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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Nach der Nacht
Glücklicher Morgen: Wir in der Sonne
Unter uns Nebel, über uns Vögel
Zwei graue Reiher auf geradestem Weg
Im Gleichschlag der Flügel
Im Gleichtakt des Fluges
Aus tiefem Blau in weit fernere Bläue.
Robert Gernhardt
 
 
 
 
 
Glück ist ein guter Fluss des Lebens
im Einklang mit der Natur.
Zenon von Kition

Vorwort
Welches Gold?
Der Dichter Gottfried Benn (1886 bis 1956) meinte einmal: »Dumm sein und Arbeit haben: das ist das Glück.« Das mit der Arbeit ist nicht ganz falsch und heute wieder hochaktuell. Aber in dem saloppen Zynismus dieses Bonmots steckt noch etwas anderes: Die Unterstellung, die unverhohlene Suche nach Glück verrate auch einen gewissen Intelligenzmangel. Nach dem sehr alten, gerade in deutschen Landen verbreiteten Motto: Der Verzweifelte ist eher der tiefe Denker als der Glückliche. Der Glückliche hat bloß den Abgrund noch nicht bemerkt, vor dem er steht. Diesem vor allem nach 1945 fast obligatorischen Anti-Glücks-Theorem möchte das vorliegende Buch gründlich widersprechen.
Melancholie mag zur geistigen Reifeprüfung eines deutschen Intellektuellen gehören – spätestens seit Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud, die dem Glücksstreben des Menschen keine Chance gaben. Doch Melancholie ist keine Pflichthaltung und kann, recht bedacht, durchaus auch zum Repertoire einer geglückten Lebensführung gehören.
Die Schatzsuche nach dem »Gold in der Seele« – eine Metapher des griechischen Philosophen Platon – hat Hochkonjunktur, seit die utopischen Gesellschaftsentwürfe in sozialistischer, nationalistischer, konsumistischer oder technokratischer Richtung abgewirtschaftet haben. Dies ist kein Grund zur Trauer. Es geht eben nicht mehr um die Rettung des Individuums durch die vermeintlich richtige Gesellschaftsordnung; es geht darum, dem Individuum mehr Chancen zur Selbstentfaltung und Selbsterweiterung zu zeigen, Chancen, die dieses Individuum, wenn es sie maßvoll nutzt, zufriedener und damit sozialverträglicher machen; davon wird dann auch jede Gesellschaft profitieren, sofern sie offen dafür ist, sich selbst zu korrigieren. Anders gesagt: Der Schatzsucher nach dem Glück ist kein oberflächlicher Egoist, der nur zu seinem höchst eigenen Wohl den Supermarkt der emotionalen Höhepunkte und geistigen Erbauungsgüter leer kaufen will.
Die zahllosen Ratgeberbücher und Schnellschuss-Fibeln in Sachen Glück erwecken allerdings diesen Eindruck. Sie bieten das Glück frei Haus, in Listen und Katalogen, als bräuchte man nur zuzugreifen. Aber so leicht ist Glück nicht zu haben. Die Wege zum Glück sind Umwege, und zu diesen Umwegen gehört die große, mehr als zweitausendjährige Tradition philosophischen und psychologischen Nachdenkens – von Epikur über Bertrand Russell bis zu Wilhelm Schmid, dessen Lehre von der Fülle des Lebens (2006) seit einigen Jahren zu den erfolgreichsten Glücksentwürfen des deutschsprachigen Raums zählt.
Nachlesen und nachdenken, bei jüngeren und älteren Menschen von heute journalistisch nachfragen – das hilft weiter und macht sogar Spaß und ist insofern selbst ein Beitrag zum Glück. Eine nachdenkliche, die wichtigsten Glückslehren zusammenfassende, aber auch erweiternde Glücksfibel: Das möchte dieses Buch sein. Sie darf von den schicksalhaften Zumutungen und den Erfahrungen der Vergänglichkeit (Krankheit, Alter, Einsamkeit, Tod) nicht einfach absehen. Das unterscheidet sie von den meisten Glücksratgebern, aber auch von allen hirnphysiologischen Glückstheorien, die von speziellen Glückshormonen und deren möglicher chemischer Unterstützung handeln.
Der Buchtitel verrät eine Grundorientierung des Autors: Er bekennt sich zu einer Lehre vom Menschen, die nicht zuletzt auf die intuitive Erkenntniskraft der Gefühle setzt und trotz allen naturwissenschaftlichen Hirnzerlegungen an dem altmodischen Begriff »Seele« festhält – auch weil er dessen emotionale Tiefe nicht preisgeben möchte. Außerdem widerspricht er einem Zeitgeist, der im Namen vermeintlich voraussetzungsloser, illusionsbefreiter Realitätsspiegelung und im Sinne einer einseitig deutenden Evolutionstheorie das Seelenleben des Menschen allzu sensationslüstern schwärzt: Der Mensch erscheint als düsterer Egodämon, der alles Positive nur »vortäuscht«. Dieses Menschenbild triumphiert – vielleicht weil nur schlechte Nachrichten genügend Beachtung finden? Für den Autor dieses Buches ist die Seele in der Regel kein Sex & Gewalt-Vulkan, der die Gesellschaft fast ausschließlich zu immer neuen Katastropheneinsätzen zwingt, sondern eine ambivalente, geheimnisvolle Innerlichkeit, über die sich viel sagen, deren wunderbare Unergründlichkeit sich aber nicht gegenständlich fixieren und »entzaubern« lässt.
Die Schatzsuche nach dem Gold in der Seele setzt voraus, dass der Mensch in seinem Innersten zu strahlen vermag, weil dieses Innere substanziell über ihn hinausweist. Gold stammt aus einer Sonne, die irgendwann explodiert und deren metallischer Staub dann aus dem Kosmos auf die Erde gelangt ist. »Schweiß der Götter«, sagten die Inkas in Altamerika dazu. Jedenfalls eine kostbare Substanz, nicht ganz von dieser Welt. Das Gold, das von der Seele in einer Weise gehütet wird, die den Betrachter blendet, ist die Seele selbst.
 
Winsen an der Luhe, im März 2009

Annäherung an das Glück
Immer wieder missbraucht, und dennoch jungfräulich: das uralte Zauberwort Glück. Es funkelt hart und hübsch wie eine bunte Glaskugel, die das Licht einsammelt. Und es erzählt viele Geschichten.
Zum Beispiel diese aus dem Jahr 1923: Ein Brot kostet in Deutschland 320 Millionen Mark, ein Mittagessen 200 Millionen; Kohlen, Wohnungen, Arbeit – alles Mangelware. In einem Dorf bei Darmstadt wird, mitten im heißen Juli, einer Mutter nach Wehen, die schon den dritten Tag andauern, ein Junge aus dem Leib geholt, vom Hausarzt, der muss den Kopf in die Zange nehmen und ziehen.
»Meine Mutter«, erinnert sich dieser Junge 71 Jahre später, »hatte große, aber leere Brüste. In der weiteren Verwandtschaft fand sich eine hochschwangere Frau, aus deren flacher Brust sich zwei Milchquellen überreich ergossen. Diesem glücklichen Umstand verdanke ich eine Amme, mit der ich mich bis zu ihrem Tod verbunden fühlte. Ihr Sohn war mein Milchbruder, eine biedermeierliche Institution. Wir saßen nebeneinander auf vielen Schulbänken.«
Der dies schreibt, ist viele Jahre lang der bedeutendste deutsche Theaterkritiker, Autor des berühmten Schauspielführers Spielplan: Georg Hensel (1923 bis 1996). Seine Lebensbilanz, ein großes »Buch von der Angst vor dem Tod und von der Sehnsucht nach Glück« (Marcel Reich-Ranicki), trägt den Titel Glück gehabt (1994).
Glück, das heißt hier: Er ist noch einmal davongekommen, mehr oder weniger zufällig. Und er hat emotionale Höhepunkte erlebt wie jenes »herzausweitende Glücksgefühl«, das ihn einmal durchrauscht, als er an einem Fallschirm hoch über der Bucht von Acapulco schwebt, über diesem »sinnverwirrend blauen Meer«, wo er die »Ur-Lust« empfindet, »von oben hinunterzuschauen«, von diesem extremen »Fluchtort im Unverbindlichen«. Fluchtort im Unverbindlichen: fast schon eine Definition des Glücksgefühls.
»Glück gehabt« ist für die Erinnerungen eines Deutschen, der auch von Hitlerjugend, Naziterror und Krieg erzählt, eine kühne Titelwahl. Hensel trifft sie in einer Zeit, deren Kulturklima noch beherrscht wird von der Empörung über der Deutschen »Unfähigkeit zu trauern«, entsprechend der 1967 publizierten, jahrelang eifrig zitierten Diagnose der Frankfurter Psychoanalytiker Alexander und Margarete Mitscherlich. Autoren dieser Jahre denken etwa so wie Hensels langjährige Nachbarin, die Schriftstellerin Gabriele Wohmann: »Fürs Schreiben ist Glück unergiebig.«
Das hat sich seitdem gründlich geändert. Warum und inwiefern, wird noch zu erörtern sein.
Georg Hensels Glücksbiografie ist ein besonders prägnantes Beispiel aus der Vergangenheit. Glücksgeschichten, die sich in jüngster Zeit zugetragen haben, unterscheiden sich von der Hensels vor allem durch eines: Sie sind selten der Not oder der Angst vor dem Kriegstod abgetrotzt, sie eignen sich kaum für das Motto »Wir sind noch einmal davongekommen«. Die meisten Glücksgeschichten von heute sind sozusagen saturiert – Glückserfahrungen, die in der Regel einem Leiden auf hohem zivilisatorischen Niveau entrissen werden.

Das Glück der Anerkennung
Es gibt so viele Glücksfälle, und sie fallen so unterschiedlich ins Leben, dass eine kompakte Definition unseres Schlüsselbegriffs kaum möglich zu sein scheint. Das Wort »Glück« benennt einen Fund, zugleich aber bezeichnet es etwas Gesuchtes, ist es ein Suchwort: Angel und Fisch in einem. Immerhin widerlegt die Vielzahl und Vielfalt der So-oderso-Glücksgeschichten anschaulich den alten Verdacht, wer vom Glück rede, schüre bloß eine billige Illusion und bediene bestenfalls existenziellen Eskapismus, eine dem Menschen natürliche, aber verwerfliche Fluchtbewegung. »Glück«, das hatte viele Nachkriegsjahre lang den biederen Beigeschmack von Glücksfee und Glücksklee, Glücksstern und Glückskäfer, Glückstag und Glücksspiel, das war etwas für den schematischen Glückwunsch zum Fest. Bei Menschen mit intellektuellem Anspruch hatte das wackelige Wort kaum Kredit, denn es verfehlte grundsätzlich den Anspruch, irgendetwas Scharfsinniges, Realistisches, Kritisches und Verallgemeinerungsfähiges zu der Frage beitragen zu können, was aufgeklärte Zeitgenossen vom Leben überhaupt wollen – und was sie wollen sollten, damit ihr Leben sinnvoll ist und einigermaßen »gut läuft«. Die vermeintlich naive Rede vom Glück überließ man vermeintlich schlichten Leuten, einem Außenseiter wie dem Schriftsteller Ludwig Marcuse oder Kalendern und Postkarten mit Herzchen drauf.
Gegen all dies muss gesagt werden: Wir sollten Respekt vor dem Glück haben – vor dem Thema und dem guten, alten Wort. Es hängen so viele Geschichten daran, so viele Aspekte, so viele Ideen und Fragen, um die es schade wäre, folgten wir den Verächtern der Glücksphilosophie, zu denen ja nicht nur der wunderbare Pessimist Arthur Schopenhauer gehört.
Wir werfen die Angel einfach mal aus: Bei einer dieser realen Glücksgeschichten, die wir erzählen können, geht es um die Besten der Besten. Nicht die viel beschworene neue Elite, sondern Hübscheres: Pferde, jene mythenumrankten Vierbeiner, die seit knapp 5000 Jahren dem Menschen dienen und auf ihre Weise zu seinem Glück beitragen – der altgriechische Sonnengott Helios fährt vierspännig über den Himmel, in anderen Kulturen gilt eine Stute als Amme des Menschen, Pferde tragen oft die Seelen Verstorbener in sich, viele stolze Rösser wurden ihren herrschaftlichen Besitzern mit ins Grab gegeben, weil sie innig mit ihnen verbunden waren und ihnen noch im Jenseits als Reittiere zur Verfügung stehen sollten.
Noch heute gilt ein elegantes, temperamentvolles, gut gebautes, artgerecht ausgebildetes und verlässliches Reitpferd als wertvolles Kulturgut, dem ein wohl aus dem Arabischen stammender Spruch mit dem Reim huldigt: »Das Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde« (Tierfreunde variieren ihn etwas bösartig: »Das größte Glück der Pferde ist der Reiter auf der Erde«). Ein besonderes Glücksspiel für Käufer und Verkäufer von Pferden sind die regelmäßigen Auktionen aus jener Zucht, deren Individuen weltweit begehrter sind als deutscher Elitenachwuchs: Hannoveraner.
Unter der Obhut des Hannoveraner Verbands werden jedes Jahr rund 1500 – zuvor getestete – Reitpferde versteigert, die meisten in der niedersächsischen Kleinstadt Verden an der Aller. Zwei der vier großen Auktionen, die dort jährlich stattfinden, tragen die Vorsilbe »Elite«, weil eine Expertenkommission dafür nach besonders strengen Kriterien jeweils gut hundert Pferde auswählt – aus mindestens doppelt so vielen, die ihnen von Züchtern angeboten werden.
An einem Spätnachmittag im Oktober 2007 galoppieren die Preise so lustig davon wie lange nicht. In der schwülen, bis auf den letzten der rund 4000 Plätze besetzten Halle bietet der Auktionator, ein silberhaariger Endfünfziger mit der durchdringenden Stimme eines Nachtclubanimateurs, ein edles Ross nach dem anderen feil. Nach jedem Gebot derselbe Verführertrick, dieselbe Litanei: »Zum Ersten … zum Zweiten … zum Dritten«. Wenn keiner, auch nicht ein Amerikaner, mehr bietet, folgt das schicksalhafte »zum letzten … zum aller-, aller- … allerletzten … Mal«. Der Hammer fällt: »Verkauft«. In den Applaus mischen sich Pfiffe, hier ein »Ah«, dort ein »Oh«. Und schon trabt das nächste Pferd in die Bahn und wird von einem professionellen Auktionsreiter in den Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp kurz vorgeführt.
Aber diesmal gibt es eine Verzögerung. Der Auktionator wartet ein bisschen. Denn der Züchter der soeben versteigerten, fünfjährigen Fuchsstute (»toller Schritt«), der kleine 62-jährige Reinhold H., tanzt und hüpft, während im Hintergrund ein Extratusch eingespielt wird, mit hochrotem Kopf am Rand der Arena hin und her, als habe ihm seine Angebetete gerade das Jawort gegeben. Er umarmt Freunde, greift nach dem Sektglas, jubelt und ruft mehrfach: »Das ist der glücklichste Augenblick meines Lebens.«
Sein Dressurpferd, von der Zuchtlinie her ein klarer Außenseiter, hat mit einer Preissumme von 400 000 Euro die Goldmedaille dieser Veranstaltung gewonnen. So teuer wechselt hier nur alle paar Jahre mal ein Vierbeiner den Besitzer. Es ist der Spitzenpreis dieser Auktion; der höchste Gewinn, der bei der darauf folgenden Eliteauktion im März 2008 erzielt wird, beträgt wenig mehr als die Hälfte.
Der Glücksschrei des Züchters galt gewiss nicht nur dem ordentlichen Geldbatzen, der mit der Auszeichnung einhergeht. Er ist schließlich kein armer Bauer, für den 400 000 Euro einem Lottogewinn gleichkommen, sondern ein wohlhabender Bürger, der nur im Nebenberuf Pferde züchtet. Sein spontaner Ausruf gilt vor allem dem überraschenden Triumph seines vierbeinigen Schützlings, dem Zugewinn an Beachtung in diesem Gewerbe (das den Seiteneinsteiger gern belächelt), dem unerwarteten Lohn für jahrelange Mühsal und Tüftelei, dem Erfolg einer von den Experten kaum empfohlenen Kombination einer bestimmten Hengstlinie mit einer bestimmten Stutenfamilie. »Na, was sagt ihr jetzt?!« Das Glück des trotzigen Außenseiters.
Die meisten Pferdezüchter auf dem Land sind schon froh, wenn die vier- bis sechsjährigen Dressur- oder Springpferde, die sie großgezogen und ausgebildet haben, bei der Verdener Eliteauktion überhaupt akzeptiert werden, und in der Regel zufrieden, wenn sie dann Preise zwischen 15 000 und 60 000 Euro erzielen. Oft wechseln die Pferde für sehr viel weniger den Besitzer, und die frustrierten Züchter fahren mit null Gewinn nach Hause. 400 000 Euro dagegen sind nicht nur viel Geld, sondern auch ein Mehrwert an Prestige und Ruhm, der in diesem Fall über Europas Grenzen hinausreicht: Die Käufer waren US-Amerikaner.
Woraus besteht in diesem Beispiel also das Glück? Aus dem materiellen Gewinn einerseits, vor allem aber aus der Anerkennung einer über Jahre hinweg erbrachten Leistung, die dem Anerkannten ein bestimmtes Ansehen in einer professionellen Gruppe beschert – sie hat ihn bisher nicht übermäßig ernst genommen. Diese Anerkennung sichert Zugehörigkeit und schützt vor jener Einsamkeit, die jeden Menschen – und jedes Menschen Glückschance – bedroht. Zugleich aber, und das ist entscheidend, zielt die Anerkennung hier nicht bloß auf Äußerliches, auf irgendeinen Besitz, den der Anerkannte den anderen voraushat, sondern auf das, was er ist; auf seine Kennerschaft, seine Leidenschaft, sein Können als Züchter, auf einen Vorzug, der durchaus zu seiner existenziellen Selbsteinschätzung beiträgt. Diese Anerkennung hinterlässt mithin etwas Bleibendes im Anerkannten, während Anerkennung für irgendeinen beneidenswerten Besitz in dem Moment schal wird, in dem der Besitzer das entsprechende Gut verliert. Auch das emphatische Glücksgefühl, das den beglückten Pferdezüchter einige Augenblicke lang so hinriss, gehört zu diesem Glück, aber es ist nicht dessen eigentliche Substanz.
Um die unerwartete Anerkennung einer Leistung dreht sich auch die folgende Glücksgeschichte: Der dreißigjährige Mannheimer Hochschulassistent Richard M. will an einem Donnerstagabend – der Tag war schwül, die Woche anstrengend, die Studenten waren unaufmerksam – endlich nach Hause fahren. In der Tiefgarage unter dem Institutsgebäude gleitet ihm der Autoschlüssel gleich zweimal aus der Hand, er ist genervt und müde, niemand würdigt, so scheint es ihm, seine besondere pädagogische Bemühung, das Informatikseminar so lebendig und verständlich wie nur möglich abzuhalten.
Plötzlich, er will sich gerade hinter das Steuer schieben, jault das Handy. Es ist ein sehr kurzes Gespräch – das Gespräch seines Lebens: »Wir wollten Ihnen nur mitteilen, dass die Professorenstelle, für die Sie sich beworben haben, an Sie vergeben wurde.« Die trocken schnarrende, bemüht sachlich klingende Stimme einer nicht mehr ganz jungen Dame der Universitätsverwaltung bringt noch ein knappes »Glückwunsch« zustande und fragt, ob es irgendwelche organisatorischen Fragen gebe, er müsse nun wohl von Mannheim nach Greifswald umziehen (»frische Seeluft«).
Es gab erst einmal keine weiteren Fragen. Aus dem Abstand von ein paar Jahren erzählte er: »Ich konnte mich nicht bewegen, meine Glieder waren taub, ich stand unter Schock, nur ganz allmählich strömte das Blut, das Gefühl in meinen Körper zurück. Ich stand reglos im Neonlicht der muffig riechenden Garage und reiste in Gedanken weit zurück in meine Kindheit. Damals rieten Grundschullehrer meinen Eltern, mich auf die Hauptschule zu schicken. Der Junge sei sonst überfordert, hieß es.
Auch wilde Hausaufgabenkämpfe mit meinem Vater kamen mir in den Sinn: Einmal rannte er brüllend und rot vor Wut mit dem Lateinbuch hinter mir her, die Nachbarn klopften erbost gegen die Wand. Später, während meines Studiums, coachte er mich fast täglich am Telefon. Aber nach dem Examen liefen meine Bewerbungen zunächst ins Leere, die Professorenstelle, von der ich träumte, schien längst in weite Ferne gerückt.
Doch jetzt, nach dem Anruf, war alles anders; ich erkannte: All das Kämpfen mit mir selber und gegen andere hatte sich tatsächlich gelohnt. Ein einziger Glückseligkeitsschauer rann mir über den Rücken, alles schien plötzlich zusammenzupassen, wie ein kosmisches Quiz, dessen Regeln man für einen winzigen Moment durchschauen darf. Ich wusste nun: Ich, diese schwierige, störrische Person, hatte all diese Hindernisse und Mühen überstehen müssen, hatte mir dieses Glück, das mir heute widerfahren war, verdienen müssen, um es entsprechend würdigen zu können.«
Für den Informatiker Richard M. hat sich damit, wie er sagt, sein »Leben entscheidend verändert«. Worin bestand das Glück, das er angesichts der Professorenstelle empfand? Gerade nicht in dem besseren, nun endlich gesicherten Einkommen, das Frau und Kind gewiss beruhigte. Sondern darin, dass er seit damals ein anderes Verhältnis zu sich selbst gefunden hatte. Die »große, unerwartete Anerkennung« habe ihm unendlich gutgetan, diese triumphale Krönung einer oft frustrierenden Laufbahn, auf der er nur in Trippelschritten voranzukommen schien. Wenn er nur an die vielen netten Wegbegleiter zurückdenke, die regelmäßig an seiner Kompetenz gezweifelt hatten – und jetzt: Er, ausgerechnet er war einer der jüngsten Universitätsprofessoren Deutschlands geworden.
In der Tat ist der Kampf um Anerkennung, wenn er erfolgreich ausgeht, für den Menschen eine der ergiebigsten Quellen des Glücks; und gleichzeitig kann er, wird er vergeblich gekämpft, zu einem der bösesten Hindernisse auf dem Weg zum Glück werden. Solange die Anerkennung durch Mitmenschen fehlt, vermögen nicht einmal Geld und Luxus, die landläufig als Glücksfaktoren gelten, einen Menschen glücklich zu machen.
Jener legendäre Arbeitslose, genannt »Lotto-Lothar«, der 1994 – zusammen mit seinem Bruder – den mit 7,8 Millionen Mark gefüllten Lotto-Jackpot gewann und sich sogleich mehrere Pferde und einen luxuriösen Sportwagen zulegte, wurde nicht glücklich; er betrank sich pausenlos, überwarf sich mit seiner Frau und starb fünf Jahre nach dem Lottogewinn an einer Leberzirrhose. Vermutlich war es die Anerkennung einer beruflichen Leistung an einem einigermaßen gerecht besoldeten Arbeitsplatz, das Gefühl, wirklich irgendwo gebraucht zu werden und darum geschätzt zu sein, was ihm fehlte. Plötzlich war er – ohne eigenes Zutun – beliebt, konnte sich aber kaum selbst lieben. Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung waren nicht in der Balance. Und so verlor er den Halt.
Obwohl der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831) geschrieben hat: »Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks«, hat er sich in einem Gedankenexperiment die erste Begegnung zwischen zwei Menschen – gewissermaßen als Urszene der Gesellschaft – als »Kampf auf Leben und Tod« um Anerkennung, also um ein Glücksmotiv, ausgemalt. »Anerkennung« meint dabei nicht den bloßen Applaus der Außenwelt, der jeder ernsthaften, stoisch stolzen Existenz gleichgültig sein kann. Der Begriff »Anerkennung« zielt hier auf eine existenzielle Bejahung des Selbst, nicht auf den flüchtigen Ruhm dessen, der im täglichen Wettstreit um die Münze Aufmerksamkeit siegt. Selbstanerkennung, vertieft zu einer das jeweils Eigene bejahenden Selbstfindung, ist stets auch Abgrenzung vom »Anderen«, vom anderen Selbst wie vom dinghaften Nicht-Selbst. Echte Selbständigkeit des Geistes erfordert das »Tun des Anderen«, letztlich den »Tod des Anderen«, wie Hegel in der Phänomenologie des Geistes (1807), im Kapitel über »Herrschaft und Knechtschaft« zuspitzt.
Zunächst wird damit der geistige Prozess beschrieben, in dem das Selbstbewusstsein sich selbst gegenübertritt und dieses zweite Selbst dann als fremdes »negiert«, weil es in Wahrheit ja das eigene ist. Aber gewiss zielt der Denker damit zugleich auf das Urverhältnis zwischen zwei Individuen mit Selbstbewusstsein. Das Individuum muss sein Leben gegen das des anderen »wagen« und sich in diesem »Kampf« »bewähren«, sonst bleibt seine Freiheit »abstrakt«. Eine Freiheit, die nicht von anderen Freien aufgrund einer konkreten Auseinandersetzung anerkannt wird und diese anderen Freien auch selbst als Freie respektiert, ist nicht »lebendig«; ohne die so verstandene, wechselseitige Anerkennung der verschiedenen Freien gibt es keine Freiheit, kein wirklich selbstbewusstes Ich, keine Selbstverwirklichung – kein Glück.
Das gesellschaftliche Gegenbild dazu ist das Verhältnis zwischen dem Führer und den Massen, die ihm auf Befehl zujubeln – alles andere als ein Glücksbild.
Auch Hegel weiß: Anerkennung allein macht nicht glücklich. Denn Selbstbewusstsein heißt ja erst einmal: Das Bewusstsein ist »in sich entzweit«, also strukturell »unglücklich«, wie Hegel sagt. Der Grund: Das Ich weiß sich spontan zugleich als einfaches Ich-Wesen, das unwandelbar, mit sich selbst identisch ist, und als wandelbares, vielfach beeinflussbares, insofern unwesentliches Ich, das unter wechselnden Umständen »in die Existenz« tritt und erst wesentlich, das heißt: konstant mit sich eins zu werden versucht. Das sind zwei »Ichs« mit Selbstbewusstsein! Eines »schaut in ein anderes«: das Unwandelbar-Unmittelbare in das Werdende und Strebende.
Das so vom Anfang her entzweite Bewusstsein in eine lebenssatte Einheit hinüberzuführen, das wankelmütige Ich in ein konstantes Ich einzufahren wie die Ernte in die Scheune – das wäre das wahre Glück des Geistes.
Es erscheint uns als sehr fernes Philosophenglück, nicht illusionär, doch schwer erreichbar. Auf jedermanns Leben ist davon gleichwohl die Lehre anwendbar: Dem wie auch immer Anerkannten verschafft die Anerkennung kein Glück, wenn er mit sich selbst überwiegend »entzweit« ist, im Streit liegt. Wenn er das, was er von Tag zu Tag tut, mit dem, was er dauerhaft will, in keiner Weise versöhnen kann; wenn er sich selbst nicht wirklich anerkennen kann sowie wenn er diejenigen, die ihn bejahen, gar nicht schätzt – das Grundproblem des Tyrannen, der die, die ihn aus Not anerkennen, nicht anerkennen kann, weil sie zu dem, was sie ihm entgegenbringen, gezwungen wurden. Und wenn einer bei allem sozialen Erfolg begründete Angst hat, unter seinen Möglichkeiten zu bleiben oder schon morgen tief zu fallen, ist das Glück der Anerkennung bereits brüchig. In diesem Fall sabotiert die skeptische Selbsteinschätzung die Zustimmung der Umwelt, so groß sie auch sein mag.

Geld ist (k)ein Glück
Die Frage zu beantworten, was das Glück eigentlich sei, ist nicht zuletzt darum so schwierig, weil dabei nach etwas halbwegs Objektivem in einem extrem subjektiven Gefühlsbiotop gesucht wird; weil zumal das Urteil über ein geglücktes Leben erst von dessen Ende her, und definitiv auch nur von einem Standpunkt außerhalb dieses Lebens, gefällt werden kann; andererseits komplett in die Zuständigkeit der Innerlichkeit jenes Einzelnen gehört, um den es geht. Eine eigentlich unmögliche Urteilssituation.
Schon die alten Griechen, so zum Beispiel Aristoteles, wussten: Das einzelne Leben kann im Rückblick nicht als gelungen erscheinen, wenn sein Ende die Angehörigen und Freunde ins Unglück gestoßen hat. Etwa durch hinterlassene Schulden oder schmutzige Geheimnisse, die erst durch den Tod offenbar geworden sind. So gilt auch eine Königsherrschaft als nicht geglückt, wenn die Politik, die der Monarch bis dahin verfolgt hat, das Land nach seinem Tod in die Katastrophe führte.
Die Antwort auf die Frage nach dem wahren Glück fällt vor allem deshalb schwer, weil es so einfach zu sein scheint, sie zu geben. Die meisten glauben an den sprichwörtlichen Satz: Geld macht nicht glücklich. Der Physiker Albert Einstein sagt: »Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt.« Das stimmt. So mancher Geldsack ist innerlich hohl und unerfüllt, Geld sichert zwar die materielle Existenz und macht unter Umständen zufrieden, kann aber zu der Frage nach dem Sinn dieser zufriedenen Existenz wenig beitragen. Andererseits kann Geld durchaus glücklich machen, auch wenn man nicht so weit gehen muss wie der US-Komiker Danny Kaye, der meinte: »Geld allein macht nicht glücklich. Es gehören auch noch Aktien, Gold und Grundstücke dazu.«
Erst kürzlich haben zwei angesehene Wirtschaftswissenschaftler von der US-Universität in Pennsylvania, Betsey Stevenson und Justin Wolfers, eine Studie abgeschlossen, in der sie über einen längeren Zeitraum hinweg die Aussagen armer und reicher Menschen verschiedener Länder gesammelt und ausgewertet haben. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass trotz kulturbedingt unterschiedlicher Einschätzungen des Glücks die Leute fast überall auf der Welt glauben, sie würden glücklicher, wenn das durchschnittliche Einkommen um drei Prozent steige, egal wie arm oder reich das jeweilige Land absolut gesehen sei; und sie behaupten, mehr Geld mache selbst den zufriedener, der schon genug davon habe.
Lange Zeit galt das Gegenteil: US-Forscher hielten über Jahre hinweg an der Meinung fest, Glück hänge zwar vor allem vom wirtschaftlichen Erfolg des Einzelnen ab, die Untergrenze liege bei einem Jahreseinkommen von ungefähr 80 000 Dollar – wer weniger verdiene, sei eher unzufrieden, wer hingegen mehr verdiene, nicht deutlich glücklicher. Sei jedoch erst einmal eine gewisse Schwelle des Wohlstands überschritten, so glaubte man nicht zuletzt infolge einer Analyse des japanischen Wirtschaftswunders, verfliege jene Glück bringende Wirkung des Geldes, die in ärmeren Nationen eindeutig zu beobachten ist.
Die neue, 2008 bekannt gewordene Studie aus Pennsylvania besagt nun: Geld ist zwar nicht alles, aber genauso wenig gibt es einen Sättigungspunkt, von dem an finanzieller Zugewinn den Profiteur kalt lässt.
Die grenzenlose Gier mancher Topmanager, die im Winter 2008 /2009 als eine der Ursachen für eine der größten Finanzkrisen der Geldgeschichte – ein weltweites Massenunglück – benannt und beklagt wurde: Hier wird sie als zweck freier Lustgewinn wissenschaftlich aktenkundig. Gerade dieser Lustgewinn kann auch den einzelnen Menschen ins Unglück stürzen.
Im Januar 2009 warf sich einer der Großindustriellen Deutschlands vor einen Zug: Adolf Merckle, der 74 Jahre alte schwäbische Chef von Firmen wie Ratiopharm, Kässbohrer und HeidelbergCement. Der Herr über rund 120 Unternehmen, der mit einem Vermögen von zehn Milliarden Dollar im Jahr 2008 Platz 94 der reichsten Menschen der Welt einnahm (laut US-Magazin Forbes), hatte sich katastrophal an der Börse verspekuliert: Um die hohen Schulden, die er zu und nach der Übernahme von HeidelbergCement angehäuft hatte, ohne zusätzliche Kredite bedienen zu können, hatte er zu viel Geld auf fallende VW-Aktienkurse gesetzt, die dann aber permanent stiegen. Merckle hätte auch ohne den Zukauf jener Baustofffirma ausgesorgt gehabt: Waldbesitz, das Schloss Hohen Luckow, ein eigener Skilift im Kleinwalsertal und vieles andere bezeugen satten Wohlstand, den ein wenig zu reduzieren gewiss möglich gewesen wäre, ohne den Status des erfolgreichen Unternehmers einzubüßen. Aber das Glück, um das es in diesem Fall geht, spielt in einer anderen Liga.
Der Journalist Rainer Hank schrieb – im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 11. Januar 2009 – zur spektakulären Selbsttötung des Blaubeurer Milliardärs: Merckle sei »ein Abenteurer« gewesen, vergleichbar den »großen amerikanischen Unternehmern der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts«. Zudem »ein Spieler, einer, der als Unternehmer, Spekulant und Schuldner immer voll auf das Risiko setzte … ›Thrill‹ nennt der Soziologe Urs Stäheli das den Spekulanten begleitende Glücksgefühl, ein schwer übersetzbares Wort, welches eine Art Nervenkitzel, einen Kick meint, der die Emotionen hochfährt und das Gemüt in Spannung und Wallung versetzt. Es geht nicht nur um die Vorwegnahme des großen finanziellen Glücks, das man zu erlangen hofft: Es geht vielmehr um den Genuss jenes magischen Moments, in dem man nicht weiß, was die Zukunft bringen wird. Der Reiz des Risikos treibt uns in eine ambivalente Situation, einen außergewöhnlichen Zustand der Angstlust. Der Thrill des Spekulanten kommt einer Art Rauschzustand gleich; kein Wunder, dass Glücksspiele süchtig machen können.«
Ein Spiel – die Bankwette auf fallende VW-Aktienkurse – war es schließlich, das den Zocker Merckle erst faszinierte, dann aber zu Fall brachte. Der Glücksfaktor Geld ist also keine nüchterne Summe aus Aufwand und Rendite, sondern letztlich so irrational wie die Sentimentalität eines Liebespaars bei Vollmond.
Im angelsächsischen Raum gehört das Nachdenken über den Zusammenhang von Geld, Wohlstand und Glück zum Alltagsgeschäft, hängt doch nicht zuletzt davon die Akzeptanz der Marktwirtschaft ab. Der englische Philosoph John Locke konstatierte schon 1689, also 87 Jahre vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung – die das »Streben nach Glück« (the pursuit of happiness) ausdrücklich als humanes Grundrecht fixiert: »Die höchste Vollkommenheit einer vernunftbegabten Natur besteht in dem unermüdlichen Streben nach wahrem und dauerndem Glück.« Materieller Erfolg bedeutete gewiss auch für Locke eine Menge Glück. Leider ist es nie von Dauer.
Was meint also »wahr« und »dauernd« in Bezug auf Glück? Zunächst einmal ist klar: Glück, egal welches, will andauern. Auch weil ein Glücklicher, der jeden Augenblick das jähe Ende dieses angenehmen Zustands gewärtigen muss, sein Glück gar nicht recht genießen kann – aus Sorge um den Zeitpunkt dieses Endes. »Wahres«, weil »dauerndes« Glück – worin besteht es?

Definitorisches: Allerlei Glück
Glück ist, wenn … Nach diesem Muster funktionieren die meisten Glücksbefragungen, entsprechend geht die Zahl der Antwortvarianten gegen unendlich. Schon der römische Grammatiker und Agrartheoretiker Marcus Terentius Varro zählte im 1. Jahrhundert v. Chr. nicht weniger als 288 Glücksdefinitionen. Heute können wir diese Zahl getrost mit tausend multiplizieren – wenn das denn reicht.
Der Germanist Helmut Kreuzer (1927 bis 2004) veröffentlichte 1983 in der Jubiläumsnummer zum fünfzigsten Erscheinungsjahr der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, die dem Thema Glück gewidmet war, den Aufsatz »Vom Glück und Unglück auf den Flügeln der Wörter«. Darin wird der erst spät in der Nachkriegszeit einsetzende Höhenflug dieses speziell von der Philosophie grimmig verdrängten Themas geistvoll und wortreich beschrieben, noch bevor er überhaupt stattgefunden hat (siehe dazu Seite 40 ff.).
»In Symposien wie in Sachbüchern und Ratgebern«, so Kreuzer, seien alte Lebenskunst-»Stichworte«, von Epikur bis Russell, »wieder aufgetaucht: das Für und Wider über das große, das private und das allgemeine, das subjektive und objektive Glück; das Glück des Habens und des Seins, Glück als luck und happiness, als Ereignis, Zustand und Moment; das Glück als Tugend und mystisches Schauen, als Kindes-, Liebes-, Forscher- und Durchschnittsglück; das Glück im Streben, im sinnlichen Genuss, in Wunscherfüllung und Wunschverzicht, in Bedürfnisbefriedigung und Selbstverwirklichung; das Glück in Rausch, Wahn, Spiel und Erinnerung; das Lebensglück und das Glück des Lebens; die Paradoxien des Glücks, das sich uns entzieht, je direkter wir es intendieren, das uns ungesucht … zuteil werden kann oder dessen wir nicht mehr zu bedürfen glauben, wenn wir sogar im Unglück einen Sinn erfahren haben.«
Kreuzer presst sozusagen ein ganzes Glücksland auf einen Quadratmeter zusammen. Der Effekt dieses Gewimmels von Definitionen auf engstem Raum kann nur grotesk sein – und damit die ganze Branche der Glücksdenker lächerlich machen. Es erweckt einen falschen Eindruck, obwohl nichts von dem, was Kreuzer anführt, verkehrt ist. Es verführt den Leser, das Ganze für unsinnig zu halten, weil es so vielfältig und in sich widersprüchlich erscheint. Doch das Gegenteil ist wahr: Gerade die bunte Vielfalt der Glücksreflexionen spiegelt die Komplexität der Sache. Nur in dieser Vielfalt wird die Glücksreflexion dem Leben gerecht, während alle Ratgeber über den vermeintlich einen, wahren Weg zum Glück nur Ausschnitte der Wirklichkeit treffen – und desto lächerlicher sind, je feierlicher sie die exklusive Wahrheit ihrer Vorschläge betonen.
Die wundersame Vermehrung der Ratgeberliteratur ist einfach zu erklären: Sie hilft nicht wirklich. Und weil der eine Ratgeber nichts taugt, wird der nächste konsultiert. Diese Bücher müssen nämlich auf jene zehn bis zwanzig Prozent im Verhaltensrepertoire des Menschen hoffen, die überhaupt für Veränderungen in Frage kommen – der Rest ist änderungsresistent. Bei ihm setzen sich trotz aller guten Vorsätze, ein »neues Leben« zu beginnen, kurze Zeit nach der aufrüttelnden Ratgeberlektüre die alten Gewohnheiten wieder durch, wie der Bremer Verhaltensphysiologe und Hirnforscher Gerhard Roth, Autor des Buches Fühlen denken handeln (2001), festgestellt hat.
Da kann ein weiterer Blick auf das reale Volksgemurmel in Sachen Glück nicht schaden: Die Münchner Ethnologin Annegret Braun, Jahrgang 1962, hat 2007 im Rahmen eines Seminars über »Glücksuche und Glückserleben im Alltag« an der Ludwig-Maximilians-Universität ihre Studenten 713 Interviews führen lassen, um so reale Glücksgeschichten zu sammeln. Befragt wurden, überall in der Stadt, Leute verschiedener Altersgruppen, Berufe und Nationalitäten. Die typischen Antworten bezogen sich auf Erfahrungen wie: die überraschende Ehrlichkeit eines Unbekannten, eine laue Nacht im Frühjahr, der erste Urlaub am Meer, ein Heiratsantrag, die Gefühlsaufwallung beim Wiedersehen mit dem vertrauten Haustier, die plötzliche Erinnerung an den Großvater, die Euphorie beim Hören bestimmter Klänge.
Eine improvisierte Befragung von jungen Leuten, meist Studenten und Schülern, durchgeführt in Hamburg und München im Januar 2009, ergänzt dieses Bild um typische Nuancen:
Die Vorgabe »Das letzte Mal war ich so richtig glücklich …« ergänzten die Befragten folgendermaßen:
■ Alexander, 21, Assistent in einer Agentur für Public Relations: »… als ich im Schnee auf einem Berg in St. Moritz spazierenging. Die Sonne schien wohlig warm, es war traumhaft. Ich bin mit einem sehr lieben Menschen dort gewesen, aber ich glaube, ich hätte auch allein glücklich sein können.«
■ Gracia, 21, Studentin für Medienkommunikation: »… als ich meinen süßen kleinen Hund, einen West Highland White Terrier, gesehen habe. Seit dem Tag, an dem ich ihn gekauft habe, habe ich eine ganz starke Bindung zu ihm.«
■ Stanley, 24, Journalistikstudent und Kellner: »… als ich in der Bar, in der ich sonst als Kellner arbeite, Schallplatten auflegen durfte. Das Sortieren und Bereitstellen der Platten, die ich später auf dem Plattenspieler mische, bedeutet für mich Entspannung pur. Ich bin dann mit den Gedanken nirgendwo anders als bei meiner Musik. Es gibt keine andere Tätigkeit, bei der ich derart konzentriert und klar im Kopf bin.«
■ Kaja, 20, Studentin der Wirtschaftspsychologie: »… als ich einen ganzen Tag frei hatte, um zu tun und zu lassen, was ich wollte.«
■ Mara, 20, Studentin der Psychologie: »… als ich unsere Wohnung geputzt und mein Bett neu bezogen hatte. Ich liebe es, wenn alles in meiner Umgebung frisch und ordentlich ist. Ich habe dann das Gefühl, auch mehr Ordnung in mein Leben gebracht zu haben.«
■ Nicolas, 21, Student der Betriebswirtschaft: »… als es geschneit hatte. Schnee erinnert mich daran, wie glücklich er mich als Kind gemacht hat, an ein Gefühl von Sorglosigkeit und Unbeschwertheit.«
■ Matthias, 25, Wirtschaftsingenieur: »… als ich nachts in einem Auto betrunken ein hübsches Mädchen geküsst habe.«
■ Hannah, 20, Abiturientin: »… als ich mein Pony besucht habe, in seiner Nähe fühle ich mich immer noch wie ein Kind.«
■ Olja, 23, Anglistikstudentin: »… als ich Volleyball gespielt habe. Bewegung macht mich immer glücklich.«
■ Rabia, 11, Schülerin: »… als ich beim Tennisspiel einen Pokal gewonnen habe.«
■ Anna, 32, Sachbuchlektorin: »… als mein Vater seinen sechzigsten Geburtstag feierte. Mitten im nebligen November schenkt uns der Himmel plötzlich einen Tag mit glasklarer Luft, Sonnenschein und einem unvergesslichen Erlebnis. Mein Vater und ich, sonst eher in der Ratio beheimatet, hacken mit seiner neuen Spalt-Axt einen Ster Holz. Den ganzen Nachmittag lang, in trauter Zweisamkeit, ohne viele Worte, mit blindem Verstehen. Am Abend, als wir erschöpft und zufrieden zusammensitzen, erfüllt mich ein Gefühlsgemisch, das ich noch aus Kindheitstagen kenne: ausgetobt, gesättigt von Sauerstoff, Tageslicht und gemeinsamer Betätigung, im Reinen mit mir und der Welt.«
■ Masoothiny, 16, Schülerin: »… als ich im Urlaub in Indien war und auf einem Elefanten geritten bin.«
■ Natalia, 14, Schülerin: »… als ich in Betriebswirtschaftsrecht eine Zwei geschrieben habe.«
Charakteristische Glücksmotive sind demnach Schnee in den Bergen, Sonne, die Begegnung mit Tieren, Konzentration auf Musik, freie Zeit, häusliche Ordnung, Erinnerung an die sorglose Kindheit, ein Kuss im Rausch, sportliche Bewegung, körperliche Anstrengung am Wochenende, Besuch bei den Eltern, sportlicher oder schulischer Erfolg, eine Fernreise.
Was Prominente über ihre Glücksmomente sagen, ist nicht allzu weit entfernt von solchen schlichten, aber lebensechten und auf jeweils andere Weise anrührenden Bekenntnissen. Ihre Aussagen erscheinen aber viel berechenbarer als die der Nobodys: Das Hamburger Ballettgenie John Neumeier, Jahrgang 1943, gesteht: »Tanzende Schüler, das ist Glück.«
Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, Jahrgang 1920, hat 1999 unter dem Titel Mein Leben seine Autobiografie veröffentlicht, ein ergreifendes Buch. Es erzählt ruhig und eingehend den Weg des Marcel Reich, wie er sich lange nannte, von der Berliner Jugend über die Zeit im Warschauer Ghetto bis hin zur Rettung vor den NS-Schergen und zu den Erfolgen als Literaturkritiker bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im Fernsehen. Das Buch führte wochenlang die Bestellerlisten an und wurde 2008 fürs Fernsehen verfilmt. Auf die Frage, ob er angesichts dieser Karriere glücklich sei, antwortete mir Marcel Reich-Ranicki: »Deklarationen«, ob er glücklich sei oder nicht, habe er »nicht gern«. Aber dann: »Glücklich bin ich schon aus einem einzigen Grund nicht – die Nazis haben meine Eltern und meinen Bruder umgebracht, mich und meine Frau haben sie gejagt, das alles verhinderte, dass ich im Leben danach noch einmal glücklich sein konnte.« Natürlich freue er sich über den Erfolg und die gelungene Verfilmung seiner Autobiografie, er sei auch »zufrieden«, wenn er Goethe, Thomas Mann oder Dostojewski lese; und zuweilen sogar »sehr zufrieden«, wenn er Musik von Mozart und Beethoven höre. Auch beim Anblick schöner Bilder? »Bilder«, so Reich-Ranicki, »helfen mir nicht, sie interessieren mich immer nur für kurze Augenblicke.«
Das hübsche niederländische Model Sylvie van der Vaart, Jahrgang 1978, sagt, sie sei dann am glücklichsten, »wenn ich morgens in das Zimmer meines Sohnes Damian komme und er mich anlächelt«, nicht, wenn ihr Mann, der Fußballstar Rafael van der Vaart, ein Tor schieße.
Der Fernsehkomödiant und Bestsellerautor Hape Kerkeling, Jahrgang 1964, antwortet auf die Frage, ob das Lachen, zu dem er seine Zuschauer bringt, etwas mit Glück zu tun habe: »Absolut. Lachen ist wie spirituelles Niesen. Beim Hatschi ist man eine Sekunde lang im Paradies. Lachen ist gefressenes Glück«. Im Übrigen sei wichtig: »Man muss so sein, wie man im Innersten wirklich ist – authentisch.«
Die amerikanische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Angelina Jolie, Jahrgang 1975, gibt ihm in dieser Hinsicht recht. Anlässlich der Deutschland-Premiere des Films »Der fremde Sohn«, in dem sie die weibliche Hauptrolle spielt, verrät sie dem SPIEGEL (12.1.2009), der sie auf ihre Schönheit, den begehrten Ehemann Brad Pitt, die sechs Kinder und ihren Wohlstand angesprochen hat: »Ich bin eine sehr glückliche Frau. Man sagt, Glück ist, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft. Ich glaube, dass dieser Satz stimmt. Ich arbeite als Schauspielerin, seit ich 14 Jahre alt war. Ich hatte diverse Fehlschläge, ich bin zweimal geschieden. Aber ich bin mir selbst immer treu geblieben, und deshalb bin ich mit mir im Einklang. Man muss nicht Erfolg im konventionellen Sinn haben, um glücklich zu sein, sondern man muss bei sich selbst bleiben.« Es sei nicht so, »dass Ruhm mir nichts bedeutet«, fügt sie hinzu – aber es gebe einen Punkt, an dem man »langsam merkt, dass es genug ist«.