Epub cover

 


Tessy Haslauer

Bruthitze

Straubing Krimi

ProlibrisVerlag

 

Alle Figuren dieses Romans sind von der Autorin frei erfunden. Jeglicheauch nur entfernte Ähnlichkeit mit realen Personen – lebenden odertoten – und Ereignissen wäre reiner Zufall.

Auch wenn die fiktive Handlung an tatsächlich existierenden Schauplätzen spielt, so hat sich die Autorin doch die Freiheit genommen, inwenigen Fällen von der Realität abzuweichen, wenn es die Geschichteerforderte. So ist der Ort Rundlberg eine Erfindung der Autorin. AmSchluss des Buches wird der Leserwissen, warum.

Manchmal sprechen die Figuren in diesem Buch Dialekt. Aber nurgerade so viel, dass auch Zugereiste alles verstehen und man merkt: Mia san in Niederbayern.

***

Nach zwei Tagen Dauerregen wurde es endlich wieder sonnig und sommerlich warm. In der Straubinger Fußgängerzone, gleich neben dem Polizeipräsidium, tummelten sich die Menschen und genossen die Sonnenstrahlen.

Rudolf Preising saß mit Silvia in einem Straßencafé, nah zusammen, und genoss ihren zufriedenen Blick, mit dem sie ihn immer wieder bedachte. Gestern hatte ihnen Kommissar Zinnari die Nachricht überbracht, dass der Unfallfahrer ermittelt sei und angeklagt werden würde. Silvia Preising hatte die Neuigkeit ohne große Aufregung aufgenommen. Inzwischen war sie darüber hinweggekommen, sie hatte den Schritt ins Leere gewagt und war von ihrem Ehemann liebevoll aufgefangen worden.

Rudolf wandte seinen Blick von seiner Frau ab und musterte die Leute, die durch die Straße flanierten. Und dann sah er sie. Kommissar Zinnari ging Hand in Hand mit einer hübschen blonden Frau auf der anderen Straßenseite, an der freien Hand führte er einen lebhaften goldenen Hund an der Leine. Sie unterhielten sich und blieben dann stehen. Zinnari wandte sich der jungen Frau zu und küsste sie. Lange. Rudolf sah, wie sie den Kopf in den Nacken legte und den hochgewachsenen Kripobeamten anlachte. Ein Gefühl von Verständnis und Verbundenheit erfüllte Rudolf Preising plötzlich, er griff über den Tisch hinweg und drückte die Hand seiner Frau.


Ende

Die Autorin

Tessy Haslauer, 1970 in Niederbayern geboren, lebt und arbeitet als Projekt- und Kundenbetreuerin in Neustadt an der Donau. Sie bezeichnet sich selbst als lese- und schreibsüchtig, ihre Lieblingslektüre sind Krimis. Als Autorin schrieb sie Kinder-, Liebes- und Krimigeschichten, aber erst einen bayerischen 3-Akter stellte sie
gemeinsam mit einem Co-Autor im Jahr 2000 einem größerenPublikum vor. In ihrem ersten Roman verbindet sie nun ihre Schreiblust und -kunst mit der Leidenschaft für den Krimi und derBegeisterung für die Stadt Straubing, die für sie das Tor zum Bayerischen Wald und zum Böhmerwald ist, der Heimat ihres Vaters, und häufiger Urlaubsort seit früher Kindheit.

Alle Rechte vorbehalten,

auch die des auszugsweisen Nachdrucks

und der fotomechanischen Wiedergabe

sowie der Einspeicherung und Verarbeitung

in elektronischen Systemen.

© Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel, 2012

Tel.: 0561/766 449 0, Fax: 0561/766 449 29

Lektorat: Anette Kleszcz-Wagner

Korrektur: Christiane Helms

Titelfoto: © Wilfried Schaffrath, Straubing

E-Book: Prolibris Verlag

ISBN: 978-3-95475-029-0

Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich. 978-3-935263-97-9

www.prolibris-verlag.de

 


Danksagung


Meiner Familie für ihre Geduld und ihren Ansporn, Johann Gruberfür die kriminalistische Beratung, dem Amt für Tourismus und Stadtwerbung Straubing für die guten Tipps, nicht zuletzt meiner Lektorin Anette Kleszcz-Wagner, die dem Buch den nötigen Schliff gegeben hat, und allen, die mich mit Rat und guten Taten immer wieder unterstützt haben, sage ich vonHerzen ein großes Dankeschön.

Das Leben ist Schlaf, dessen Traum die Liebe ist.

Du wirst gelebt haben, wenn du geliebt haben wirst.

(Alfred de Musset)

1.

»So, jetzt geht’s los, Schorschi.« Isabel Weingartner trug ein rotes Top zu ihren kurzen Shorts, ihren Pullover hatte sie lose um die Schultern gehängt, doch dann entschied sie sich, ihn zu Hause zu lassen. Halb sechs morgens und es war bereits relativ warm. Es würde ein weiterer heißer Sommertag werden. Von denen hatte es in diesem Jahr schon viele gegeben, die braune Farbe ihrer langen Beine bewies das.

Schorschi schlich lustlos an ihr vorbei und wedelte zaghaft. »Na, komm schon, du Lauser, stell dich nicht so an, Morgenstund‘ hat Gold im Mund!« Im Hinausgehen griff sie automatisch noch einmal mit beiden Händen zu dem Gummiband, mit dem sie ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, und zog es fester an den Hinterkopf. Sie pfiff Schorschi herbei und marschierte die Hofeinfahrt hinunter Richtung Straße. Dort nahm sie ihren Golden Retriever an die Leine. »Ich weiß, dass du das nicht magst, ist ja auch nur ein kurzes Stück, dann darfst wieder lossausen.«

Der blonde Schorschi mit den braunen Augen trottete ergeben neben ihr her zum Dorf hinaus. Sie blieb erst stehen, nachdem siein einen Feldweg eingebogen war. Schorschi machte brav Sitz,damit Isabel ihn ableinen konnte. »Na lauf!« Schon schoss er davon,quer über die Wiese, im Zickzack zurück, um am Wegrand entlangzuschnobern.

Die Sonne war gerade erst hinter den Bergen aufgetaucht, und die Luft war erfüllt vom Duft feuchten Heus. Morgendunstwaberteüber dem Grund. Dort, wo noch nicht gemäht worden war, hingen an den hohen Grashalmen Tautropfen, in denen sich die frühen Sonnenstrahlen spiegelten. Vögel zwitscherten über ihr, und selbst der Anblick erster Mückenschwärme konnte ihr die Laune nicht verderben. Welch ein Genuss, dachte Isabel zufrieden und ließ dabei ihre Arme kreisen, um den Nacken zu entspannen.Es kam nicht oft vor, dass sie sich morgens die Zeit nahm, mit ihremHund nach draußen zu gehen. Aber es war Juli – Urlaubszeit – und der Patientenansturm in ihrer Praxis hatte sich ein weniggelegt. Auch ein Heilpraktiker brauchte hin und wieder eine Auszeit – und sei es nur für eine schnelle Stunde am sehr frühen Dienstagmorgen.

Sie atmete tief die reine Morgenluft ein und wanderte den Feldweg zwischen den Wiesen weiter hügelaufwärts. Oben am Waldrand hatte jemand gefällte Baumstämme aufgestapelt, weiter rechts waren über den gesamten Hang meterhohe Rundballen mit Gras in Silagefolien verteilt.

Schorschi hatte den Weg wieder verlassen und schnüffelte nun an dem großen Holzstapel herum. Isabel beobachtete ihn und ließ dann ihren Blick weiterschweifen. Es war noch nicht einmal sechs Uhr morgens, und die Chance bestand, dass sich einige Rehe in der Nähe aufhielten. Schorschi interessierten sie nicht, er war einApportierhund, und alles, was mit Jagen oder Rennen zu tun hatte,widerstrebte ihm ungemein. Deshalb machte Isabel sich auch keine Sorgen, als er zwischen den Bäumen verschwand, sie wusste, er würde bald von selbst zu ihr zurückkommen.

Die blonde schlanke Frau blieb nun stehen und sah zu dem im leichten Dunst liegenden Dorf hinunter. Ein paar Häuser, einigeBauernhöfe, eine Kirche – Rundlberg war wie die Filmkulisse eineskitschigen Heimatfilmes. Vor fünf Jahren hatte es sie hierher verschlagen, als sie in Bogen bei Straubing ihre Heilpraktiker-Praxis eröffnet hatte und auf der Suche nach einer günstigen Wohnstätte gewesen war. Das kleine Häuschen hatte wohl früher als Austragshaus für ein altes Bauernehepaar gedient. Viele Monate harter Arbeit hatte sie hineingesteckt, doch es hatte sich gelohnt. Es besaß Charme – und einen Garten.

»Da wohnen, wo andere Urlaub machen«, murmelte sie miteinem liebevollen Unterton, und ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf ihr hübsches Gesicht.

Hinter ihr knackten Zweige, und trockenes Laub raschelte unterSchorschis Pfoten. Plötzlich begann ihr Hund, heftig zu bellen. Isabel fuhr herum. Sie vermutete im ersten Moment, dass er nun doch ein Reh oder einen Hasen aufs Korn genommen hatte.

Aber so war es nicht. Schorschi stand etwa drei Meter im Waldzwischen niedrigen Büschen, den Blick unverwandt auf eine Boden­mulde gerichtet, die durch Baumstämme vor Isabels Blick geschützt wurde.

»Schorschi, aus – sei still!« Doch Schorschi war nicht willens, seinem Frauchen zu gehorchen. Er sprang ein paar Schritte in ihre Richtung, gleich darauf wieder zurück und bellte erneut. Seufzend nahm Isabel die Leine von der Schulter und ging auf ihren Hund zu.

»Na, komm schon, mach hier keinen Radau, du Halbstarker!« Energisch griff sie nach seinem Halsband und folgte dabei unwill­kürlich seinem Blick. Was sie sah, ließ sie mitten in der Bewegung einfrieren –von einer Sekunde zur anderen wurde sie innerlich eiskalt. Sekundenlang stand sie reglos da, gebeugt, mit der Hand am Hals ihres Hundes, der weiter vorlaufen wollte – bis er sie fast umgerissen hätte.

Taumelnd richtete sich Isabel auf und wich einige Schritte zurück. Doch war sie nicht in der Lage, den Blick abzuwenden. Ein nacktes Bein in Riemchensandale, ein geblümtes Sommerkleid, gebräunte Arme und das Gesicht einer jungen Frau, Spuren von getrocknetem Blut klebten an Kopf und Haaren. Die Haut schimmerte weiß bis gelblich. Als Isabel sich etwas streckte, konnte sie die ganze schlanke Gestalt erkennen, die sich deutlich vom dunk­len Waldboden abhob. Ihre Augen waren geschlossen, doch Isabelhatte das bestimmte Gefühl, dass sie nicht schlief. Das Mädchen war tot, zweifellos.

»Scheiße.« Fast erschrak sie über ihre eigene Stimme, die rau und fremd klang. »Scheiße, Scheiße, Scheiße.« Als ob ordinäre Ausdrücke das schreckliche Bild vor ihr in Luft auflösen könnten.

Sie zerrte Schorschi mit sich fort bis zum Waldrand und holte mit zitternden Fingern ihr Handy aus der Hosentasche. »Mann, verdammt, jetzt gib halt Ruh, du Köter!«, fluchte sie undamenhaft.

Links hielt sie die Leine und den unruhigen Schorschi im Zaum, mit der Rechten tippte sie 110. Und während sie darauf wartete, dass sich jemand meldete, ging sie mit wackligen Knien langsam den Weg zur Straße hinunter. Die Kirchenglocken unten im Dorf begannen zu läuten. Das Angelusläuten pünktlich morgens um sechs, das Isabel sonst gerne als Zeichen eines neuen glücklichen Tages voller Lebensfreude wertete, verursachte ihr Gänsehaut.Dieser Tag würde wohl nicht zu ihren freudigsten zählen, dachteIsabel schaudernd und versuchte, das Grauen zu unterdrücken, das ihr den Magen umdrehte und sie zittern ließ wie Götterspeise in der Achterbahn.

 

 

2.

»Die Frühtemperaturen an diesem herrlichen Tag betragen bundesweit schon zwischen fünfzehn und achtzehn Grad, wir dürfen uns wieder auf strahlenden Sonnenschein von morgens bis abends freuen. Lediglich über den Mittelgebirgen im Westen Bayerns und Baden-Württembergs ziehen während des Tages Gewitterwolken auf …«

Die gekünstelt fröhliche Stimme des Wetteronkels im Frühstücksfernsehen riss Kommissar Mike Zinnari aus dem Schlaf. Grunzend drehte er sich noch im Dämmerzustand auf die andere Seite und sein rechter Arm knallte dabei auf den gekachelten Wohnzimmertisch.

Mit einem leisen Schmerzensschrei öffnete er die Augen und richtete sich ein wenig auf, doch gleich sank er stöhnend wieder zurück auf die Couchkissen. Er hatte schon wieder mal vor dem Fernseher gepennt, es lief noch immer das Programm, das er ges­tern Abend eingestellt hatte. Die Augen wieder geschlossen, rieb er sich die schmerzende Stelle am Handrücken. Er wollte nichtaufstehen. Er wollte einfach hier auf der Couch bleiben, nichts hören, niemanden sehen, an nichts denken.

Schuld an seiner augenblicklichen Verfassung war – wasWunder – eine Frau. Genauer genommen – seine Frau. Und noch genauer genommen – seine getrennt lebende Frau. Marion war vor drei Monaten ausgezogen, ihren gemeinsamen Sohn Lukas hatte sie mitgenommen. Seither fiel es Zinnari schwer, abends hinauf ins Schlafzimmer zu gehen, sich in das viel zu breite, viel zu leere Ehebett zu legen. Das Schlafen auf der Couch war ihm schon beinahe zur Gewohnheit geworden. Und das spürte ermehr und mehr in den Knochen. Das Kreuz tat ihm weh, das Genicktat ihm weh, seine Laune wurde fast täglich schlechter. Fünf übereinander aufgeschichtete schaumstoffgefüllte Sofakissen unter Kopf und Nacken waren eben einem erholsamen Schlaf nicht gerade zuträglich.

Mühsam rappelte er sich hoch und schwang die Beine über die Kante. Durch die große Terrassentür fiel das rötliche Licht der aufgehenden Sonne in schmalen Streifen auf die Wände und denWohnzimmerschrank. Mike hatte die Tür gekippt, doch die Nacht­luft hatte sich nicht wirklich so weit abgekühlt, dass sie erfrischend gewirkt hätte. Also hieß es duschen, bevor er zur Arbeit ging. Er sah auf die Uhr. Es war kurz nach sechs.

Seine Tochter Babs würde in einer halben Stunde erscheinen, durch die Wohnung fegen und gute Laune verbreiten. Morgenstund‘ hat Gold im Mund, Mike verzog ironisch das Gesicht. Doch dann lächelte er.

Er war ja ganz froh, dass sich die sechzehnjährige Barbara nach der Trennung ihrer Eltern entschieden hatte, bei ihm wohnen zu bleiben. Mike hätte nicht zu sagen vermocht, wie es ihm ergangen wäre, tagtäglich in eine leere Wohnung heimzukommen. So aber hatten er und seine Tochter sich nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten eine Art Wohngemeinschaft erarbeitet, und bisher funktionierte es wider Erwarten recht gut.

Er schlurfte hinüber in die Küche und stellte die Kaffeemaschinean. Danach füllte er den Wasserkocher und goss für Babs eine TasseTee auf. Sie mochte keinen Kaffee.

Als Mike kurz darauf im Bad vor dem Spiegel stand, hob das Gesicht, das ihm da entgegenschaute, auch nicht wirklich seine Laune. Das einzig Erfreuliche war, dass er die letzten Wochen mangels regelmäßiger Mahlzeiten einige Kilo abgenommen hatte, und auch seine Wangen waren schmaler geworden. Ungerechterweise gehörte er zu den blonden Männern, deren Haare nicht nur grau, sondern auch am Ansatz licht wurden. Mike trug sie pflegeleicht kurz geschnitten, eben gerade noch so, dass er nicht wie ein Skinhead wirkte. Dass er über 1,90 Meter groß war und seine Augen blauer waren als die eines neugeborenen Babys machte ihn für seinen Geschmack nicht wesentlich attraktiver. Deshalb hatte er sich einen kurzen Bart stehen lassen, der modern seinen vollen Mund umrahmte, ohne ihn ungepflegt erscheinen zu lassen. Aber jünger wirkte er dadurch nicht, fand er. Er war siebenundvierzig und sah auch genauso alt aus.

Missmutig rasierte er sich, duschte, holte aus dem Schlafzimmerschrank frische Jeans, Socken und ein blau-weiß gestreiftes, kurzärmeliges Hemd. Früher hatte ihm Marion die Kleidung für den nächsten Tag zurechtgelegt. Mike musste zugeben, dass er nie groß darüber nachgedacht hatte, was sie alles ganz selbstverständlich für ihn getan hatte. Doch nun, da sie weg war, entbehrte er vieles. Aber am meisten vermisste er sie – ihre Nähe, ihr Lachen,ihre recht tiefe Stimme, der er so gern zuhörte.

Und ihm fehlte Lukas, Lukas der Lokomotivführer, Lukas, der wie sein Opa unbedingt zur Eisenbahn gehen wollte, wenn er mal groß war.

»Papa, dein Handy!« Babs’ Stimme, die von unten heraufklang, riss ihn aus seiner Versunkenheit. »Papa!«

»Ja, doch, ich komm ja schon!« Er wetzte die Treppe hinab. Auf halbem Weg kam ihm seine Tochter entgegen und hielt ihm sein Handy hin. Er lächelte sie an und meldete sich, ohne die Nummer auf dem Display anzuschauen. Schon am Klingelton erkannte er, dass es seine Kollegin Jutta Heinze war. Ein Kollege hatte ihm spaßeshalber diese Melodie aufgespielt: »Drah di net um, der Kommissar geht um.« Babs grinste. »Wie passend.«

Ihr Vater warf ihr einen finsteren Blick zu, und sie verschwand achselzuckend wieder in der Küche. Mike lehnte sich an das Treppengeländer. »Jutta, Morgen. Was gibt’s?«

»Guten Morgen, Mike. Wir haben eine Meldung hereinbekommen. Eine Frauenleiche in Rundlberg.«

»Wo zum Henker ist Rundlberg?«

»Ein Bauernkaff, irgendwo Richtung St. Englmar, oder seitwärts davon, glaube ich. Eine Joggerin hat sie gefunden, am Waldrand. Die Kollegen sind schon vor Ort, Pauli ist unterwegs. Soll ich dich abholen?«

Mike überlegte kurz. Jutta hätte von der Dienststelle in Straubing aus einen Umweg fahren müssen. Deshalb lehnte er ab. »Wir treffen uns gleich dort. Hast du die genaue Adresse?«

»Nein, es muss wohl etwas außerhalb von Rundlberg liegen, ich informier dich, wenn ich es genauer weiß.«

»Alles klar, danke. Bin schon fast unterwegs. Bis gleich.«

Also wurde es leider nichts mit dem gemeinsamen Frühstück mit seiner Tochter. Einen Moment lang blieb er nachdenklich stehen. Wenn man bedachte, dass Frauen, wenn sie alt oder kranksind, eher nicht allein in den Wald gehen, dann konnte man davonausgehen, dass hier vermutlich kein natürlicher Tod vorlag. Und das hieß jede Menge Arbeit, die auf ihn und seine Kollegen zukommen würde. Ihm graute davor, denn schließlich waren sie hier im tiefsten beschaulichen Niederbayern und nicht in einer Millionenstadt wie Berlin oder München, wo außergewöhnliche Todesumstände zum Alltag eines Kripobeamten gehörten. Aber so war es nicht bei ihnen.

Mike ging in die Küche, wo Babs mit aufgestützten Beinen zwei Stühle in Beschlag genommen hatte. Sie hatte ihm bereits Kaffee eingeschenkt. In eine Tasse mit aufgedruckten Teddybären. Eine Welle von Zuneigung und Rührung für sie überkam ihn. Es war sicher nicht einfach für sie gewesen, sich zwischen ihren Eltern zu entscheiden. Ihr Entschluss, bei ihm im Haus zu bleiben, bedeutete gewiss nicht, sie würde sich mit ihrer Mutter nicht verstehen. Mike hegte eher den Verdacht, dass Babs Angst davor hatte, er könnte die Trennung nicht verkraften und in ein seelisches Chaos verfallen. Na ja, das mit dem seelischen Chaos war noch nicht mal so abwegig. Sein Gefühlsleben war zurzeit wirklich undefinierbar. Er beugte den Kopf zu ihr hinunter und küsste sie auf die Stirn.

»Danke, Schnecke. Du musst leider mit dem Bus zur Schule fahren, ich kann dich nicht mit nach Straubing nehmen.«

Babs winkte ab. »Kein Problem. Du denkst bitte dran, dass du mit der Wäsche dran bist? Ich mach die Maschine noch fertig, bevor ich gehe, und du brauchst sie dann nur noch aufzuhängen.«

Im Stehen trank Mike einen großen Schluck aus der Kaffeetasse.»Du, es wird spät werden heute, ich weiß nicht, wann ich nach Hause komme. Vielleicht übernimmst du das ausnahmsweise? Du bist doch sowieso am Nachmittag wieder da.«

Babs verzog das Gesicht, nahm die Beine vom Stuhl und setzte sich auf. »Das finde ich jetzt echt ungerecht, Papa. Es war ausgemacht, dass wir uns die Arbeit teilen. Ich habe auch viel zu tun und heute wollte ich nach der Schule noch mit Jessie in die Büche­rei. Wir müssen zusammen ein Referat erarbeiten.«

Ihre Stimme hatte jenen Ton angenommen, der ihn davor warnte, dass ein Zickenalarm nicht mehr weit entfernt lag. Da er wusste,es würde nun eine endlose Diskussion folgen, bei der er schließlich genervt einen Rückzieher machen würde, seufzte er ergeben. »Dann lass es eben bleiben. Ich werd’s schon machen, wenn ich irgendwann heimkomme.«

»Papa, Mensch, jetzt sei nicht gleich eingeschnappt.«

»Ich bin nicht eingeschnappt.«

»Das bist du wohl, ich merk das doch an deiner Stimme.« Nun fing sie wirklich an zu nerven. Mike entschied sich zur Flucht. Er stieß sich von der Arbeitsplatte ab, an der er gelehnt hatte.

»Lass einfach gut sein, Babs, ist schon okay. Ich wünsch dir einenschönen Tag – pass auf dich auf. Und melde dich bei mir.« Sie hatten ausgemacht, dass Babs ihn anrief, wenn sie früher als er zu Hause war oder es einmal später würde, damit er sich nicht sorgen musste.

»Mach ich doch immer«, kam es beleidigt zurück. Jetzt war die Tonlage eindeutig in die Kategorie »pubertäre Gefühlsdissonanzen« gerutscht. Mike grinste sie etwas schief an, winkte noch kurz und verließ eilig das Haus. So viel zum Thema goldene Morgenstund‘.

Sein schwarzer Renault SUV parkte in der offenen Garage, er fand es nicht der Mühe wert, sie jeden Abend zu schließen und am Morgen wieder zu öffnen. Mike fühlte sich in dieser Neubausiedlung am Rande von Bogen wohl und sicher. Es gab nette, gutbürgerliche Landhäuser mit gepflegten Vor- und Hintergärten, und er war umgeben von fleißigen, ehrbaren Bürgern, mit denen eine gute Nachbarschaft vorprogrammiert war. Wenn man sich anpasste. Marion hatte das gekonnt. Sie wurde viel eingeladen zuTupper- oder Dessouspartys, traf sich regelmäßig einmal dieWoche mit den Mädels aus der Umgebung zum gemeinschaftlichen»Stöckchenschwingen«, wie er Nordic Walking insgeheim nannte,tauschte mit ihnen Rezepte, Blumenstecklinge und so manch ande­re Dinge.

Seit Marion nach Deggendorf gezogen war, sahen ihn seine Nachbarn leicht seltsam an, doch niemand war richtig unfreundlich zu ihm. Es war eben nur eine gewisse Zurückhaltung zu spüren, so, als ob die Leute noch nicht wüssten, was sie von seiner momentanen Beziehungslage halten sollten – oder wem sie die Schuld für die Trennung zuschieben sollten.

Und er konnte es keinem verdenken, da sogar er selbst nichtbegriffen hatte, was eigentlich schiefgelaufen war und warum es mit ihnen so weit hatte kommen können. Wenn er jedoch ehrlich war, musste Mike sich eingestehen, dass er sich um eine Analyse der Lage bisher erfolgreich gedrückt hatte. Verdrängen war derzeit sein Tagesmotto.

Er tippte Rundlberg in sein TomTom ein und war erstaunt, dass es dieses Dorf sogar kannte. Als er gerade die Passauer Autobahn gekreuzt hatte, rief Jutta Heinze erneut an. Die Freisprechanlage über Bluetooth schaltete sich ein.

»Hallo Mike, ich bin’s noch mal. Willi hat sich an der Straße pos­tiert und erwartet uns. Er sagt, dass die Stelle ein bisserl schwer zu finden sei. Ich bin in zehn Minuten etwa da. Wie lange wirst du brauchen?«

»Bin grade in Hunderdorf. Was ist mit Pauli?«

»Der muss geflogen sein, jedenfalls ist er laut Willi schon eifrig an der Arbeit. Wir sehen uns ja gleich. Servus.« Dann war die Verbindung beendet.

Mike musste schmunzeln. Pauli, eigentlich Leiter des Erkennungsdienstes Paul Heise, war meistens als Erster am Ort desGeschehens, sofern es irgendwie möglich war. Sicher wollte er seine Kollegen daran hindern, den Tatort zu kontaminieren, nahm Mike an, denn es war bekannt, wie penibel Pauli um die Sicherung von Spuren bemüht war. Zugegeben, das war auch absolut notwendig, aber seine bissigen Kommentare trugen nicht immer zu einem guten Betriebsklima bei.

Die Route führte Mike weiter durch den vorderen Bayerischen Wald. Es ging grüne Hügel hinauf und von dichten Bäumen beschattete Straßen wieder hinunter. Vereinzelte Einödhöfe lagen etwas abseits. An einigen Hofeinfahrten standen noch die Milchtanks der Bauern und blinkten silbern in der Sonne. Seit immer mehr Milchwerke schließen mussten, wurden die Milchlieferungen der Landwirte zum Teil erst am Vormittag abgeholt, und nicht wie einst am frühen Morgen, denn die Tankwagen fuhren nun längere Strecken ab.

Der Wegweiser zum Waldwipfelweg in Maibrunn und die Hinweise zu den ersten Skiliften kamen in Sicht, ehe Mike nach Grün und an der großen Sommerrodelbahn vorbeikam. Noch lagen die Anlage und der Parkplatz verwaist, doch Mike wusste, dass um zehn Uhr geöffnet würde. In der Ferienzeit war dann Hochbetrieb. Mit Lukas und Babs hatten die Zinnaris hier so manchen Nach­mittag verbracht, die Kinder waren von der Rodelbahn begeis­tert gewesen. Marion und er hatten sich einen Kaffee-Kuchen-Ausruh-Tag genehmigt, während Babs und Lukas den Berghinun­terrodelten, immer und immer wieder. Wann waren sie zuletzt hier gewesen? Einige Jahre musste es schon her sein.

Und genauso lange lagen wohl auch die gemütlichen Kaffeestündchen mit seiner Frau zurück. Warum war ihm bisher nie in den Sinn gekommen, dass sie so etwas mal wieder unternehmen könnten? Es war einfach keine Zeit mehr gewesen, redete er sichein. Aber Mike wusste insgeheim, dass es nur eine fadenscheinigeAusrede war. Wenn sie es beide gewollt hätten, dann hätten sie die Zeit dafür auch gefunden.

Die unerfreulichen Gedanken beiseiteschiebend näherte er sich nach einer weiteren Abzweigung nun der Ortschaft Rundlberg. Eine Anhäufung von Bauernhöfen und Häuschen, eine Kirche und vermutlich ein Wirtshaus. Ein typisches kleines niederbayerisches Dorf, idyllisch gelegen in einer Talmulde zwischen dicht bewaldeten Bergen. Einige hundert Meter vor dem Ortsschild sah er schon das Blaulicht der Streifenwagen, weiter oben, hügelaufwärts in der Wiese, einen Krankenwagen, die beiden jungen Sanitäter standen mit blassen Gesichtern tatenlos daneben. Mike verringerte das Tempo und näherte sich Willi Schretzlmeier, der winkend an die Straße trat. Mike betätigte den Fensterheber und beugte sich zu dem uniformierten Kollegen hinaus.

»Servus, Willi. Wie sieht’s aus?«

Polizeiobermeister Schretzlmeier nickte ihm grüßend zu und deu­tete den Hügel hinauf. »Du kannst den Weg noch halb hinauffahren, weiter nimmer, Pauli hat dort abg’sperrt. Jutta ist schon droben. Ich lass jetzt den Klaus hier aufpassen und komm dann zu eich ’nauf.«

Sein bayerischer Dialekt kam deutlicher zutage, wenn er aufgeregt war. Eine Leiche gehörte halt einfach nicht zum Tagesgeschäft, da wurden sie alle ein wenig unsicher und nervös. Mike sah den Berg hinauf und schließlich zweifelnd wieder auf die unsportliche Gestalt des untersetzten Polizisten. Kurz entschlossen sagte er: »Steig ein, ich nehm dich mit rauf.«

Schretzlmeier besprach sich schnell mit einem Kollegen, dann ging er um den Renault herum und schob sich schnaufend auf den Beifahrersitz. »Is fei scho a bisserl hoch, dei Auto«, brummelte er, als er sich auf den Sitz gehievt hatte. Mike verkniff sich eine Anspielung auf Willis beträchtliche Leibesfülle und seine kurzen Beine und meinte nur lapidar: »Ist halt ein Geländewagen mit mehr Bodenfreiheit.«

Im zweiten Gang lenkte Mike vorsichtig den Feldweg hinauf. Da es seit Wochen trocken und heiß war, war es ziemlich unwahrscheinlich, dass sie in dem steinharten Boden irgendwelche Reifenabdrücke oder Ähnliches finden würden. Das musste sich auch Pauli gedacht haben, sonst hätte er hier keine Autos hochfahren lassen. Mike parkte schließlich in der Wiese zwischen demWagen der Fahrbereitschaft, mit dem wahrscheinlich Jutta gekom­men war, und Paulis BMW.

Schon von hier aus konnte er die Leute von der Spurensicherung sehen. Das Weiß ihrer Schutzanzüge leuchtete wie Fliegenpilzpunkte aus dem Dämmerlicht des Waldes. Kleinen Wichteln gleich tappten sie durch das Dickicht, vermaßen, fotografierten und notierten. Der Kleinste, vielleicht mal eins sechzig hoch, wichtelte ihm eilig entgegen, als er auf dem von der Spusi angelegten Pfad auf den Waldrand zuschritt, dicht gefolgt von Willi,der nach dem kurzen Anstieg vom Auto bis hier herauf schnauftewie ein Nilpferd auf der Balz.

»Guten Morgen, Pauli. Was haben wir?« Mike war stehengeblie­ben und sah auf den kleinen, weißvermummelten Mann hinunter. Paul Heise legte den Kopf in den Nacken und schob gleichzeitig seine Brille hoch.

»Servus, Mike. Junge Frau, schätzungsweise Mitte zwanzig, mitsichtbaren Kopfverletzungen, die aber nicht unbedingt tödlichgewesen sein müssen.«

»Erkennbare Fremdeinwirkung – oder ein möglicher Unfall?«

Pauli blickte automatisch in die Richtung der Leiche, während er ihm antwortete. »Unfall ausgeschlossen«, sagte er mit Bestimmtheit. »Jemand hat sie hier abgelegt, das ist eindeutig. Die Kopfwunde wird wohl ziemlich geblutet haben, doch am Fundort ist so gut wie kein ausgetretenes Blut zu finden. Der Tatort muss demzufolge woanders liegen. Es ist unwahrscheinlich, dass sie sich diese Bodenmulde als letzte Ruhestätte selbst ausgesucht hat.«

»Abwehrspuren?«

»Hier draußen und eher oberflächlich betrachtet konnte ich keinefeststellen.«

»Kannst du sagen, wie lange sie hier schon liegt?«

»Ich denke, weniger als acht Stunden. Genaueres wird die Obduktion ergeben. Siehst du sie dir an?«

Mike nickte und drehte sich zu Schretzlmeier um. »Wissen wir, wer sie ist?«

Willi war gerade dabei, seine Stirn mit einem monströsen karierten Taschentuch abzutupfen. Sein Atem ging jetzt wenigerstoßweise, deshalb war er in der Lage, zügig zu antworten. »KoanePapiere, koa Handtaschen, Portemonnaie auch net. Aber die Zeugin, die sie g’funden hat, glaubt, sie zu kennen. Jutta red’t grad mit ihr.«

Mike hatte seine Kollegin schon beim Aussteigen aus demWagen entdeckt. Sie stand mit einem uniformierten Kollegen bei einer blonden Frau, die auf einem der gestapelten Baumstämme saß. Offensichtlich war auch der Notarzt bei ihr, wahrscheinlich hatte sie einen Schock erlitten. Während er jetzt zu der kleinen Gruppe hinüberblickte, winkte ihm Jutta zu und deutete in Richtung Fundort. Mike nickte verstehend und folgte nun endlich Pauli, der bereits ungeduldig auf ihn wartete. Mit Argusaugen wachte er darüber, dass Mike ja nichts berührte oder irgendwohin trat, was er und seine Mitarbeiter nicht schon gesichert hatten. Mike war sich Paulis scharfer Beobachtung durchaus bewusst und bewegte sich auf Zehenspitzen so vorsichtig, als hätte er dieHosentaschen voller roher Eier. Schließlich stand er vor dem totenMädchen.

Hübsch musste sie gewesen sein, war sein erster Gedanke. Sehr hübsch sogar. Das braune lange Haar lag seidenweich um ihrschmales Gesicht und die dichten Wimpern warfen schimmerndeHalbmonde auf die bleichen Wangen. Mike hob den Kopf. »Warendie Augen geschlossen, als sie gefunden wurde?« Pauli nickte. »Nach Aussage der Zeugin, ja.«

Der rechte Träger des geblümten Sommerkleides war von der Schulter gerutscht, die sonnengebräunten Arme lagen seitwärts neben dem Körper, die Beine leicht angewinkelt parallel auf der Seite. Ehe Mike die Frage stellen konnte, die ihm auf der Zunge brannte, hörte er, wie Pauli sagte: »Nein, auf den ersten Blick sind keine Anzeichen für ein Sexualdelikt zu erkennen.«

Sie war noch so jung. Mike sah wieder in ihr Gesicht. Schätzungsweise Mitte zwanzig – nicht mal zehn Jahre älter als seine Tochter. Die geschlossenen Augen ließen sie irgendwie unschuldig wirken, ihre feinen Züge waren keinesfalls verzerrt, wie es oft bei Toten zu sehen war, die vorher starke Schmerzen erlitten hatten. Fast sah es aus, als ob sie schliefe. Fast.

Ein drückendes Gefühl im Magen veranlasste ihn, sich wegzudrehen. »Sonst irgendwelche Spuren?« Seine Stimme klang rau, er musste sich räuspern.

»Bisher nicht«, gab der Mann von der Spusi zurück, »die Erde auf dem Zufahrtsweg ist trocken und hart. Und hier im Wald liegt so viel altes Laub vom Vorjahr, dass auch nix zu finden ist. Es gibtkeine Schleifspuren, ich denke, das arme Ding wurde hierhergetragen. Bei einem Gewicht von schätzungsweise einem Zentner wäre das kein allzu großer Kraftaufwand für eine einigermaßen kräftige Person.«

»Okay, danke. Ich werde dann mal mit der Zeugin reden.«

Pauli nickte abwesend. Er war jetzt – schon wieder in seine Arbeitvertieft – in den Bereich der entomologischen Untersuchung vorgedrungen und zupfte versonnen mit einer Pinzette Ameisen vom Oberarm der Toten. Mike verließ den Fundort und ging auf die Gruppe um seine Kollegin Jutta Heinze zu, zu denen sich auch Willi Schretzlmeier gesellt hatte.

Kriminalhauptkommissarin Heinze trug wie immer eine schwarze Stoffhose und heute eine kurzärmelige altrosafarbene Bluse mit tiefem Ausschnitt. Als Tribut an die sommerlichen Temperaturen steckten ihre nackten Füße, rosafarbene Zehennägel inbegriffen, in Sandalen, und sie hatte auf den üblichen Blazer verzichtet. Sie war nicht weit über vierzig, genau wusste Mike es nicht, aber sie sah um einiges älter aus. Das lag zum Teil an ihrem immer etwas streng wirkenden, schmalen Mund und zum anderen an den kurzen, dunkel getönten Haaren, die sie stets zu einer Art Windstoßfrisur nach oben toupierte, um eine nicht vorhandene Fülle vorzutäuschen. Seit drei Jahren arbeiteten sie nun zusammen, damals war sie aus Bielefeld zu ihnen gekommen, als sein früherer Kollege in Pension gegangen war. Mike konnte nicht wirklich behaupten, Jutta gut zu kennen. Ihr Privatleben behielt sie lieber für sich.

Endlich richtete er seine Aufmerksamkeit auf die junge Frau, die auf einem am Boden liegenden Baumstamm saß wie ein Häufchen Elend. Jemand hatte ihr eine braune Decke um die Schulterngelegt. Sie war blass, wirkte aber ruhig und gefasst. Zu ihren Füßenlag ein Hund, der nun den Neuankömmling neugierig beschnupperte.

»Na, wer bist denn du?« Mike beugte sich vor und strich dem blonden Wuff über den Kopf, was Schorschi mit einem freudigen Schwanzwedeln kommentierte. Als Mike sich aufrichtete, traf sich sein Blick mit Isabels braunen Augen.

»Hauptkommissar Zinnari«, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand. Ihre war schmal, sie streckte sie unter der Decke hervor und ihm entgegen. »Isabel Weingartner.«

»Fühlen Sie sich auch wohl, Frau Weingartner? Ich sehe, dass der Notarzt Sie bereits verlassen hat.«

»Ja, ja, es geht schon wieder. Nur der momentane Schrecken,verstehen Sie, man rechnet net damit, wieso auch, einfach soeinen … einen …«, sie stockte kurz, »einen toten Menschen zu finden, hier mitten in der Pampa.«

Ihre saloppe Ausdrucksweise gefiel ihm. »Das kann ich Ihnen nachfühlen. Meine Kollegin hat Ihre Aussage sicher schon aufgenommen?« Er warf Jutta einen Blick zu, die schweigend nickte.»Gut. Sie müssen irgendwann heute Nachmittag zu uns insPräsidium kommen, um sie zu unterschreiben. Wenn das nicht möglichist, reicht sicher noch morgen im Laufe des Tages. Wo wohnen Sie? Ich fahre Sie heim, wenn es Ihnen recht ist.«

Isabel zögerte. »Der Hund?«

Mike lächelte. »Der darf auch mit, mein Kofferraum ist großgenug für ihn. Wie heißt er übrigens?«

»Schorschi.«

»Schön. Dann kommen Sie, nehmen Sie Ihren Schorschi mit, zu dem schwarzen Wagen da unten, ich komm gleich nach.«

Isabel stand auf, die aufklaffende Decke ließ ihre schlanken, gebräunten Beine erkennen. Sie nahm Schorschi an die Leine und ging auf Mikes Renault zu. Ihre Schritte waren fest und ausgreifend, sie schien den Schock wirklich überwunden zu haben. Mikewandte sich an Jutta. »Hast du ihre Angaben geprüft?«

»Natürlich. Isabel Weingartner, 34, nicht verheiratet, wohnt dort unten in Rundlberg und führt in Bogen eine Heilpraktiker-Praxis. Sie war mit ihrem Hund spazieren, er war es, der die Leicheentdeckt hat. Um kurz vor sechs Uhr ging der Notruf von ihrem Handy aus ein, ihre Zeitangaben und ihre Aussagen stimmen mit unseren Daten überein. Sie meint, bei der Toten handelt es sich um eine Bauerstochter aus Rundlberg, eine gewisse Corinna Moosberger. Aber ganz sicher ist sie sich nicht, sie kannte sie nur flüchtig vom Sehen.«

»Hm, das macht die Sache schwieriger. Es wäre mir lieber gewesen, sie hätte sie mit Gewissheit identifizieren können. Jetzt müssen wir wohl zu ihren Eltern und sie fragen, ob ihre Tochter tot im Wald liegt oder lebendig ihre Hühner füttert.«

»Hühner füttern«, wiederholte Jutta mit ironischem Unterton, »wird sie nicht gerade. Ich meine, die Tote sieht nicht aus wie zur Landwirtschaft angezogen, dafür war sie viel zu teuer gekleidetund wirkt insgesamt sehr gepflegt. Du hast Recht, die Lage ist etwasprekär. Vielleicht ist es besser, wir warten den Bericht aus derGerichtsmedizin ab. Außerdem, bis dahin könnte eventuell auch eine Vermisstenanzeige eingegangen sein.«

»Das ist gut, okay. Wo ist denn eigentlich unser Sonnenschein Richard?« Der junge Kriminalkommissar Richard Bacher warihnen vorübergehend zugeteilt worden, der gebürtige Franke sollte bei ihnen etwas Praxiserfahrung sammeln. »Der hat heute frei, soweit ich weiß. Wegen eines Zahnarzttermins, glaube ich«, gab Jutta Auskunft.

»Aha. Gut, also ich bring jetzt Frau Weingartner nach Hause und komme anschließend zur Dienststelle.«

»Das hätte auch Willi übernehmen können. Aber wie du meinst.«Jutta klang nicht sonderlich erfreut, und ihre Lippen waren wie meistens zu schmalen Strichen gepresst.

Es war nicht einfach gewesen, sich an die ernste Art seiner Kollegin zu gewöhnen. Oft wirkte sie humorlos, ja fast sogar verbittert, allerdings hatte Mike inzwischen herausgefunden, dass sie lediglich bemüht war, keine persönlichen Regungen zu zeigen. Jutta konnte durchaus auch lustig sein und manchmal sogar herzhaft lachen, doch meistens schien sie gegen sich selbst zu kämpfen, bemüht, ihre Gedanken und Gefühle zu verbergen. Woher diese Introvertiertheit kam, das hatte er allerdings noch nicht herausbekommen. Er mochte seine Kollegin, obwohl es oft schwierig mit ihr war. So nickte er nur. »Ja, ich weiß, aber ich will mir selbst einen Eindruck von ihr machen, verstehst du, denn du hast ja schon mehr und länger mit ihr reden können als ich.«

»Ja, klar. Also, ich gebe Pauli Bescheid, dass er die Leiche fortbringen lassen kann, und wir treffen uns dann später.« Jutta ging zurück zu den Wichtelmännern, während Mike zu Isabel hinun­terlief, die am Auto wartete.

»Entschuldigung, dass Sie warten mussten. So, Schorschi, komm mal rein in die gute Stube.« Mike hatte die Kofferraumtür geöffnet und die Ladeklappe heruntergelassen. Schorschi stutztekurz, doch als Isabel ihm knapp befahl hineinzuspringen, machteer es ohne weiter zu zögern. Beachtlich, denn es war über einen halben Meter, den er da hinauf musste. Mike lobte ihn und schloss den Kofferraum, gleich darauf öffnete er für Isabel die Beifahrertür.

»Bitte sehr. Nein, die Decke lassen Sie hübsch um. Wärme hat noch keinem geschadet.« Isabel lächelte dankbar, kuschelte sich auf den Beifahrersitz, und Mike legte ihr den Sicherheitsgurt an. Dabei beugte er sich über sie, sodass sie seinen kräftigen braungebrannten Nacken und die breiten Schultern aus nächster Nähe sehen konnte. Ein Hüne von Mann, dachte sie und fühlte sich plötzlich viel ruhiger und sicherer. Das Zittern ließ nach und ein erleichterter Seufzer entwich ihr. »Bin ich froh, von hier wegzukommen«, sie hob die Hand an den Mund, »bitte, verstehen Sie das nicht falsch, ich meine, ich fühle mich einfach nicht wohl bei dem Gedanken, dass ein paar Meter weiter eine Tote liegt. Sie hat so entsetzlich – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll – ja, so tot ausgesehen. Oh je, ich rede völligen Blödsinn, entschuldigen Sie.«

Mike hatte sich hinter das Lenkrad geschwungen und ließ nun den SUV den Hügel hinunterrollen. »Nein, das ist vollkommen normal, Frau Weingartner, machen Sie sich da mal keine Gedanken. So ein Erlebnis muss erst verarbeitet werden, so was brauchtseine Zeit. Es wäre gut, wenn Sie jetzt nicht allein zu Hausewären. Gibt es jemanden, den Sie anrufen können? Der Ihnen Gesellschaft leistet, der Sie ein wenig ablenken kann? Oder Ihnen zuhört, je nachdem, wonach Ihnen gerade ist?«

»Meine Schwester vielleicht. Aber vorher muss ich versuchen, meine Assistentin zu erreichen. Sie soll alle heutigen Termine in der Praxis absagen, ich glaube nicht, dass ich meinen Patienten heute eine große Hilfe wäre.« Mike warf ihr einen kurzen Blick zu. Die junge Frau neben ihm wirkte gefasst und ruhig, es war unwahrscheinlich, dass sie jetzt noch in eine Nervenkrise fallen würde.