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HD – was nun?

 

 

Hüftgelenksdysplasie vorbeugen, erkennen und behandeln

 

 

 

 

von Dr. Valeska Furck

 

 

 

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Impressum

 

Copyright © 2005 by

Gestaltung und Satz der Originalausgabe: Ravenstein + Partner, Verden

Lektorat: Dr. Gabriele Lehari

Fotos: Dr. Gabriele Lehari, Karl-Heinz Widmann

E-Book:

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Abdrucke oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.

 

Printed in Denmark

ISBN 3-86127-784-0

 

eISBN 978-3-84046-017-3

Einführung

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Seit 1935 beschäftigt sich die Tiermedizin mit dem Krankheitskomplex der Hüftgelenksdysplasie, kurz HD genannt. Die Hüftgelenksdysplasie des Hundes, die ein weit verbreitetes Leiden verschiedenster, vornehmlich großer Hunderassen darstellt, ist trotz des langjährigen Wissens um sie noch immer eine Erkrankung, die Züchter, Tierärzte und Hundeliebhaber gleichermaßen vor Probleme und Aufgaben stellt.

Züchter bemühen sich um die Eliminierung der Erkrankung aus der Hundepopulation, Tierärzte kümmern sich um die Behandlung erkrankter Hunde, um Leiden zu lindern, und Tierbesitzer sind damit konfrontiert, einen erkrankten Hund zu halten und ihm, bei allen Einschränkungen durch die Erkrankung, trotzdem ein schönes Hundeleben zu ermöglichen. Da die Lebens- und Gebrauchsqualität eines Hundes durch eine Hüftgelenksdysplasie sehr stark eingeschränkt sein kann, ist die HD noch immer eine der bedeutungsvollsten Erkrankungen der heutigen Hunderassezucht.

 

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In der Regel sind große Hunde eher von HD betroffen als kleine. (Foto: Lehari)

 

Dieses Buch soll interessierten Hundeliebhabern sowie betroffenen Hundehaltern, die sich über diese Erkrankung, ihre Bedeutung, die aus ihr resultierenden Konsequenzen, mögliche Therapieformen und Verhaltensmaßregeln im Umgang mit erkrankten oder hüftgelenksdysplasiegefährdeten Hunden informieren wollen, weiterhelfen. Es soll Verständnis für diesen Erkrankungskomplex, die Symptomatik und deren Ursachen vermittelt werden. Dabei werden der Ablauf der Erkrankung aufgezeigt sowie Hilfestellungen für eine eventuelle Linderung und Therapie gegeben. Existierende Therapiemöglichkeiten werden dabei vorgestellt und züchterische Bekämpfungsmaßnahmen erläutert, außerdem werden die möglichen Vorbeugemaßnahmen für den Hundhalter dargestellt. Auch die Problematik der Eliminierung dieser Erkrankung aus der Hundezucht wird angesprochen.

Im Bereich der veterinärmedizinischen Fachliteratur findet sich eine Vielzahl an Büchern und Artikeln, die sich mit dem Thema Hüftgelenksdysplasie des Hundes beschäftigt, doch sind diese Literaturquellen häufig für den Nichttiermediziner schwer verständlich. Da der Hundehalter aber für das Wohl seines Vierbeiners verantwortlich ist, ist es wichtig, dass er mit diesem auch für den Laien verständlichen Buch die Gelegenheit erhält, sich über dieses bedeutsame Thema zu informieren. Häufig verwendete Medizinerfloskeln werden erklärt, um die Kommunikation zwischen dem Tierarzt und dem Tierhalter zu erleichtern, da es für eine erfolgreiche Therapie oder Verbesserung der Lebenssituation für einen betroffenen Hund unumgänglich ist, dass sich beide Seiten richtig verstehen und zusammenarbeiten. Denn sollte bei einem Hund die Diagnose Hüftgelenksdysplasie gestellt werden, ist es wichtig, vertrauensvoll mit dem behandelnden Tierarzt gemeinsam das Tier zu betreuen, da diese Diagnose nicht das Ende bedeutet.

Apropos Tierarzt und Tierhalter, Hund und Vierbeiner, diese Begriffe sollen bitte als Oberbegriff für männliche und weibliche Vertreter verstanden werden.

 

Was ist Hüftgelenksdysplasie?

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HD ist die gebräuchliche Abkürzung für die Hüftgelenksdysplasie, die eine Fehlbildung des Hüftgelenks beschreibt. Das Wort Dysplasie stammt aus dem Griechischen und setzt sich aus den Wörtern dys = schlecht und plasia = Formgebung zusammen, also kann Hüftgelenksdysplasie als „schlechte Hüftgelenksform“ übersetzt werden.

Die exakte Definition der Hüftgelenksdysplasie bei Hunden ist nicht einfach, da sie von verschiedenen Autoren unterschiedlich ausgelegt wird. Einigkeit herrscht darüber, dass es sich bei der Hüftgelenksdysplasie um eine Fehlbildung des Hüftgelenks handelt. Diese Fehlbildung tritt in der Regel bei betroffenen Hunden beidseitig auf. Unterschiede gibt es bei den angelegten Kriterien für die Definition über die Art der vorliegenden Fehlbildung am Hüftgelenk. Um sowohl die Erkrankung als auch die unterschiedlichen Definitionsansätze verschiedener Autoren zu verstehen, muss man den Grundaufbau des Hüftgelenks bei Hunden kennen.

 

Anatomie des Hüftgelenks beim Hund

Anatomie des Hüftgelenks beim Hund

Um die Erkrankung der Hüftgelenksdysplasie zu verstehen, soll hier die gesunde Normalanatomie des Hüftgelenks beim Hund vorgestellt werden. Jeder Hund besitzt zwei Hüftgelenke, um die Verbindung des rechten und linken Hinterbeins mit dem Rumpf des Hundes herzustellen. Gelenke halten Knochen, die selbst unbeweglich sind, flexibel zusammen und sind damit für einen normalen, fließenden Bewegungsablauf unabdingbar. In einem Gelenk kommen also Knochenpunkte verschiedener Knochen zusammen, die in diesem Gelenkbereich von Gelenkknorpel umhüllt sind. Dieser Gelenkknorpel funktioniert wie ein Puffer. Er ist druckelastisch und dämpft die auftretenden Zug- und Druckkräfte ab.

 

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Nicht immer muss die Diagnose Hüftgelenksdysplasie mit Beschwerden verbunden sein. (Foto: Lehari)

 

Es handelt sich beim Hüftgelenk des Hundes um ein Kugelgelenk. Das Hüftbein und der Oberschenkelknochen bilden es gemeinsam. Die Gelenkpfanne, das Acetabulum am Hüftbein, und der Kopf vom Oberschenkelknochen (Caput femoris) verbinden hierbei den Rumpf mit dem Hinterbein. Der Oberschenkelkopf, der kugelähnlich ausgebildet ist, liegt exakt passend, wie aus der Abbildung ersichtlich ist, in der Gelenkpfanne und ist – wie es für ein Kugelgelenk typisch ist – prinzipiell in den verschiedenen Achsen des Raumes beweglich, sodass der Hund seine Hinterbeine vorwärts, rückwärts, seitlich, aber auch schräg nach vorne und hinten beziehungsweise zu den Seiten bewegen kann.

Die Hüftgelenkpfanne liegt im Becken, das von beiderseits je einem Hüftbein (Os coxae) gebildet wird, welches sich jeweils aus drei Knochen zusammensetzt, dem Darmbein (Os illeum), dem Sitzbein (Os ischii) und dem Schambein (Os pubis).

 

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Schematische Darstellung eines gesunden Hüftgelenks

 

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Schematische Darstellung eines an HD erkrankten Hüftgelenks

 

Zwischen dem Oberschenkelkopf und der Hüftgelenkpfanne liegt der Gelenkspalt. Durch diesen Gelenkspalt verläuft ein Band, das so genannte Ligamentum teres, das die beiden Knochen miteinander verbindet. Die Knochen, die das Gelenk bilden, werden im Gelenkbereich von einer gemeinsamen Gelenkkapsel umgeben. In dieser Gelenkkapsel befindet sich die Gelenkflüssigkeit, die das Gelenk geschmeidig hält, also eine ähnliche Funktion wie Öl im Motor ausübt. Außerdem übernimmt diese Synovia die Ernährung des Gelenkknorpels mit Nährstoffen, da sich in dem Gelenkknorpel selbst keine Gefäße befinden. Die Gelenkkapsel schließt das Gelenk gegen die Umgebung ab.

 

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Solch eine Extrembelastung ist nur mit einem gesunden Hüftgelenk möglich. (Foto: Widmann)

 

Wichtig für die Funktion und die Stabilität des Gelenks ist aber auch die umgebende Muskulatur. Ohne Muskulatur könnte ein Gelenk nicht bewegt werden. Gerade das Hüftgelenk wird von der umgebenden Muskulatur stabilisiert, insbesondere durch die Hüft- und Kruppenmuskulatur, die Hinterbackenmuskulatur und die innere Oberschenkelmuskulatur.

Die Muskulatur dient der Stabilität eines Gelenks. Sie führt zu einer gerichteten, bewussten Bewegung und verhindert gemeinsam mit dem Bandapparat eines Gelenks eine Instabilität und Auskugelung des Gelenks. Außerdem führt Muskulatur dadurch, dass ein Muskel immer einen Ursprung und einen Ansatz an Knochenpunkten hat, zu Zug auf den oder die entsprechenden Knochen, wodurch Knochen nur noch in bestimmten Richtungen durch Anspannung des entsprechenden Muskels bewegt werden können, andere Bewegungen durch Muskelspannung aber verhindert werden.

 

Was unterscheidet ein an HD erkranktes von einem gesunden Hüftgelenk?

Was unterscheidet ein an HD erkranktes von einem gesunden Hüftgelenk?

Bei einem gesunden Hüftgelenk passt die Kugel des Oberschenkelkopfes mit ihrer Form genau in die Hüftgelenkpfanne hinein wie ein Schlüssel in sein Schloss, sodass die Kugel zu zwei Drittel innerhalb der Gelenkpfanne zu liegen kommt. Das Band, das den Hüftkopf mit der Gelenkpfanne verbindet, und auch die Gelenkkapsel sind straff, die umgebende Muskulatur weist eine normale gesunde Muskelspannung auf.

Bei dem an Hüftgelenksdysplasie erkranktem Gelenk können nun verschiede Probleme vorliegen. Häufig zeichnet sich das erkrankte Hüftgelenk dadurch aus, dass die gewünschte Passform nicht so ist, wie sie sein sollte, das heißt, der Oberschenkelkopf passt nicht exakt in die Gelenkpfanne oder anders ausgedrückt, der Schlüssel (also der Oberschenkelkopf) passt nicht exakt in sein Schloss (die Gelenkpfanne). Diese Fehlbildung, bei der also die Hüftgelenkpfanne und der Oberschenkelkopf nicht aufeinander abgestimmt sind, kann in unterschiedlichen Graden und Formen ausgebildet sein, das heißt, HD ist nicht gleich HD!

Grundsätzlich gilt, dass die Form des Oberschenkelkopfes und die Form der Hüftgelenkpfanne nicht ausreichend passend füreinander sind, um beim Beispiel des Schlüssel-Schloss Prinzips zu bleiben: Es gibt Ausprägungen der Hüftgelenksdysplasie, in denen der Schlüssel mit ein wenig rütteln in sein Schloss hineinpasst und man dann auch schließen kann. Es gibt aber auch so schlechte Passformen, dass der Schlüssel überhaupt nicht in sein Schloss eingeführt werden kann. Am Hüftgelenk bedeutet dies, dass die Hüftgelenkpfanne zu flach oder zu groß ausgebildet sein kann, und damit umschließt sie den Oberschenkelkopf nicht gut genug.

Aber auch am Oberschenkelkopf kann eine veränderte Form oder Größe vorliegen, die nicht in die Gelenkpfanne passt. Das Gelenk ist also lockerer und greift nicht so gut ineinander, wie es bei einem gesunden Hüftgelenk der Fall ist. Außerdem gibt es Formen der Hüftgelenksdysplasie, die dadurch gekennzeichnet sind, dass das Gelenk nicht genügend geschlossen ist, obwohl die beteiligten knöchernen Strukturen passend aussehen, das heißt, der Gelenkspalt ist in diesen Fällen zu weit. Daraus resultiert ein loses Gelenk, bei dem der Oberschenkelkopf viel zu locker in der Hüftgelenkpfanne liegt. Ursächlich kann hierfür eine schlechte Muskelspannung, ein loses Gelenkband und/oder eine lose Gelenkkapsel sein.

 

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Das äußere Erscheinungsbild sagt häufig nichts darüber aus, ob ein Hund eine kranke oder eine gesunde Hüfte hat. (Foto: Lehari)

 

Die unterschiedlichen Formen der Hüftgelenksdysplasie zeigen einen fließenden Übergang vom Gelenk, das noch annähernd wie ein gesundes Gelenk aussieht, bis zu den Formen, bei denen der

Oberschenkelkopf überhaupt nicht mehr in die Hüftgelenkpfanne passt und somit außerhalb der Gelenkpfanne sitzt. Dies ist die Hüftgelenkluxation oder Hüftgelenkausrenkung.

An erkrankten Gelenken können zusätzlich zu den beschriebenen Veränderungen mit der Zeit noch arthrotische Veränderungen entstehen, dies sind Knorpelschäden und Knochenzubildungen, die aus der Hüftgelenksdysplasie resultieren. Sie werden in den folgenden Kapiteln noch näher erläutert.