094,5
Sierra Leone (1972)5,760
Somalia8,499,8
Sudan37,770
Surinam (1996)0,45513
Syrien (1972)19,472
Tadschikistan (1992)6,685
Togo (1997)6,415-20
Tschad10,454
Tunesien10,1299
Türkei72,999
Turkmenistan (1992)4,890
Uganda (1974)29,812
Usbekistan (1996)26,590
Vereinigte Arabische Emirate (1972)4,296
(Angaben nach »Fischer Weltalmanach 2009«)
Nach dem prozentualen Anteil der Muslime geordnet, ergibt sich folgende Rangordnung:
Land Anteil der Muslime in Prozent
Somalia100
Mauretanien99,9
Malediven99,9
Demokratische Republik Sahara (nicht weltweit anerkannt)99,8
Türkei99
Iran99
Algerien99
Afghanistan99
Jemen99
Tunesien99
Oman99
Komoren99
Dschibuti99
Marokko98,7
Irak97
Libyen97
Pakistan96,35
Saudi-Arabien95,7
Tadschikistan95
Jordanien95
Katar95
Senegal94
Aserbaidschan93,4
Ägypten91
Mali90
Niger90
Gambia90
Usbekistan89
Turkmenistan89
Land Anteil der Muslime in Prozent
Indonesien88,22
Bangladesch88
Syrien88
Guinea85
Kuwait85
Bahrain85
Palästina84
Kirgisistan80
Vereinigte Arabische Emirate76
Libanon70
Albanien70
Brunei67
Sudan65
Malaysia60,4
Sierra Leone60
Burkina Faso55
Tschad54
Nigeria50
Eritrea50
Äthiopien47,5
Kasachstan47
Bosnien und Herzegowina40-55
Elfenbeinküste38,6
Guinea-Bissau38
Tansania35
Mazedonien30
Surinam22
Serbien und Montenegro21
Mosambik20
Kamerun20
Malawi20
Staaten mit Beobachterstatus in der OIK sind:
Land (Beobachterstatus seit) Einwohner in Mio. Muslime in Prozent
Bosnien und Herzegowina (1994)3,948
Russland (2005)142,514
Thailand (1998)63,44,6
Nordzypern (1979, als Muslimische Gemein schaft Zyperns; 2004, jedoch nur von der Türkei als Staat anerkannt)0,211
Zentralafrikanische Republik (1997)4,2615
(Zahlen der beiden Tabellen nach »Fischer Weltalmanach 2009« und OIK, deshalb teils von vorhergehender Tabelle abweichende Zahlen)
Damit ergeben sich im Wesentlichen vier Gruppen von Staaten mit Muslimen:
Die erste umfasst jene, in denen Muslime mehr als 90 Prozent der Gesamtbevölkerung stellen. Sie können die Grundlagen des zivilen Zusammenlebens aufstellen, gewöhnlich ganz nach den Vorgaben der Scharia, des islamischen Gesetzes. Die nicht muslimischen Minderheiten sind von ihnen abhängig und auf das Wohlwollen der Muslime angewiesen, wie schon der Koran es bestimmt.
Die zweite Gruppe bilden jene Staaten, in denen Muslime weniger als 90 Prozent der Bevölkerung ausmachen und Minderheiten eine spürbare Bedeutung im Staat erlangen können – wie etwa in Indonesien. Muslime können ihr beträchtliches Eigengewicht in die Waagschale werfen, sind jedoch auch gehalten, Minderheiten, unter Umständen mehrere religiöse Gruppen, zu berücksichtigen, die außerhalb der Scharia individuelles und soziales Leben regeln.
In der dritten Gruppe müssen Muslime aus den Startbedingungen einer Minderheit heraus das Zusammenleben mit der Mehrheit einer anderen Religion gestalten. Auf dem indischen Subkontinent mit den Nachbarregionen im Westen und Osten ließen sich in den letzten Jahrzehnten die daraus entstehenden Konflikte und Spannungen und die Versuche von Lösungen (in den Staaten Indien, Pakistan und Bangladesch) verfolgen.
Schließlich mehrt sich durch Immigration die Zahl jener Staaten, in denen Muslime (noch) weniger als 10 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Es sind wie in Europa meist Demokratien, pluralistische Gesellschaften, in denen Muslime durch Minderheitenrechte Vorteile genießen. Zugleich wird in den offenen Zivilgesellschaften von ihnen verlangt, ihr Verhalten als Bürger in diesen Rahmen einzufügen. Christen stehen dabei vor der Aufgabe, die Leitkultur aus christlichen Wurzeln und Werten mit den neuen Ansprüchen der Muslime im Dialog neu zu bedenken.

Kapitel 4
Der Problemstand – Historische Lasten und die Grundlagen der päpstlichen Politik

Kunst und Memoria zwischen 846 und 1683

Gewöhnlich gehen die meisten in den Vatikanischen Museen zu Rom achtlos daran vorbei. Es gibt hier Wichtigeres, Kunstvolleres zu sehen als diese beiden Schlachtenszenen auf dem Weg zu den Meisterwerken des Raffael in den Stanzen, zu jenen des Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle. Aber nicht der Zufall hat so kriegerische Szenen in den Hauptpalazzo des Papstes gebracht, sondern ausdrücklicher Auftrag der Hausherren. Denn die Geschichte, auch die des Verhältnisses zwischen Christentum und Islam, ist im Vatikan nie gleichgültiger Vergessenheit anheimgestellt. Die »Memoria«, die Erinnerung an historisches Geschehen, wird vielmehr getreulich aufbewahrt, von Generation zu Generation in der Tradition der Ämter, von Jahrhundert zu Jahrhundert in der kirchlichen Liturgie und – wie hier – aus gegebenem Anlass »zu ewigem Andenken« mit einem Kunstwerk in Szene gesetzt. Der Vatikan kann wegen seiner lückenlosen Überlieferungen in Archiven oder mit Kunstwerken seit zwei Jahrtausenden als das beste Gedächtnis der Welt gelten.
Es war der Renaissancepapst Leo X. (1513-1521), ein Medici aus der Banken- und Kunststadt Florenz, der Anfang des unruhigen 16. Jahrhunderts seinen heiligen Namensvorgänger Leo IV. aus dem dunklen 9. Säkulum feiern und dessen wundersamen Sieg über muslimische Sarazenen in der Seeschlacht bei Ostia, der Hafenstadt Roms, verewigen wollte, in der »Sala dell’ Incendio«. Das war programmatisch in einer Zeit der Bedrängnis. Die Reformbestrebungen in der Kirche setzten die Papstfürsten unter Druck, die muslimischen Osmanen bedrohten das Abendland nach dem Untergang des Byzantinischen Oströmischen Reiches mit dem Fall Konstantinopels Ende Mai 1453.
Denn, so dachte und denkt man in Rom: Nicht das Christentum hat die Feindseligkeiten zwischen Kirche und Moschee eröffnet und immer wieder weitergeführt, sondern der Islam. Nach dem Auftreten des Propheten Mohammed in Arabien griff die neue Glaubenslehre seit dem 7. Jahrhundert rund um das Mittelmeer über Spanien bis nach Frankreich aus. Dann jedoch werden muslimische Truppen im Jahr 732 bei Tours und Poitiers von dem Franken Karl Martell geschlagen und über die Pyrenäen zurückgeworfen. Im August 846 rücken Sarazenen, gut organisierte Pirateneinheiten, von der See her gegen Rom vor, entweihen zum Entsetzen der abendländischen Christenheit die Kirchen der Apostelfürsten, Sankt Paul vor den Mauern und Sankt Peter, und plündern deren Schätze aus einem halben Jahrtausend. Leo IV. (847-855) ruft die Seestädte Amalfi, Neapel und Gaeta zu Hilfe und betet dazu: »Gott, verleihe Kraft den Armen dieser Gläubigen, die wider die Feinde deiner Kirche streiten, auf dass der gewonnene Sieg deinem heiligen Namen bei allen Völkern zum Ruhme gereiche!« Es hilft; ein Sturm verwüstet die Schiffe der Sarazenen, mehr als diejenigen der päpstlichen Streiter. Der Papst betreibt nun mithilfe aus dem ganzen westlichen Europa auch den Bau einer riesigen Befestigung um den Vatikan; bis heute stehen diese »Leoninischen Mauern« rings um den kleinen Kirchenstaat.
Das gute geschichtliche Gedächtnis ohne ideologische Scheuklappen erzählt noch mehr in Rom: Die bewaffneten Wallfahrten im Zeichen des Halbmondes dauerten viel länger als die abendländischen Kreuzzüge und waren vor allem für den Islam von dauerhafterem Erfolg gekrönt – im Gegensatz zu denen unter dem Kreuz. Denn die Länder rund um das Mittelmeer waren beim Schwinden des Imperium Romanum, des alten Weströmischen Reiches, Christenland. Das war am Ende der Antike, nach dem 5./6. Jahrhundert, zu jener Zeit, als bald der Islam entstand. Die Völker von den Säulen des Herkules (Gibraltar) über Kleinasien, Asia Minor, die heutige Türkei, bis zum Schwarzen Meer und zu den Wüsten Arabiens bekannten sich zum Glauben an Jesus Christus. Da ist nichts vergessen worden unter dem Bischof von Rom.

Kein Revanchismus

Es ist nur ein kirchenhistorisches Relikt, allerdings von nicht zu unterschätzender Bedeutung, dass in dem offiziellen Päpstlichen Jahrbuch (»Annuario Pontificio«) des Vatikans noch immer die uralten Kirchenprovinzen der Antike in Afrika und Asien verzeichnet sind, als Titelsitze für Auxiliarbischöfe. Jene Bistümer rund um das Mittelmeer, die in einer jahrhundertelangen Schwächephase des Abendlands im beginnenden Mittelalter an den Islam verloren gingen. An den Bischofssitzen der Kirchenväter des Urchristentums stehen Moscheen. Diese Diözesen der christlichen Antike sind von den Anhängern des Propheten Mohammed vor Jahrhunderten erobert worden. Also, und das wird im Vatikan nicht vergessen, nicht die Kreuzzüge markieren den Beginn des christlich-islamischen »Dialogs«, sondern die Eroberungen christlicher Gebiete durch muslimische Krieger.
Bei den »Titular«-Bischöfen und -Erzbischöfen herrscht freilich kein Revanchismus, das Gelüst, diese Gebiete wieder geistlich zu erobern. Aber doch eine gewisse Neugier. So reiste etwa der deutsche Kurienbischof Josef Clemens, wie er in einem Gespräch ganz entspannt erzählt, nach der Ernennung (durch Johannes Paul II. am 25. November 2003) und der Weihe (durch Kardinal Joseph Ratzinger am 6. Januar 2004) in sein virtuelles Bistum Segerme (Henchir el-Arat) im nordafrikanischen Tunesien. Vielleicht war ihm etwas wehmütig, aber er erinnert sich mehr an die freundlichen Gespräche mit den Gebildeten dort, einer Museumsdirektorin etwa, die ihn durch ihre Offenheit ohne jedes Misstrauen beeindruckte. Die christliche Geschichte Tunesiens liegt ja auch schon geraume Zeit zurück.
Der deutsche Erzbischof Erwin Ender, lange Jahre im diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls, hält es eher für ein nettes Kuriosum, wie er lächelnd berichtet. Er ist Titularbischof des Bistums »Germania« in Numidien, ebenfalls im heutigen Tunesien gelegen, und war von 2003 bis 2007 Apostolischer Nuntius des Papstes in »Germania«, wie Deutschland. »Eine überraschende Fügung der Vorsehung«, nennt Ender das in seiner Residenz in Berlin-Kreuzberg. Aber er würde nicht im Traum daran denken, die zu Zeiten des Kirchenlehrers Augustinus im 4. und 5. Jahrhundert florierende Christendiözese »in Besitz nehmen« zu wollen, wie es die Bischöfe sonst am Anfang mit ihren Kirchenprovinzen machen. Bei den Stichworten »Islam« und »Muslime« denkt der Erzbischof an seine Jahre von 1990 bis 1997 als Botschafter des Papstes im Sudan, in der Hauptstadt Khartoum mit ihren gewaltigen Problemen, nachdenklich, traurig, weil die Lage für Christen und Muslime so bedrückend erschien.

Gebete und Sieg