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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Dank
Ohne die freundliche Aufnahme in Queen Camel und North Cadbury wäre meine Einführung in das englische Leben nicht so reibungslos vonstatten gegangen. An dieser Stelle möchte ich allen Vereinen und ihren Mitgliedern danken, vor allem der Queen Camel & District Horticultural Society, der North Cadbury & District Horticultural Society, dem Queen Camel Womens Institute sowie der North Cadbury Women’s Group. Ein besonderer Dank gilt Ted und April Moran, die den Begriff Dienstleistung mit Lächeln auf eine neue Ebene gestellt haben. Liz Cullis pflegte nicht nur meinen Garten in meiner Abwesenheit, sondern teilte auch viele Gartenerlebnisse mit mir. Hierfür möchte ich mich bedanken.
Der Anstoß, über mein Leben in England zu schreiben, kam von meiner Tätigkeit bei der Reederei Deilmann. Während der Gartenreisen versuchten wir stets, hinter die Kulissen und über die Gartenzäune zu schauen, um die Gärten besser zu verstehen und das Geheimnis vom Leben in England zu lüften. Danke, dass ich mit Ihnen reisen durfte. In puncto Gartenreisen möchte ich Cary Goode, der ehemaligen Besitzerin von Border Lines, für ihre inspirierenden Gartenreisen danken.
Bücher zu schreiben ist alles andere als eine einsame Tätigkeit, ich sehe mich als Mitglied eines Teams. Mein Dank geht an Roland Thomas, der bereits viele Jahre mit mir zusammenarbeitet und den Mut hatte, dieses Buch zu veröffentlichen. Das Cover ist ein ganz wesentlicher Beitrag zum Erfolg eines Buchs. Binette Schroeder hat den Ton und die Stimmung in ihren Illustrationen hervorragend getroffen. An sie geht mein herzlicher Dank für ihren Einsatz und Enthusiasmus.
Zum Schluss möchte ich allen Gartenbesitzern danken, die mir Einlass in ihre Gärten gewährt haben, die mich mit Tee beglückten, Tipps austauschten und mir so viel Freude bereitet haben.

Der Traum vom rosenbewachsenen Cottage
Ende der 90er Jahre, als ich nach 18 Jahren Aufenthalt in Deutschland nach England zurückkehrte, war dies der reinste Kulturschock für mich. Es war, als ob ich ein fremdes Land betreten hätte. Das England meiner Jugend war verschwunden. Zwei Jahrzehnte lang war ich nur als Besucher im Land, schaute meine Lieblingsgärten an, kaufte »Englisches«, hauptsächlich Teebeutel und Unterwäsche, bei Marks & Spencer ein und verbrachte viel Zeit in Buchläden. Das politische und wirtschaftliche Leben bekam ich während meiner Stippvisiten nur am Rande mit, ebenso wie die Kluft zwischen Land und Großstadt oder das soziale Gefälle von Nord nach Süd. Um alles noch interessanter zu machen, habe ich das Leben in einer Metropole hinter mir gelassen und habe das Glück auf dem Land gesucht, weit weg von meinen eigentlichen Wurzeln im industriellen Nordwestengland. Statt das Umfeld mit einer Million Einwohnern zu teilen, waren es nunmehr 289, und selbst wenn man alle Kühe, Schafe, Hühner und Hunde dazuzählen würde, wäre es schwierig gewesen, eine vierstellige Zahl zu erreichen.
Schuld an allem war Rosamunde Pilcher, »The Lamb Inn« in Burford und The Royal Navy, insbesondere aber James Bond. Fiktive Pralinenschachtelbilder von England, wo alle Männer Gentlemen sind, Rosen an sämtlichen Häusern hochranken, Afternoon Tea gang und gäbe ist, Smoking zum Dinner angezogen wird und wo Tradition noch geschätzt und großgeschrieben wurde: ein Wunschbild, das in der Regel zwischen den Seiten eines Romans bleibt und als »absolut unrealisierbar« eingestuft wird. Jetzt sitze ich in einem alten Cottage voller Charakter, absolut unpraktisch, aber wunderbar, verheiratet mit einem Marineoffizier, der jetzt einen Schreibtisch in London »steuert«. Wie es sich gehört und ganz nach englischer Tradition, haben wir neben unserem Haus auf dem Lande ein »pied à terre« in der Stadt, eine treffende Bezeichnung für eine Miniwohnung in London. Denn die Dienstwohnung ist in der Tat nicht mehr als ein Fußstapfen auf kostbarem Londoner Boden. Während mein Mann unter der Woche seine Nadelstreifen-»Uniform« samt hochpolierten Schuhen trägt, habe ich die schicken Bürokleider und eleganten Stöckelschuhe gegen dicke Wollpullis, bequeme Flanellhosen und Gummistiefel ausgetauscht und darf nunmehr das Landidyll erleben.
Seit meinem ersten Ausflug in den 60er Jahren nach Burford in den Cotswolds, eingezwängt auf dem harten Rücksitz eines VW-Käfers, war es mein heißersehnter Traum, in einem honigfarbenen Naturstein-Cottage mit Rosen um die Haustür zu wohnen. Über die Jahre zog es mich wiederholt nach Burford zum »The Lamb Inn« in der Sheep Street. Während meiner Münchener Zeit war der Ort ein wichtiger Anlaufpunkt für Gartenreisen, ein Zuhause, wenn auch nur für wenige Tage, wo ich in »Englisches« eintauchen konnte. Damals waren die Einzelzimmer zur Straße gelegen, ohne Bad, aber mit Fenstersitz und pinkfarbenen Kletterrosen vorm Fenster. Mit Chintzvorhängen – ein mit Blumen- und pflanzlichen Motiven bedruckter Baumwollstoff, überzogen mit einer leicht glänzenden Schicht, der fast nur in England zu finden ist – und spiegelglatt polierten Holzmöbeln war das Ambiente perfekt. Auch ohne vor die Haustür zu gehen, spürte man schon die Vorliebe für das Gärtnerische. Sheep Street selber war ein Genuss. Die Häuser an der Nordseite, dazu gehörte auch eine alte Brauerei, liegen eng an eng direkt an der Straße aufgereiht. Trotz des fehlenden Vorgartens wird für Grün gesorgt, Kübel mit Buchskugeln, stämmigen Glyzinen und Rosen schmücken die Fassaden. Gegenüber, an der etwas höher liegenden Südseite, stehen die prächtigen Häuser mit einer teppichartigen Rasenfläche wie eine Art öffentlicher Vorgarten. Versteckt hinter den Bauten sind lange und schmale Gärten, die einmal im Jahr, zum »Garden Open Day« ihre Pforten öffnen. Keiner der Gärten ist spektakulär, noch unbedingt erinnerungswürdig, aber sie verkörpern den Geist des »englischen Country Garden«, frei von Allüren, mit Patina, eindeutig geliebt und gerade deswegen interessant. Ich habe mir damals schon Prospekte von Immobilienmaklern zukommen lassen mit der Vorstellung, vielleicht doch irgendwann da wohnen zu können. Damals stimmte entweder der Preis oder die Zeit nicht. Hätte ich zugeschlagen, wäre ich jetzt Millionärin! Was mich zurückblickend vom Kauf abgehalten hat, war die Welt von Cotswolds selber. Sie war zu lieblich, zu vornehm und beinahe zu perfekt.
North Cadbury, südlich der Cotswolds in Somerset, ist eine Verlängerung des Landschaftszugs, der sich von Oxford über Cirencester, Tetbury und Bath bis Shepton Mallet zieht, eine Gegend, die von Natursteinarchitektur und der hügeligen Landschaft geprägt ist. Die Blütezeit dieser Ecke von Südwest-England war Ende des 16. und während des 17. Jahrhunderts, als die Tudors und später die Stuarts regierten. Über Oliver Cromwell wird wenig gesprochen, seine Zeit an der Macht wird oft nur beiläufig erwähnt, eine Episode der Geschichte, die jeder, insbesondere im katholischen Südwesten, überspringen möchte. Wolle war ein wichtiger Rohstoff und wurde zu Höchstpreisen gehandelt. Wohlhabende Landbesitzer und Bauern ließen sich Häuser und Wirtschaftsbauten errichten, je nach Wohlstand und Status in schön bearbeiteten Natursteinblöcken mit Knirschfugen verlegt oder mit etwas minderwertigen, aber nicht weniger schönen Gesteinsblöcken, die nur an einer Seite bearbeitet wurden. Dazu kamen Naturstein-Fensterrahmen, vom Steinmetz bearbeitet, Bleiverglasung mit kleinen rautenförmigen oder rechteckigen Glasscheiben und stabile Eichenholzhaustüren. Das Gestein, stets aus naheliegenden Steinbrüchen, war entscheidend für das Erscheinungsbild der Dörfer und Städte, denn die Bauten passten sowohl in Farbe als auch Textur einfach zur Landschaft. In Süd-Somerset war es ein honiggoldfarbener jurassischer Kalkstein mit geringem Lehmanteil, im Volksmund einfach »Hamstone«, nach dem Hauptabbaugebiet in der Nähe von Montacute House, genannt. In North Cadbury kam auch Hadspen Stone zum Einsatz, eine Nuance tiefer in der Farbgebung, etwas weicher und daher nur in kleinen Blöcken erhältlich, was eine rustikale Ausführungsart verlangte. Eines haben alle diese Gebäude gemeinsam: Statt die Fassaden hinter einem Vorhang von Kletterpflanzen zu verstecken, wurde pflanzliches Beiwerk mit Bedacht ausgewählt. Rosen, eindeutige Favoriten, prägen das Bild und sorgen für das liebliche, das englische Flair.
Ein Hauskauf sollte sachlich und ohne Emotionen erfolgen. Die Realität ist oft anders. Man verliebt sich oder sieht bereits das »fertige« Produkt, ohne mit den Zwischenphasen zu rechnen. So war es bei »The Dairy House«. Hier war die Möglichkeit, den Cottage-Traum zu verwirklichen und den englischen Lebensstil zu erleben. Der schmale, erhöhte Vorgarten von Dairy House war zwar cottagemäßig bepflanzt mit weißen riesigen Chrysanthemen, Taglilien, Astern und Fenchel. Eine Ecke war auch von einer wildwüchsigen Clematis erobert, ein buntes, wenn auch chaotisches Sammelsurium von Stauden. Rosen, ein unverzichtbarer Bestandteil jedes englischen Gartens, fehlten. Einziger Vertreter dieser klassischen Pflanzen war eine prächtige, ausladende, fast baumartige Strauchrose, ein Flüchtling der Feldhecken, die sich im Hausgarten etabliert hat und riesige Proportionen annahm. Wesentlich schwerwiegender als der Rosenmangel war die Anordnung des Vorgartens selbst. Er war nur zu einer Seite des Anwesens angelegt mit der Konsequenz, dass die Haustür überhaupt nicht zum Anwesen zugehörig erschien. Grund für dieses merkwürdige Erscheinungsbild war die stückchenweise Teilung des ehemaligen Bauernhofes. Bis Anfang der 70er Jahre war Dairy House ein großes Anwesen, bestehend aus dem Wohntrakt aus den 1660er bis 1680er Jahren, das heute noch den ursprünglichen Namen trägt, und der Käserei, die Mitte des 19. Jahrhunderts angebaut wurde.
Jeder im Dorf scheint irgendwann hier gewohnt, gearbeitet und gespeist zu haben. Einige ältere Herren erzählen von der Käserei als einem Raum mit einem großen Loch in der Decke, durch das die Käselaibe befördert wurden, um in den umlaufenden Regalen gelagert zu werden. Oben baumelte auch der Boxbock, und es wurde als große Herausforderung und Mutprobe der Jungen angesehen, hier zu üben. Später, als die Käserei unrentabel wurde, schloss man das Loch mit massiven T-Trägern und der Raum wurde zur Schulmensa umfunktioniert. Bis zu den 70er Jahren marschierten die Kinder mittags in Schlangen den Hügel hinauf und hinab. Die Endscheidung, The Dairy House in zwei Wohneinheiten zu teilen, hätte kaum zu einem unglücklicheren Zeitpunkt fallen können. Denkmalschutz war nicht aktuell, Altes war verpönt und man modernisierte voller Elan. Dabei wurde zum Glück alle Energie auf die ehemalige Käserei gelenkt, an der schon heftig gebastelt wurde.
Das Resultat war schrecklich. Mit Anbauten und neuen Fenstern und Türen »verbessert«, glücklicherweise im rechten Winkel zur Straße, hatte die Nordfassade etwas von einer städtischen Arztpraxis an sich. An der Straßenseite wurde, außer an den Fenstern, kaum etwas verändert. Die breiten Steinstufen zur Haustür des Hauptbaus, der auch unter Denkmalschutz stand, lagen im rechten Winkel zur Fassade und führten direkt unterhalb der Wohnzimmerfenster des »neuen« Anwesens vorbei. Jeder, der hinaufstieg, konnte hineinschauen. Plötzlich war die Zuordnung der Haustür schwierig, gehörte sie zum Dairy House oder zur neuen Einheit, Peacock Cottage? Bis zum Zeitpunkt unserer Übernahme verwendete man einfach die Küchentür als Haupteingang, und Besucher, die vorn klopften, wurden ignoriert. Um dieses Dilemma ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen, reichte ich einen Plan ein, in dem die Stufen zugunsten des Straßenbilds um 180 Grad gedreht wurden. Das obere Podest blieb unverändert, der ehemalige Verlauf der Stufen wurde in ein Pflanzbeet, eingefasst von einer Natursteinstützmauer, verwandelt und die Anzahl der Stufen auf vier statt sieben samt Zwischenpodest reduziert. Flankiert von Beeten auf beiden Seiten bekam das Haus wieder Gleichgewicht. Somit wurde die Tür gerahmt und gehört nunmehr eindeutig zum Dairy House. Auch der Nachbar profitierte vom grünen Gürtel. Per Zufall fanden wir bei der Ausführungsarbeit Spuren einer alten Stufenanlage, massive Blocksteine, die einfach mit Erde zugeschüttet waren, die aber direkt im 90°-Winkel von der Haustür zur Straße liefen. Instinktiv hatten wir annähernd den Urzustand wiederhergestellt.
Mit nunmehr zwei Beeten war die Chance, eine gute und passende Gestaltung zu erzielen, größer. Inspiriert von den knallorangen Montbretien entschied ich mich für warme, sogar heiße Farben, die sich insbesondere bei den Rosen widerspiegeln sollten: scharlachrote ‘Paul’s Scarlet Climber’ hinter rein gelben ‘Graham Thomas’-Hochstämmen und blassgelben kleinblühenden ‘Malvern Hills’ direkt neben der Haustür, die zwischen und um den Feuerdorn Pyracantha ‘Orange Glow’ wachsen dürfen. Um dem Ganzen Halt zu geben, pflanzte ich einen Gürtel von Buchsbaumpflänzchen, betont durch Kugelbuchs an jeder Ecke. Bei der Pflanzarbeit entdeckte ich kaum 2 Meter von der Hausfassade entfernt die Reste einer riesigen Eibe, die enorme Ausmaße gehabt haben muss. Eine Postkarte, veröffentlicht in From Parson’s Quarter to Purgatory, geschrieben von unserem Dorfhistoriker Sam Miller, lieferte die Antwort. Hier stand früher als Pendant zur Henne (davon mehr im nächsten Kapitel) eine Eibe in Pfauen-Form, der Kopf zeigte zum Haus, der Schwanz bildete eine Brücke über die Straße. Bis Mitte der 80er Jahre lebten Pfau und Verkehr in Harmonie. Der Pfau, der bis zur Dachrinne reichte, bekam einen jährlichen Schnitt und der Verkehr passte sich an, bis schließlich ein vorbeieilender Lkw-Fahrer den Schwanz mitnahm. Für den Pfau bedeutete es das Aus.
Obwohl bekannterweise Eiben stark zurückgeschnitten werden können, wurde die Entscheidung getroffen, sie zu fällen. Dass die Stube stets dunkel war, spielte dabei sicherlich auch eine Rolle. Ein alter Rosmarin, der einfach zwischen den Wurzeln der Eibe Fuß gefasst hatte und eindeutig den Lebensgeist nicht aufgeben wollte, gab Anlass zu einer Fortsetzung des Formschnitts und das Kugelmotiv, das sich inzwischen über den Vorgarten streut. Die dicken, festen Buchskugeln an den Ecken der Beete wurden jeweils mit einem lockeren, wuschelkopfähnlichen Rosmarin, der mit Vorliebe weit über die niedrige Natursteinstützmauer in den Gehweg hinausragte, ergänzt. Jeder, der vorbeigeht, wird vom markanten mediterranen Rosmarinduft begrüßt.
Nur die Hunde meiden die Ecken und ziehen schnell daran vorbei, etwas, was ich nur empfehlen kann. Englische Immobilienmakler sprechen gern vom »Bordstein-Blick«, dem äußerlichen Erscheinungsbild, das wie eine Visitenkarte wirkt. Allein ausgehend von der Anzahl von Pkws, die nunmehr im Schritttempo vorbeifahren, ist es uns gelungen, dem Haus einen würdigen Rahmen zu geben.

Von der »Henne« bestimmt
Auch wenn das denkmalgeschützte Natursteinhaus aus der Mitte des 17. Jahrhunderts mit Eichenholz-Wendeltreppe bis zum zweiten Stock, der Blick von den oberen Räumen auf Glastonbury Tor und die Hügel von Devon im Westen mich zum Kauf des Hauses gelockt haben, war die »Henne« im Garten der entscheidende Faktor. Über 4 Meter hoch, rundlich, wie ein riesiges Küken, war die Buchsbaumform unwiderstehlich. Der Garten war verwildert, das Küken aber gepflegt. Hier war genau das, was ich mir seit meiner Kindheit immer gewünscht hatte, mein eigenes Stück »Topiary« – ein wahres Prachtexemplar geschnittener Heckenkunst.
Der Grund meiner Begeisterung waren weniger die zahlreichen Gärten, die ich über die Jahre besucht hatte, noch die herrschenden Modetrends für alles Geschnittene, sondern mein Lieblingskinderbuch The Little White Horse, geschrieben von Elizabeth Goudge. Darin kam ein Garten im Westen von England mit Heckenschnittfiguren vor, der mich einfach faszinierte. Dort im fiktiven Garten waren die Pflanzen in kuriosen Gestalten geschnitten und hatten etwas Mysteriöses, Urtümliches, aber dennoch etwas alteingesessen Englisches an sich. Kein Wunder, dass die Henne so eine Wirkung auf mich ausübte. Hier war ein Stück Gartengeschichte, eine wahre Gartenantike, vermutlich so alt wie das Haus. James Lynch, der Vorbesitzer des Hauses, war der erste Retter, brachte den Buchsbaum wieder in Form, und jetzt war ich an der Reihe und hatte einen Ausgangspunkt für einen ganz anderen Gartentyp als die modernen, zweckorientierten Anlagen, die ich zur Münchener Zeit entwarf. Verspielt romantisch war endlich an der Reihe.
Während der Vorgarten schnell Form annahm, war es im Garten selber eine andere Geschichte. Das Haus war wenigstens leer geräumt, aber der Garten schien in eine flächendeckende, undurchdringliche grüne Hülle verpackt zu sein. Die einzige Lichtung war die mittige Rasenfläche, die den Anschein gab, sie sei aus dem Chaos herausgeschnitzt. Der Garten drängte bis zum Haus heran mit nur einem schmalen Natursteinweg, der zwischen Hauswand und Stützmauer wie eine Gasse wirkte. Zu beiden Seiten des rechteckigen Gartens ragte die Vegetation hoch: Gehölze, die einfach ohne Halt wachsen durften und nunmehr ein Dickicht bildeten. Brombeeren und Brennnesseln waren in der Überzahl. Wir brauchten nicht weit wandern, um die Früchte für unsere Marmelade zu ernten. Beim besten Willen war es schwer zu sehen, was wirklich da war. Sichtbar waren nur Relikte, zwei alte Apfelbäume der früheren Streuobstwiese und der Buchsbaum. Alles andere war versteckt. Die Rettung kam in Form eines ehemaligen rhodesischen Söldners. Ein begabter Steinmetz, der trotz seiner bescheidenen Größe enorme Kräfte und Energie bewies. Wichtiger noch, er hatte Zugang zu einem Traktoranhänger, mit dem wir den grünen Unrat abtransportieren konnten. Unterstützt durch meinen Mann, der ein enormes Talent für destruktive Arbeit und Vorliebe fürs Umgraben zeigte, fing die Rodung an. Mit jeder Schubkarre wurde klar, dass der Garten lange Jahre als Müllhalde gedient hatte. Statt ein Dornröschenschloss unter den Brombeeren und Efeu-Lianen zu finden, gab es Metallstühle, diverses Werkzeug unterschiedlichster Größe, einen Fuhrpark von Spielzeugautos, ganze Regimenter von Spielzeugfiguren, Büchsen und Flaschen, sogar Tierknochen und einen Schafschädel. War die Oberfläche geräumt, ging es in der Tiefe los. Das spaghettiähnliche Wurzelwerk von Ackerwinden musste entfernt werden, wie alles andere, das sich in der Erde versteckte. Nichts ist besser und gründlicher als altmodische Handarbeit, um pflanzliche Feinde zu verbannen. Die Kontur einer Böschung offenbarte sich ebenso wie Natursteinstützmauern, die kleine Terrassen formten. Am Ende des Gartens war ein merkwürdiger Hügel, der etwas von einer urzeitlichen neolithischen Grabstätte, einem »Long Barrow« an sich hatte, und bei den anderen »Fundstätten« war die Spekulation groß. War es ein Grab oder einfach ein Erdhaufen? Zur Erleichterung aller, die inzwischen auf alles gefasst waren, erwies es sich nur als Erde, die irgendwann dort deponiert und offensichtlich vergessen wurde und jetzt leicht im Garten zu verteilen war.
Eine größere Arbeit stand noch bevor. Bei starkem Regenschauer verwandelte sich der Weg am Haus zum Rinnsal und führte das Oberflächenwasser direkt in die Küche oder zum benachbarten Schuppen. Hier hatte ich anfangs, in Unkenntnis, dass irgendjemand so etwas Grundsätzliches wie Entwässerung ignorieren konnte, sämtliche Kisten, auch mit Büchern gefüllt, aufgestapelt. Beim ersten großen Regenguss, als sich ein Teich vor der Küchentür bildete und bis in den Schuppen reichte, musste ich meinem eigenen Rat (schließlich habe ich mehrere Bücher zum Thema Pflaster geschrieben) folgen und das Gefälle vom Haus wegführen lassen und für einen wasserdurchlässigen Unterbau sorgen.
Mein Mann, Martin der Söldner und meine jüngste Tochter als Lehrling machten sich an die Arbeit. Die Natursteinstützmauer und Stufen im Garten wurden demoliert, das Material beiseite gestellt und die Vegetationsfläche 2 Meter zurückgedrängt. Der Storchschnabel-Saum, der wie ein ungepflegter Pony über die Mauer hing, wurde verpflanzt. Es reichte nicht, den Boden bis auf das Niveau des vorhandenen Wegs abzutragen. Wir mussten tiefer gehen, den Weg selber beseitigen und mindestens 80 Zentimeter tiefer graben. Vom schwarzen fruchtbaren Boden ging es in klebrige, schmierige Lehmbänder über. Nach Unmengen Bechern »Bauarbeiter«-Tee, schwärzer und stärker als üblich, war die Fläche in eine Grube verwandelt. Es sprach sich herum, dass sich im »Kate’s House« etwas tut – noch war das Haus nicht wirklich das unsere. Die Rede war von einem Schwimmbecken oder gar einem Teich und ob die Neuen sich wirklich auskannten. Wer es nicht bereits erlebt hat, lernt schnell, dass Boden sich im Volumen wie Schaum, wenn er einmal aus dem Behältnis gelassen wird, vervielfältigt. Genauso war es bei uns der Fall, die verhältnismäßig kleine Fläche lieferte unendliche Kubikmeter. Schlepper um Schlepper, gefüllt mit Unterboden wurden an den Wochenenden 5 Meilen entlang der Landstraßen per Traktor zu einem Bauernhof gekarrt und dort abgeladen.
Als die Vorarbeit geleistet war, kam Martins Expertise an die Reihe, der Grund warum man ihm seine Eigenartigkeit (und Räusche) verzeiht. Martin war eine Nummer für sich, unabhängig und stolz, von seiner bunten Vergangenheit geprägt, mit Geschichten, die an die Grenzen der Glaubwürdigkeit gehen. Ein begabter Einzelgänger, der seinen Platz im Leben suchte, waren Wespen seine größten Feinde. Einmal gestochen fiel er ins Koma und musste sofort ins Krankenhaus. Eine Freundin von mir, der Martin regelmäßig aushalf, hatte die Telefonnummer des Rettungsdienstes auf Schnellruf im Telefon eingespeichert, da sie oft davon Gebrauch machen musste. Dank unserer »Wespenwache«, gewissenhaft von den Mädchen ausgeführt, kam es bei uns nie dazu. Martins Leistungen im Garten sind nicht zu unterschätzen, er brachte Vorschläge ein, sah das Potenzial im Gestein und verwendete Material, das vor Ort lag. Wir mussten nur Kies und sauberen Schotter kaufen, der Garten lieferte Naturstein genug, manchmal kam es mir wie der reinste Baustoffhandel vor. Die neue Stützmauer mit eingebauter Sitzbank entwickelte sich wie selbstverständlich aus den Stufen und sah aus, als ob sie immer dort gewesen wäre. Der Garten wurde luftiger, die Proportionen stimmten und das Oberflächenwasserproblem wurde gelöst.
Wo war ich während dieser Aktion? Eingesperrt im Haus mit Ausgang nur zur Oberaufsicht. Obgleich die bauliche Substanz gut war, konnte man nicht das Gleiche von der Sauberkeit behaupten. Putzen, Schrubben, Putzen und wieder Putzen war angesagt. 15 Jahre Dreck mussten bewältigt werden. Später lernte ich, dass etwas Staub, zwar in kleineren Mengen, einfach zum Cottage gehört. Aber wie jedes gut erzogene deutsche Mädchen, und hier kamen meine deutschen Wurzeln deutlich zum Vorschein, gehört ein gründlicher Putz einfach zur Haushaltsordnung. So vergingen Spätsommer und Herbst in einer einzigen ausgedehnten Säuberungsaktion.
Nach dem Zweckmäßigen kam die Frage der Gestaltung. Blickachsen und optische Täuschungen waren gefragt. Die Henne, die stolz, aber verloren im Rasen stand, bekam eine Einfassung, ein niedriges Band von Buchsbäumen, das in einer Arabeske vor dem Baum schwenkt und in einer kleinen punktartigen Kugel endet. Zur linken Seite, etwas vorgesetzt, wurde eine 2,20 Meter hohe Blutbuchenhecke als raumteilende Scheibe gepflanzt. Hinter der Henne, parallel zum Holzzaun, eine Reihe Rotbuchen, die eine neutrale Kulisse bilden. Wichtig dabei war nicht nur die Staffelung, sondern auch die Abfolge von Farben, der Purpur beziehungsweise das Herbstlaub der Hecke, zu der vorerst ins frische Grün, dann ins dunkle Grün übergehenden Henne vor der Buchenhecke. Eine einfache Gestaltung mit großer Wirkung, die nun das passende Beiwerk bräuchte.
Jetzt kamen Rosen an die Reihe: ‘Rambling Rector’ im Apfelbaum, als zweite »Apfelblüte« und später mit ihren kleinen traubenartigen Hagebutten als Andenken an die Mostäpfel, die schon längst zu Mus verarbeitet wurden. Neben dem Gartenschuppen am Ende des Gartens, entlang des Gitterzauns, die rosafarbene Ecke, ‘Raubritter’ neben der gallischen Rose ‘Jenny Duval’, auch ‘President de Sèze’ genannt, und am Ende zur angrenzenden Streuobstwiese die treue blassrosa ‘New Dawn’. Die Rosen, ausgewählt nicht nur wegen ihrer Farbe und Standfestigkeit, haben alle Erinnerungen in mir erweckt. ‘New Dawn’, eine Rose, die ich, wenn passend, in jeden Garten, den ich plante, setzte. ‘Raubritter’ in Andenken an Christian Winklers fantastische Rosenlaube in seinem Garten bei Oldenburg, übersät mit fast fuchsienfarbigen Blüten, und ‘Jenny Duval’, stets verbunden mit einer wunderschönen England-Gartenreise mit Freunden, wo ich erstmals die zauberhafte ‘Jenny’ in New Mills Garten entdeckt habe. Gegenüber davon ‘Maigold’, die zu meinem Pflanzrepertoire seit Zeiten der IGA 83 gehört, wo ich ganze Bänder von den ‘Golds’ pflanzen durfte. ‘Albéric Barbier’ sollte als dezenter, romantischer Farbklecks vor der Buchenhecke und hinter der Henne dienen. Er wurde bestellt, geliefert (wenigstens dem Schild nach) und gepflanzt. Was aber wuchs, war eine ‘Albertine’ mit lachsfarbenen Blüten, statt hellgelben, und, wie der Zufall es will, von einer bewundernswerten Wuchskraft gezeichnet.
Bis ich nach North Cadbury zog, wusste ich nicht, dass Kühe, insbesondere Jungstiere, eine Vorliebe für Rosenknospen haben. Die Apfelstreuobstwiese, angrenzend am linken Zipfel des Gartens, wird nicht gemäht, sondern dient als Weide, in den ersten Jahren für Schafe und dann, als der Hirte nach Neuseeland auswanderte, für Kühe, vielmehr junge Stiere. Voller Energie und mit beachtlichem Appetit fressen die Jungstiere in Windeseile die Wiese ab und suchen nach Alternativen.
Ist der elektrische Zaun undicht oder nicht angeschaltet, machen die Mutigen den Sprung zu mir in den Garten. Sie kommen nie weiter als bis zu den Rosen, die sie dann mit verklärtem Blick genießen. Dies passiert immer an einem Sonntag, immer frühmorgens und immer, wenn ich noch im Nachthemd bin. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich glauben, dass sie es darauf anlegen, mich in Morgenmantel und Gummistiefeln, einen großen Kochlöffel in der Hand, zu sehen. Nach den ersten Ängsten und hilflosem »In-der-Luft-Herumschwingen« – schließlich sind Stiere eben doch Stiere, auch wenn diese jung und sicherlich für den Kochtopf prädestiniert waren – wurde es beim zweiten Mal für mich schon zur Routine. Wenn ich es schaffte, einen Stier in Richtung Wiese zu drängen, damit er über den Zaun zurückspringt, folgten die anderen. Schlussendlich waren sie mit ihrem Gourmetfrühstück fertig. Also, wenn Sie auf dem Land leben, pflanzen Sie die Rosen nicht zu dicht an der Weide, es sei denn, sie wollen den Kühen eine Freude machen.

Von Hausnummern und dem Dorfladen
Erst als wir unser Haus bezogen hatten und die ersten Briefe bekamen, wurde uns bewusst, dass wir nicht nur ein Haus mit Garten, sondern auch eine Adresse gekauft hatten. Früher war eine gute Adresse wichtig für den sozialen Stellenwert, heute scheint dies durch eine schöne Anschrift ersetzt zu sein. Bei unserem Haus, »The Dairy House«, die Molkerei, erweckt nicht nur der Hausname, sondern auch die Kombination mit dem Ort North Cadbury und Grafschaft Somerset romantische Vorstellungen. Cadbury ist eine bekannte englische Schokoladenmarke und hat eine Zeit lang tatsächlich ihre Pralinenschachteln mit idyllischen ländlichen Szenen verziert. Somerset, eine Grafschaft, übersät mit Streuobstwiesen, Heimat des Glastonbury Festivals, bekannt für Molkerei-Produkte und voller Spuren der Artus-Legende, wird oft als das Alte England angesehen. So löst unsere Adresse bei sonst roboterähnlichen Callcenter-Damen Entzücken aus. Sie werden gesprächig und weichen vom Skript mit einem »Ist es so schön, wie es klingt« ab. Alles, was tatsächlich zur Vervollkommnung des (Traum-)Bilds fehlt, ist das Strohdach am Haus – es wurde Anfang des 20. Jahrhunderts abgetragen und durch Dachziegel ersetzt.
Eine ländliche Adresse ist weit mehr als nur postalische Zustellungsbezeichnung, sie sagt viel über den Ort aus und erzählt sogar Geschichten. Mit der sachlichen Kombination von Straße, Stadt und Postleitzahl, wie es auf dem kontinentalen Festland üblich ist, hat man es auf den Inseln nicht und erst recht nicht auf dem Land. Theoretisch gesehen würde Hausnummer, Straße und Postleitzahl für die Zustellung von Post völlig ausreichen. Man pflegt es aber anders, und wer noch Briefe schreibt, gibt alle Angaben samt Grafschaft an, selbstverständlich schräg nach unten verlaufend, und füllt dabei oft das ganze Kuvert.
Moderne Formblätter sind ungeeignet für alte Adressen, zwei Zeilen zuzüglich Angaben zum Land reichen einfach nicht aus. Als Erstes muss man bei der Hausnummer passen und alle Angaben in die vorgegebenen Zeilen einquetschen und aufs Beste hoffen. Unter diesen Umständen ist die Leistung der Dorfpostboten nicht zu unterschätzen. Er allein ist fähig, die Angaben zu entziffern, seine örtlichen Kenntnisse hinzuzufügen und alles korrekt zuzustellen. Etwas, was man erst merkt, wenn der vertraute Postbote in Urlaub ist und der Briefkasten (in unserem Fall die Fußmatte) leer ist oder voll von Post, die eines gemeinsam hat: »Dairy« irgendwo im Titel zu haben, aber nicht unbedingt nach North Cadbury zu gehören.
Die Frage der fehlenden oder konfusen Nummerierung fasziniert und frustriert viele zugleich. Sicherlich gibt es eine Doktorarbeit irgendwo zu diesem Thema, aber unter dem Motto »Was früher funktionierte, ist auch heute gut« werden Häuser nach wie vor getauft, nicht nummeriert. Während die neuen Namen etwas willkürlich erscheinen, beliebt sind Hybriden von Vornamen der Besitzer, sagen die älteren Hausnamen viel über die Geschichte und die Nutzung des Gebäudes aus. Sie tragen den Namen vom früheren Besitzer oder Pächter wie »Ferris’ s Cottage«, nach dem Gärtner von Trelissick Gardens genannt, oder der Tätigkeit, die dort ausgeübt wurde wie im Falle »The Smithy«, der Schmied, »Cobblers«, der Schuster, oder »The Bakehouse«, das Backhaus. Öfters wurden sie einfach nach den Pflanzen der Umgebung benannt. Immer noch an erster Stelle der beliebtesten Name ist »The Cottage«, gefolgt von »Rose Cottage« und dann mit etwas Abstand »Rosemary« oder »Yew Cottage«. Jeder kann sich sofort ein Bild machen.
Das Haus zu finden ist aber eine andere Sache, da die Namensschilder oft an schönen, aber absolut unpraktischen Stellen angebracht sind. Lieferanten erzählen gern von ihren Abenteuern, oft zu späten Stunden, in der Finsternis (mit Straßenbeleuchtung hat man es nicht so auf dem Land) überhaupt das Anwesen zu finden. Aber noch schwieriger, um überhaupt zu prüfen, ob man am richtigen Platz ist, gestaltet sich die Suche nach dem zugehörigen Namensschild. Im benachbarten Dorf Charlton Musgrove hat man Schritte unternommen, dieses Problem zu lösen. Da die Häuser sehr verstreut liegen, hängt ein Orientierungsplan samt Namen aller Anwesen neben dem Pub, eine hervorragende Idee.
Wenn Häuser Nummern tragen, gibt es keine Logik, wenigstens nicht in North Cadbury. Nur in den Neubausiedlungen herrscht Normalität. In den vier Straßen, die mit Hausnummern punktuell verstreut sind, behindern die Nummern. Nummer 30 und 31 Cary Road sind nebeneinander. Nummer 4 ist sechs Häuser entfernt, wie soll man sich da zurechtfinden? Auf der Woolsten Road stehen 4, 5 und 6 (der Laden) nebeneinander, das nächste Haus trägt weder Schild noch Nummer (jeder weiß schließlich, dass es »The Red House« ist) und gleich im Anschluss folgen Nummer 7 und 8 Woolston Road. Die Freude, dass man endlich den Durchblick hat, ist von kurzer Dauer, denn plötzlich erreicht man Nummer 21.
Was ist mit den Zwischenzahlen, sind sie einfach verschwunden oder wollte man für künftige Bebauung vorsorgen, obwohl es überhaupt keinen Platz gibt? Niemand weiß dies so richtig, es ist eben so. Die Bereinigung der Hausnummern ist, ebenso wie in vielen anderen englischen Dörfern, bis hierher nicht durchgedrungen. Statt des im 19. Jahrhundert eingeführten nachvollziehbaren Systems, stadtauswärts mit den Nummern beginnend, rechts gerade Zahlen, links ungerade, wurden die Hausnummern einfach der Reihe nach entlang einer Straße verteilt bis zum Ende der Bebauung und dann in umgekehrter Richtung auf der gegenüberliegenden Straßenseite fortgesetzt. Eine eventuelle künftige Bebauung wurde nicht außer Acht gelassen, und Lücken wurden mit Nummern versehen, die aber in den Archiven verstauben.
Für das alltägliche Leben bedeutet dies, dass man, bevor man losfährt, ganz genau wissen muss, wo sich das Ziel befindet, und jede Einladung muss stets mit einer genauen Anfahrtsangabe begleitet werden. Im Zweifelsfall, statt sich auf GPS zu verlassen, hilft nur eines: im Pub, bei der Post oder im Laden nachzufragen. Altmodisch, aber sicher, denn wer der Computerstimme folgt, wird in unserem Fall in eine enge Landstraße Richtung Kläranlage geschickt, und wenn »Sie haben Ihr Ziel erreicht« kommt, ist es eindeutig: Man ist allein, umgeben von Feldern mit kleinen Bauten in Sichtweite.
Das wahre Zentrum des Dorflebens ist »The Village Shop«, meisterhaft von Ted und April Moran geführt. An sieben Tagen der Woche geöffnet, nur am ersten Weihnachtsfeiertag geschlossen, bekommt man nicht nur alles, was man braucht, sondern mehr. Es ist hier, wo man erfährt, was los ist, man trifft sich beim Kartoffelsack – Estima aus den Feldern um North Cadbury – oder vor Teds Theke und hält ein Schwätzchen beim Warten. Ted, ein ehemaliger Wirt aus dem East End von London, bringt etwas Menschliches und Persönliches, kennt jeden beim Namen, weiß um die besonderen Eigenschaften und Wünsche seiner Kunden und kann vieles vorausahnen. Von April, seiner Frau, unserer »Postmistress«, erhielten wir schöne Briefmarken, etwas Seltenes im Zeitalter von frankierten Aufklebern, kauften unsere Euros, die älteren Herrschaften holten ihre Rente ab und wurden durch April in die neue Technologie des Kartenlesers eingeführt.
Die Post und somit Aprils fachkundige Beratung sind aber eine Sache der Vergangenheit. Im Zuge der Rationalisierung wurden die Dienste unseres Postamts durch ein rollendes Postamt ersetzt, das zu bestimmten Zeiten vorfährt, aber nicht dann, wenn man es braucht. Alles ist aber nicht verloren, gewöhnliche Postgeschäfte wie Briefmarken kaufen und kleine Pakete schicken können nach wie vor über den Laden abgewickelt werden. Ted hat zu diesem Zweck einen Schnellkurs in Sachen Post bei April gemacht. Für alles andere gibt es den Postwagen, wo angeblich sieben Kunden Platz haben. Wer dies berechnet hat, muss Fotomodels als Muster genommen haben, denn auch wenn der Stuhl (von einer der Teilzeit-Postangestellten für die älteren Kunden von zu Hause mitgebracht) entfernt wird, ist nur Raum für vier (gut befreundete) Kunden. In der Tat wird der Wagen als Einzelkabine gehandhabt und man wartet draußen. Muss etwas gewogen werden, ist es wichtig, sich sehr still zu halten, denn bei jeder Bewegung flattern die Zahlen der Waage. Am schlimmsten sind vorbeifahrende landwirtschaftliche Fahrzeuge, die sehr interessante (und höhere) Gewichtsschwankungen erzielen. Dass der Postwagen kein Fortschritt, sondern ein Rückschritt ist, wurde beim Aufruf der über 150 Anwohner, die sich alle in der Beratungsrunde in der Gemeindehalle getroffen haben, deutlich. Jetzt denkt man anders über die Schließung von solch wichtigen ländlichen Einrichtungen. Aber für North Cadbury, wie auch für andere Dörfer und Stadtteile in Somerset, ist es zu spät.