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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Für meine Familie

Die Verachtung unsrer Natur
ist ein Irrtum unsrer Vernunft.
Marquis de Vauvenargues

Vorwort
Ganz nah ist es, wie die eigene Haut, und bleibt doch hinter Schleiern verborgen. Es gehört zum geheimsten Bezirk der menschlichen Existenz. Fast jeder Tag murmelt einzig von ihm – selbst die Nächte lassen in ihren Träumen nicht von ihm ab, doch bewusst wird es fast nie.
Das gewöhnliche Leben.
Es ist diese unscheinbare Melodie im Hintergrund, die in ihrer Diskretion, ihrem wiegenden Takt meist unbemerkt bleibt, die mit einem Mal jedoch und unvermittelt fast sich in den Vordergrund spielt – und dann fühlt man sich gezwungen, ihr auf eine Weise das Ohr zu schenken, als hinge das Überleben von ihr ab. Kaum finden wir uns in einem neuen Tag wieder, schon werden wir von ihm mitgerissen, umsprudelt, umfangen und wissen nicht, wie uns geschieht. Obwohl viele, überraschend viele, es verachten, verschmähen und verspotten, zählt es zu den eindrucksvollsten und erstaunlichsten Erscheinungen.
Das gewöhnliche Leben.
Gerade weil viele vor ihm auf der Flucht sind, als wäre es etwas Abscheuliches, werden wir es in dieser Schrift verteidigen. Gerade weil viele aus ihm verschwinden möchten, als wäre es eine von Eintönigkeit geprägte Tyrannei, gerade deswegen wollen wir die Ansicht vertreten, dass es weder eintönig noch tyrannisch ist, sondern dass es in Wahrheit jenes ersehnte utopische Land ist, das die philosophierenden Geografen seit zweieinhalbtausend Jahren immerzu gesucht, doch nie gefunden haben.
Dieses Utopia, das wir hier verteidigen und stark machen wollen, ist das gewöhnliche Leben.
 
Wir werden also ein Fenster aufmachen und einen neuen Ausblick auf das Leben eröffnen. Wer das hier ausgebreitete Panorama in Augenschein nehmen möchte, dem wird nicht nur die Gelegenheit gegeben, Einsichten in manche unbewussten Mechanismen des Lebens zu nehmen, der kann auch zu tieferer Zufriedenheit mit sich und seinem Leben finden.
Warum aber muss das gewöhnliche Leben gerade heute verteidigt werden? Weil wir in einer Zeit leben, in der das Leben von mehreren Seiten her massiv unter Druck geraten ist. Auf wirtschaftlichem Gebiet beherrschen Hunger und Elend den Alltag in großen Teilen der Erde, beziehungsweise Nervosität und Furcht vor sozialem Absturz in anderen, während ein vergleichsweise geringer Anteil der globalen Population schier unermesslichen Reichtum verschleudert, verschwendet und verprasst. Die anonymisierte Globalisierung hat die nationalen Märkte wie mit Zauberhand entriegelt und schmiedet mit Hochdruck an der wirklichen Vereinigung der »Einen Menschheit« unter dem Hoheitszeichen des unendlichen Warenhandels. Im Dauerfeuer angefachter konsumistischer Appetite und reklamistischer Medienbehämmerung löst sich das Wertempfinden zusehends in Luft auf, und im Säurebad eines übersteigerten Egoismus und eines autistischen Abdriftens in virtuelle Welten geht das Mitgefühl lautlos flöten. Auf ökologischem Gebiet sehen wir, wie unsere globalen Wirtschafts- und Lebensstile unsere Umwelten mit schockierender Geschwindigkeit verwüsten, Ökosysteme ausradieren und Kulturlandschaften nicht nur optisch verschmutzen. Die telekommunikative Globalisierung birgt neben ihren immensen Chancen des echtzeitlichen Miteinanders auch weitreichende Gefahren – wenn ich überall und jederzeit erreichbar bin, wenn mein Allroundtelefon immer angeschaltet ist, dann kann ich nicht abschalten; sie führt auch zu einer virtuellen Zerstörung der Räume und der traditionellen Raumerfahrung: damit führt sie aber zu einer tiefen Verunsicherung von uns allen, weil unsere Selbsterfahrung auf elementare Weise an die Erfahrung stabiler Räume geknüpft ist. Und wo die Profiler und Headhunter in der Wettbewerbsarena, genannt »Die Erde«, nach den rentabelsten Mitarbeitern fahnden, da wächst der Druck auf die gesunden Arbeitsuchenden, nicht nur ihr Gesicht und ihren Körper liften zu lassen, sondern auch ihren Geist: Die neuropharmakologische Revolution findet bereits in den besten Köpfen unserer Generation statt. Der Preis für diese rasende Entwicklung ist hoch, wir bezahlen mit notorischer Unzufriedenheit, mit der Ahnung, nicht zu genügen, mit der Furcht, nicht mitzukommen – wir bezahlen mit unserem seelischem Unglück.
Was bei alledem vergessen wurde und noch immer vergessen wird, ist die Frage nach dem Sinn des Ganzen. Warum und wozu leben wir? Welche Wünsche, welche Träume haben wir? Sind wir ins Leben geworfen, nur um rastlos zu arbeiten und ruhelos uns ständig an den neuesten Entwicklungen zu orientieren und uns nach ihnen auszurichten? Sind wir erzogen worden und aufgewachsen, nur um als nomadische Diener eines alles durchstrahlenden Systems unser Leben zu opfern? Wofür?
Wir gehen davon aus, dass die mit diesen Stichworten angerissene dramatische globale Lage auch die Frucht einer jahrtausendealten Diffamierung des gewöhnlichen Lebens ist. Überraschenderweise besagt eine unserer zentralen Pointen aber, dass es in anthropologischer Perspektive im Grunde gar keine Alternative zum gewöhnlichen Leben gibt. Wo das Leben gelingt, wird es immer gewöhnlich sein. Das gewöhnliche Leben – das ist die Einschulung, das ist der Seniorennachmittag, das ist Weihnachten und Ostern, das sind die Rituale wie Taufe und Beerdigung, wie Kaffeekochen und Joggengehen, das ist der Ärger über die Steuererklärung und das Glücksgefühl, wenn sie ausgefüllt und abgegeben ist, das ist die Straßenverkehrsordnung und das Plaudern mit der Gärtnerin auf dem Markt, das ist der Kummer, die Müdigkeit, die Sehnsucht, das ist der Handschlag, das Winken zweier Passanten, die sich kennen. Das gewöhnliche Leben, das sind wir mit unseren Freuden, Ängsten, Schwächen und Liebesbeweisen.
Es entfaltet sich aber nicht nur in halbwegs sicheren Grenzen, in stabilen Räumen, in der Familie, im Freundeskreis, im Frieden; das gewöhnliche Leben – das ist überhaupt erst die Voraussetzung für das Erscheinen einer bewussten Ich-Erfahrung und damit in gewisser Weise die Voraussetzung für das Erscheinen von uns selbst. Wo ich mich bewusst erlebe, da hat mich ein stabiler Raum dazu gemacht, nämlich das gewöhnliche Leben. Die Gewöhnlichkeit ist unser aller Ursprung.
Nur wenn wir das begreifen und akzeptieren, dann hören wir mit dem Hetzen und Hasten auf, dann lassen wir die Herabsetzung unserer Gegenwart sein, und wir bemerken, dass wir bereits längst dort sind, wo wir schon immer sein wollten: mitten im Leben.

Kapitel 1
Das gewöhnliche Leben – was ist das? Eine Annäherung
Was Heraklit über die Natur sagt, nämlich dass sie es liebe, sich zu verbergen, das gilt ebenso für das gewöhnliche Leben. Doch paradoxerweise zeigt sich die Verborgenheit des gewöhnlichen Lebens gerade darin, offensichtlich zu sein – und gerade in dieser Offensichtlichkeit ist sie nicht jedem offen sichtbar. Das gewöhnliche Leben gleicht einem Brief, in dem eine frohe Botschaft über das Rätsel des Lebens steht, einem Brief, den die Menschen überall suchen, ohne zu sehen, dass er direkt vor ihrer Nase liegt.
Wir erklären mit schwungvollem Strich, dass dieses Leben in seinem Auf und Ab, mit seinen lustvollen und angenehmen Seiten wie mit seinen schmerzlichen und unangenehmen Kehrseiten praktisch schon das ganze Leben ist. Wer das gewöhnliche Leben ge-ring schätzt und glaubt, das wahre Leben komme erst irgendwann in einer nahen oder fernen Zukunft, der nimmt das sinnlose Risiko auf sich, sein vorhandenes Leben unwiederholbar zu verlieren. Das Ausmaß, in dem wir mit unserem Leben zufrieden sein können, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der täglichen Verinnerlichung dieser philosophischen Intuition. So bringt gerade die Überlegung, dass das gewöhnliche Leben schon das ganze Leben sei, für den Leser eine ungewöhnliche existenzielle Herausforderung mit sich, die ihn womöglich dazu motiviert, einen neuen Blick auf sein eigenes Dasein zu werfen. Mit diesem neuen Blick wird er die einseitigen Fokussierungen auf Zukunft und Vergangenheit überwinden und erleichtert erkennen können, dass die Webkammern des Lebens vor allem die Webkammern der Gegenwart sind.
Weitergehend präsentieren wir philosophische Argumente für die zeitgemäße und humorvoll zu begreifende Parole, dass jeder Mensch das gewöhnliche Leben emphatisch erfassen und genießen sollte. Und wir begründen, inwiefern es für den Genuss des Lebens nicht darauf ankommt, brillierend sein zu wollen, sondern vielmehr darauf, ein unauffälliges Leben zu führen. In diesem Zusammenhang ergibt die Unterscheidung in ein gutes gewöhnliches Leben und in ein schlechtes gewöhnliches Leben Sinn. Jenes erweist sich als eines, das einem selbst keinen Schaden zufügt und zugleich andere schmerzempfindliche Lebewesen schont. Sollte es einem zudem gelingen, dieses gute gewöhnliche Leben bewusst zu genießen und sich an ihm zu erfreuen, so wird es zugleich das süße Leben sein. Ausgelöst wird die Fähigkeit zum bewussten Genießen nicht zuletzt durch die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit sowie die Erkenntnis der unermesslichen Größe des Universums, in dem sich die verletzliche Erde in ihrer ganzen Unwahrscheinlichkeit befindet. Das schlechte gewöhnliche Leben hingegen erweist sich als eines, das einem selbst Schaden zufügt oder andere schmerzempfindliche Lebewesen verletzt, unabhängig von der Frage, ob derjenige, der es führt, von der eigenen Sterblichkeit und von der Größe des Universums weiß.
 
Widerspruch von außen und innen war bis dahin
sein ganzes Leben.
Karl Philipp Moritz
 
Wir stellen im Rahmen einer philosophischen und neurowissenschaftlichen Perspektive dieses gewöhnliche Leben auch als dasjenige dar, welches sich zu allererst innerhalb einer intakten Umgebung erfährt, sich innerhalb eines intakten Raumgefüges entfaltet. Dabei ist ein Leben innerhalb funktionierender Grenzen und Zäune zugleich eines, das sich in einer dyna-mischem Spannung zwischen dem eigenen Innenraum und dem fremden Außenreich befindet.
Spannung zwischen innen und außen besagt: Indem ich mich in einem Innenraum erlebe, zum Beispiel tagsüber im Büro oder abends in einem übertragenen Innenraum wie dem Familienverbund, stehe ich zugleich und in unterschiedlichen Intensitätsgraden unter Spannung: zwischen Innenraum (da, wo ich bin) und Außenraum (dort, wo ich nicht bin, worauf ich mich aber aufgrund meiner Abgrenzung automatisch beziehe). Ohne Außenraum kein Innenraum; ohne Innenraum kein Außenraum.
Der Innenraum ist nie unwiderruflich vor den Kräften des Außenraums geschützt. Der Mensch, der sich mit seinem Innenraum identifiziert, muss sich ständig neu an wechselnde Vorfälle, die sich im Außenraum ereignen und Einfluss auf den Innenraum nehmen, anpassen, und er muss auf sie schnell reagieren und sich dabei stabilisieren; etwa wenn ein tollwütiger Fuchs, durch das Gemüsebeet meines Gartens irrend, plötzlich auf die geöffnete Terrassentür zusteuert, oder wenn der Einbrecher unversehens vor dem Fenster erscheint und ungeachtet meiner Anwesenheit im Zimmer es mit einem Ruck aus dem Rahmen hebelt.
Diese Begabung des Menschen, sich immer neu an wechselnde Situationen anpassen zu können, macht ihn einerseits zum weltoffenen Wesen, zeichnet ihn andererseits aber als weltabwehrendes Wesen aus, insofern er jederzeit bereit sein muss, die aus dem Außenraum auf den Innenraum und damit auf ihn gerichteten und ihn potenziell gefährdenden Bewegungen von sich fernhalten zu können. Bisweilen tritt er zugleich als weltabwehrendes und weltoffenes Wesen in Erscheinung, zum Beispiel wenn er ein sich auf ihn stürzendes Tier abwehrt und tötet und es anschließend auf dem Grill röstet und verspeist.
Die im Laufe unserer Evolution entstandene Fähigkeit, ein Bewusstsein unseres Bewusstseins entwickeln zu können, beraubt uns Menschen zugleich des Schutzes einer durchgängigen Naivität. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass unsere Existenz im Grunde haltlos ist angesichts der Unermesslichkeit des Universums. Dieser Essay wendet dieses Unvermögen ins Positive und erinnert an die sich jedem Menschen eröffnende lebenspraktische Möglichkeit, die unmittelbar und umfassend auf uns einwirkenden Stimmungen des Lebens durch einen einfachen Perspektivenwechsel aufzubrechen: nämlich mithilfe des virtuellen Blicks aus dem Weltall auf die Erdkugel. Man könnte diesen Blick den kosmischen Blick nennen. Wenn man sich in einer kontemplativen Minute eine jener am 20. Juli 1969 von den Apollo-11-Astro-nauten vom Mond aus gemachten Aufnahmen der Erde vor Augen führt, dann mag den Betrachter durchaus ein Staunen ergreifen. Der kosmische Blick auf die Erdkugel kann uns dabei unterstützen, die Unmittelbarkeit des gewöhnlichen Lebens abzuwehren und die Dringlichkeit des gewöhnlichen Lebens durch diese distanzierende und existenzielle Maßnahme in einen weiteren räumlichen und zeitlichen Zusammenhang einzuordnen. So wie wir die Erde virtuell vom Weltall aus erblicken können, so möchten wir in diesem Essay das gewöhnliche Leben auch von einem distanzierten Blickpunkt aus beschauen und ungewöhnliche Aspekte an ihm näher betrachten. So gesehen ist für uns der kosmische Blick zugleich eine Metapher für jede philosophische, distanzierte Betrachtung gewöhnlicher Phänomene.
Zusammengefasst: Das behauptete Wunderland unseres Lebens ist mindestens ein dreifaches. Es ist aus philosophischer Perspektive zunächst das Wunder, dass es das gewöhnliche Leben überhaupt gibt, das Leben in seinem Auf und Ab, mit seinen Ritualen und Festen, seinen Ordnungen und seinen kulturellen Codes, seinen Freuden- und Trauerfeiern, das ganz alltägliche Leben, das wir immer schon führen und in dem wir uns geradezu schlafwandlerisch auskennen. Es ist sodann aus neurowissenschaftlicher Perspektive das Wunder, dass wir dank eines funktional weit entwickelten Gehirns bewusste, voneinander abgegrenzte Innen- und Außenwelten entwerfen können, was überhaupt das bewusste Erleben eines Ichs und darüber hinaus das gewöhnliche Leben ermöglicht, das sich ohne sichere Grenzen nie entfalten könnte. Und schließlich ist das Wunderland aus kosmischer Perspektive jener Ort, an dem wir es führen, nämlich unsere Erdkugel. Wir haben beides gleichzeitig: Heimat in der Welt und Heimatlosigkeit auf der Erde. Es wäre sinnlose Zeit- und Kraftverschwendung, aus dem gewöhnlichen Leben an diesem ungewöhnlichen Ort emigrieren oder gar flüchten zu wollen. Es kann einzig darauf ankommen, das halbwegs freie, halbwegs von Zwängen geprägte, halbwegs bekannte, halbwegs unbekannte, einmalige Leben intensiv zu genießen.
Während in Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker »Alice im Wunderland« die junge Titelheldin in ein Kaninchenloch springen muss, um den Weg ins Wunderland anzutreten, besteht eine Pointe unseres Essays in der These, dass die Menschen nicht in ein Kaninchenloch springen müssen, um ins Wunderland zu kommen, sondern dass bereits von Anfang an »Alle im Wunderland« sind.
Das Bewusstsein des ungewöhnlichen Ortes, an dem das gewöhnliche Leben stattfindet, die rotierende Erdkugel in den Weiten des Universums, kann die alltägliche Interpretation des Lebens also durchdringen und kolorieren. Das gewöhnliche Leben erhält dadurch einen fast übersinnlichen Glanz und eine ganz eigene Wertschätzung. Dabei besteht es aus einer Reihe von gewöhnlichen Tagen, die von Feiertagen rhythmisiert werden. Der Feiertag ist das »Andere« des Alltags. Feiertage sind ursprünglich überirdische, metaphysische Gedenktage, insofern die Menschen an diesen Tagen ihrem Gott, ihren Göttern oder sonst einer höheren Macht, die für alles verantwortlich zeichnen soll, dankten und bisweilen noch heute danken. Zum Teil verblassten die göttlichen Feiertage oder es wurden nichtreligiöse Gedenktage eingeführt. Wo kein Gott ein Volk vorgeblich ins Leben gerufen oder zu seinem erwählt hat, muss es sich seiner Unabhängigkeit, seiner Einheit, seiner Revolution an Gedenktagen versichern. Es erinnert sich dabei daran, wer es ist, wo es herkommt und was es nie vergessen darf.
Wir können den Begriff Alltag in unserem Zusammenhang auch als den Tag verstehen, der buchstäblich im All stattfindet. So betrachtet ist jeder Tag ein All-Tag. Jeder Tag ist ein Anlass zum Staunen darüber, dass wir ihn tatsächlich erleben – wir Kosmopoliten, und das heißt wörtlich übersetzt: wir Allbewohner. Wir brauchen nicht ins All zu fliegen, wir sind längst dort.

Kapitel 2
Gewöhnlich versus ungewöhnlich – Angriffe auf die gewöhnlichen Menschen
Wer auf sich hält, scheint dem Rechte entsagt
zu haben, andre gering zu schätzen.
Und was sind wir denn alle, daß wir uns viel
erheben dürfen.
Goethe
 
Eine Verteidigung des gewöhnlichen Lebens hat nur Sinn, wenn dieses auch wirklich angegriffen wird. Aber wer oder was greift es überhaupt an? Angegriffen wird der nichtextravagante Mensch von zwei Seiten. Zum einen diffamiert eine historisch gewachsene Abwertung jede Form von Gewöhnlichkeit; zum anderen greift der aktuelle Zeitgeist an, der permanent suggeriert: Du bist nicht gut genug.
In diesem Essay verzichten wir auf eine detaillierte Geschichte dieser Abwertung und begnügen uns mit wenigen Stichworten: Die Abwertung zeigt sich in der Regel indirekt – nämlich in der Geringschätzung jener Menschen, die ein gewöhnliches Leben führen. Sie rührt von Profilen her, die sich von »gewöhnlichen« Menschen abgrenzen. Die Unterscheidung folgt dabei stets demselben Grundmuster, der Unterscheidung in (formal gesprochen) die Wenigen und die Vielen bzw. (inhaltlich gesprochen) in die Wissenden und die Unwissenden.
In demokratisch verfassten Gesellschaften kehrt sich diese Unterscheidung zum Teil wieder um, nicht zuletzt in digitalen Netzwerken. Dort deuten sich die Teilnehmer als die Wissenden und sprechen, sich selbst schmeichelnd, von der »Weisheit der Vielen« und von »Schwarmintelligenz« – dem vorgeblich verständigen Gesamtverhalten eines Schwarms, etwa von Fischen, oder einer Gruppe, etwa von Menschen. Bei der Bewertung von Sachverhalten gilt dabei in der Regel dasjenige als gut, was von den Nutzern beim abstimmenden Votieren die meisten Stimmen erhält.
Historisch aktenkundig werden diese Unterscheidungen als Unterscheidungen zwischen den Esoterikern und den Exoterikern, den Eingeweihten (den Priestern) und den Uneingeweihten (den Laien), den Heiligen und den Sündern (auch: den Gottmenschen und den Normalsterblichen), den Weisen und den Dummen, den Edlen und den Gemeinen, den Aufklärern und den Unaufgeklärten, den Intellektuellen und der »Canaille« (Voltaire), den Wissenschaftlern und dem Publikum, den Revolutionären und den Uneinsichtigen, den Regierenden und dem Pöbel (dem Mob), den Führern und den Untertanen, der Avantgarde und den Spießbürgern, den Künstlern und den Normalverbrauchern, den Leistungsträgern und den Transferempfängern, den Eliten und den Massen, den Talenten und den Untalentierten, den Marktstrategen und den Konsumenten, den Spitzensportlern und den Zuschauern etc.
Für Platon (427-347) gilt es als ausgemacht, dass die Vielen von der Wahrheit gar nichts wissen wollen und den zu Wissen gelangten Menschen eher totschlagen als ihm folgen würden (so im Höhlengleichnis im 7. Buch des »Staats«). Das Christentum entfaltet seine galante Verachtung der diesseitigen Welt über Jahrhunderte hin in mannigfachen Traktaten. Der westislamische Aristoteliker Mohammed ibn Ruschd, bekannt als Averroës (1126-1198), will die »Massen« vom Studium abhalten und dieses nur den »Wenigen« vorbehalten. Leonardo da Vinci (1452- 1519) kann in den meisten Menschen, dem »großen Haufe« (Luther), wenig mehr erkennen als »Füller von Abortgruben«. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) hält die Philosophie für »etwas Esoterisches« und nicht für »den Pöbel gemacht«. Sein idealistischer Bruder im deutschen Geist, Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), macht vom Hochstand seines Berliner Lehrpults deutlich, dass die Menschen unter ihren Möglichkeiten bleiben, das »wahre Leben« verpassen und im »scheinbaren Leben« verbleiben.
Es ist allerdings Friedrich Nietzsche (1844-1900) vorbehalten geblieben, die Verhöhnung des »Pöbels« zum Gipfel gebracht zu haben. In »Also sprach Zarathustra« malt er eine düstere Vision des zukünftigen und vermeintlich »letzten Menschen« ans Firmament seiner Menschheitsgeschichte.
»Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selbst nicht mehr verachten kann. Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. ›Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern‹ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.«
Der letzte Mensch, das ist nicht nur der vom Konsumismus bis in die letzte Faser durchformte Zeitgenosse, sondern das ist auch im übertragenen Sinn der Letzte, im Sinn von: »das Allerletzte«. Nietzsche lässt den Pressesprecher seiner Philosophie, den persischen Bergprediger Zarathustra, über diesen verächtlichsten Menschen kräftig spotten, der in seiner verachtenswerten Ambitionslosigkeit nicht einmal mehr die Ambition spürt, sich seiner Ambitionslosigkeit wegen selbst zu verachten. Dieser letzte Mensch will weder Neues erschaffen noch sehnt er sich irgendwohin, ja, er versteht nicht einmal die mit diesen Verben verbundenen Zustände. Er blinzelt nur. Ihm genügen seine täglich beschafften Portionen an kleinen »Lüstchen«. Alles, was darüber hinausgeht, interessiert ihn nicht. Er kann nicht nachvollziehen, dass irgendjemand irgendetwas erreichen möchte, dass man mit sich unzufrieden sein kann und sich verbessern und für Ideale ins Zeug legen soll.
Betrachten wir die kurz vor dem »Zarathustra« entstandene »Fröhliche Wissenschaft«, dann wird eine ursprüngliche feine Unstimmigkeit im Konzept des letzten oder vielmehr des gemeinen Menschen deutlich. Denn kommt der letzte Mensch im »Zarathustra« nicht mehr über ein bloßes Blinzeln hinaus, so präsentiert sich sein verwandter Bruder der »Fröhlichen Wissenschaft«, der »gemeine« Mensch, durchaus noch als einer, der nach Herzen verachten kann: nämlich den von Ambitionen bewegten Menschen. Nietzsche: Die »gemeinen Naturen« »verachten ihn in seiner Freude und lachen über den Glanz seiner Augen«.