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Brigitte Pons

Die Würde der Toten

Ein Kriminalroman aus Frankfurt

ProlibrisVerlag

 

Alle Figuren dieses Romans sind vom Autor frei erfunden. Jegliche auch nur entfernteÄhnlichkeit mit realen Personen – lebenden oder toten – wäre reiner Zufall.

Tag 18 – Donnerstag

Schlaflos verbrachte Henry die Nacht. Mephisto durchstreifte sein Revier, und sie kauerte auf der Couch, unfähig das Bett zu benutzen, in dem sie mit Adrian gelegen hatte. Sie hasste es, an das verlogene Telefonat mit ihm zu denken, und konnte doch nichtanders. Geheuchelte Vernunft und Selbstbeherrschung. Logikgesteuerter Abschied. Jetzt war alles zu Ende.

Als Mephisto durch die offen stehende Balkontür schlüpfte und sein kaltes Fell an ihren Beinen rieb, dämmerte es bereits. Henry stand auf, um ihn zu füttern, schüttelte die verkrampften Glieder.Sie fühlte sich in ihrer Wohnung fast ebenso fremd wie in der Zelleim Präsidium. War das noch ihr Zuhause? Alles hatte sich verändert. Sie musste ihr Leben neu beginnen, einen neuen Sinn finden. Lange starrte sie den schwarzen Brandfleck auf dem Boden an. Wie oft hatte sie gepredigt, dass die Vergangenheit abgeschlossenwerden musste, um die Zukunft zu starten? Aber verbrannte Erdezu hinterlassen, war nie ihre Absicht gewesen.

Auf Händen und Knien rutschte sie durch die Küche, wischte, bis nichts mehr an das Feuer erinnerte. Das Putzmittel brannte auf der Haut, in der Nase und in den Augen. Auf der Schwelle hielt sie an und setzte sich in die Türöffnung des Schlafzimmers. Sie sah für sich keine Zukunft, in die sie durchstarten konnte. Niemand würde sie nach dieser Sache mehr als Thanatopraktikerin einstellen. Und Eberhard und Anneliese waren nicht nur geschäftlich ruiniert, sondern auch menschlich an Jürgens Tod zerbrochen.

Die zerknüllte Decke auf ihrem Bett hing schief bis fast auf den Boden herunter. Neben dem unteren Zipfel lugte eine aufgerissene Kondomverpackung hervor. Henry warf mit dem nassen Putzlappen danach und stöhnte auf. Nicht alles ließ sich so leicht entfernen wie der Brandfleck. Sie brauchte einen Schrubber für ihre Seele, wenn sie diesen Teil der Vergangenheit loswerden wollte.

* * *

Zwischen den Bäumen am Main hing feuchtkalter Frühnebel. Noch lag die Stadt im Halbschlaf, und niemand hielt sich länger als unbedingt notwendig im Freien auf. Nasses Laub klebte unter Adrians Schuhsohlen, und von den fast kahlen Ästen tropfte es ihm von Zeit zu Zeit in den Kragen und hinter die Brille. Es wäre bequemer gewesen, sich zu Hause zu treffen oder in einem Café oder in Elisabeths Wohnung, um deren Auflösung er sich doch langsam kümmern sollte. Aber jedes Mal, wenn er eine Tür hinter sich schloss, fühlte Adrian sich eingeengt, bedrückt, als ob ihm die Luft zum Atmen genommen würde, und er riss alle Fenster auf. Also konnte er auch gleich draußen umherlaufen. Das kam seiner momentanen Rastlosigkeit sehr entgegen.

Am Bootsanleger neben dem Eisernen Steg wartete Viktor. Schweigend gingen sie nebeneinander am Ufer entlang. Viktor hatte sich offenbar inzwischen daran gewöhnt, dass er das Gespräch eröffnen musste. Es dauerte immer eine Weile, bis Adrian in Schwung kam, wenn er etwas zu sagen hatte.

»Ist Henry noch in Gewahrsam?«

»Nein, sie wurde gestern entlassen. Nach der letzten Vernehmung haben die Ermittler keinen Haftgrund gesehen. Die Staatsanwaltschaft ist der Bewertung gefolgt und hat bei Gericht keinen Untersuchungshaftbefehl beantragt.« Die Antwort klang sachlich.

»Wie geht es ihr?«

Adrian schnaubte. »Keine Ahnung. Sie will mich nicht sehen, nicht mit mir reden. Wenn ich ehrlich bin, kann ich das sogar ganz gut verstehen.«

»Sie wird sich beruhigen. Du bist Polizist, sie konnte nicht erwarten, dass du deinen Verdacht ignorierst.«

»Aber genau das habe ich doch zuerst getan!« Unvermittelt blieb er stehen und warf verzweifelt die Arme in die Luft. »Das ist es ja, was mich so wütend macht! Ich hätte Jürgen Moosbachers Tod verhindern können, wenn ich früher ernsthaft ermittelt oder auf dich gehört und die Kollegen gleich informiert hätte.«

»Das stimmt zwar, aber trotzdem gehst du jetzt zu hart mit dir selbst ins Gericht. Du wusstest doch gar nicht, dass Moosbacher in Gefahr war.«

»Weil ich Henry nicht ernst genommen habe, und bei den Nachforschungen über Bilanow habe ich nur an der Oberfläche gekratzt. Dann, beim zweiten Mal … Sie hatte Angst, aber ich habe es nicht gemerkt! Du hattest vollkommen Recht, ich war beleidigt – und darum völlig blind. Im Nachhinein betrachtet stank das ganze von Anfang an nach organisierter Kriminalität.«

Viktor fasste Adrian am Ellbogen und dirigierte ihn zum Verkaufsfenster eines kleinen Imbiss-Pavillons. Es war noch zu kalt, um sich auf die bereitgestellten Stühle zu setzen. Er orderte zwei Becher Kaffee zum Mitnehmen. Adrian schwieg, bis sie sich wieder außer Hörweite fremder Ohren befanden.

»Die Kollegen hatten Westermann schon eine Weile auf ihrer Liste,nur beweisen konnten sie ihm nichts. Gegen ihn wurde von Frankfurt aus ermittelt. Mann, hätte ich nur den Mund aufgemacht! Was fehlte, war die Verbindung zwischen Westermann und Bilanow. Die Spendensache wurde anscheinend gleich von zwei Seiten falsch eingeschätzt. An Bilanow waren nämlich nur die Offenbacher Kollegen dran. Sie haben zuerst vermutet, dass er in Versicherungsbetrug bei Verkehrsunfällen verwickelt war. Aber dann gab es Hinweise, dass er auch mit Falschgeld zu tun hatte.« Er nippte an dem glühendheißen Kaffee.

»Sie haben tatsächlich versucht, Bilanows Sarg auf dem Weg in die Ukraine abzufangen und zu filzen, aber der ist ihnen durch die Lappen gegangen. Der Transport ging zu schnell, und er wurde mit dem Wagen eines ukrainischen Unternehmens abgeholt. Man geht davon aus, dass die beauftragt wurden, als Bilanow noch höchst lebendig war! Warum und wie er sterben musste, ist noch nicht geklärt. Wahrscheinlich ging es um Geld, das er abgezweigt hat. Oder er wollte aussteigen. Der alte Moosbacher hat ausgesagt, dass Bilanowsgute Freundesich am offenen Sarg von ihm verabschiedet hätten. Dabei wurde wohl nicht nur die Stirn des Toten geküsst, sondern ihm auch ein paar Bündel Geld untergeschoben. Ob das Blüten waren oder Schwarzgeld, wusste er natürlich nicht.«

»Und Henry?«

»Hatte davon keine Ahnung, Moosbacher hat den Sarg verschlossen. – Wenn ich mir damals den Mann angesehen hätte, so wie sie das gewollt hat, wäre frühzeitig alles aufgeflogen.«

»Also lag sie auf der ganzen Linie richtig.«

»Allerdings.«

»Was wird aus Westermann?«

»Den haben die Kollegen gestern einkassiert. Sie waren sehr diskret bei Henry und Moosbacher, dadurch war er nicht vorgewarnt. Uwe hat mich vorhin angerufen, obwohl er eigentlich nicht durfte. Einer von Westermanns Leibwächtern packt gnadenlos aus. Westermann hat die Finger in jedem dreckigen Geschäft, das du dir vorstellen kannst, und verschiebt alles, was illegal ist, querdurch Europa. Aber vor allem vermittelt er Kredite zu sittenwidri­gen Bedingungen. Und er ist Mittelsmann zwischen den verschie­denen Sparten der Kriminellen, bringt Betrüger und Fälscher mitDrogenhändlern und Menschenschmugglern zusammen. Vermut­lich hat er über sein pseudo-soziales Engagement immer wieder neue Kräfte rekrutiert.«

Adrian war froh, dass Cem Celebi nicht mit in der Sache steckte. Vielleicht würde er in den nächsten Tagen im Sportstudio vorbeischauen und ein bisschen trainieren, er brauchte dringend Ablenkung – müde nahm er die Brille ab und rieb sich die Augen – und Schlaf. Davon hatte er in den vergangenen Nächten viel zu wenig abbekommen.

»Westermanns neustes Projekt war das elegante Entsorgen von Leichen.«

»Mit Henrys Hilfe«, ergänzte Viktor.

»Unfreiwilliger Hilfe. Erst hat er den alten Moosbacher zu halbseidenen Sachen gezwungen. Der hat stillgehalten und dieSchweinereien gedeckt. Aber weil er nicht aus seiner Haut konnte,hat er heimlich Buch geführt über die für Westermann erbrachten Leistungen. Die Unterlagen habe ich in seinem Schreibtisch gefunden. Das Problem war, dass Henry nicht bereit war wegzugucken. Darum hat Westermann sie direkt erpresst und Jürgens Leben als Pfand eingesetzt. Von da an hat sie mich belogen.«

Wenn er die Augen schloss, sah er sie vor sich, spürte unter seinen Händen die Wölbung ihres Bauches, die weiche Rundung ihrerHüfte. Ihre Haut war fast makellos weiß, bis auf die Sommersprossen. Kein Tattoo. Irgendwie hatte er eines erwartet, ein Kreuz, einen Totenkopf, wenigstens eine Spinne. Schmerzhaft wurde ihm bewusst, wie sehr sie ihm fehlte. Er wünschte, sie wären sich früher begegnet, dann hätten sie einander vielleicht vertraut, als es darauf ankam.

»Mit ihren Lügen hat sie womöglich auch versucht, dich zu schützen, damit du nicht in Westermanns Schusslinie gerätst. Schon mal daran gedacht?«

Adrian hob die Achseln. Ja, hatte er, natürlich. Aber das machtedie Sache für ihn nicht besser. Im Gegenteil.

In stillem Einverständnis bogen sie nach links auf die Fußgängerbrücke ab. Erst in der Mitte über dem Fluss blieben sie nebeneinander stehen. Der Nebel stieg höher, die Wolkendecke brach auf und gab erste Flecken blauen Himmels frei.

»Vielleicht hat Henry im Stillen gehofft, dass du nicht lockerlässt. Es konnte nicht ewig so weitergehen, das muss ihr klar gewesen sein.«

Viktor betrachtete Adrian von der Seite. Er war erschöpft. Unglücklich. Verstört. Sicher sah Viktor ihm das an.

»Sie hat gesagt, ich soll zu Katja nach München gehen. Weit weg, neu anfangen – und das alles hier vergessen.«

»Sie vergessen?«

Adrian nickte und stellte den Kaffeebecher auf den Boden. ViktorBertram tat es ihm gleich, stützte sich neben seinem Sohn mit den Unterarmen auf dem Geländer ab, verschränkte die Finger ineinander und schwieg.

Adrian schabte mit einer Hand über seine Bartstoppeln. Er hattesich seit drei Tagen nicht mehr rasiert und es nicht einmal bemerkt. Beiläufig zog er eine Tüte mit gesalzenen Pistazien aus der Jackentasche und hielt sie Viktor hin, ehe er selbst zugriff. Das Knacken wirkte beruhigend und half ihm beim Denken.

»Was wirst du jetzt tun?«

Drei Pistazien verschwanden nacheinander in Adrians Mund. Er kaute langsam und konzentriert. Sein Entschluss stand fest.

»Ich werde Katja anrufen und mich entschuldigen. Bald. Ich habemich ihr gegenüber wie ein Arschloch benommen. Feige und absolut unfair. Das hat sie nicht verdient.«

»Und dann?«

Ein Frachter schob sich gemächlich unter ihren Füßen hindurch, zog einen weißen Wirbel aus schäumender Gischt hinter sich her. Adrians Augen verengten sich und machten dabei die kleinen, sie umgebenden Fältchen sichtbar.

»Weißt du Viktor, ich habe festgestellt, dass ich dir doch verdammt ähnlich bin.«

Er knackte eine weitere Pistazie mit den Zähnen.

»Das heißt?«

»Ich bin stur, hartnäckig, unbelehrbar, wenn mir etwas wirklich wichtig ist. Und ich will nicht noch mal ein feiges Arschloch sein. Ich werde kämpfen.«

»Um Katja?«

Adrian spuckte die Pistazienschale ins Wasser und lachte leise.»Sonja hat mir erzählt, ihr hattet mal einen Wellensittich, der Henry hieß.«

»Ein echt komischer Vogel«, bestätigte Viktor lächelnd.

Adrian schloss die Augen und reckte das Gesicht in die Sonne. »Stimmt. Das ist sie!«

Ende

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Alle Rechte vorbehalten,

auch die des auszugsweisen Nachdrucks

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sowie der Einspeicherung und Verarbeitung

in elektronischen Systemen.

© Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel, 2012

Tel.: 0561/766 449 0, Fax: 0561/766 449 29

Lektorat: Anette Kleszcz-Wagner

Korrektur: Christiane Helms

Titelfoto: © Jens Heise, Bremen

E-Book: Prolibris Verlag

ISBN: 978-3-95475-054-2

Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich. 978-3-95475-002-3

www.prolibris-verlag.de

 

Danksagung

Meinen herzlichen Dank an all die wunderbaren Menschen, die mich bei der Entstehung dieses Buches unterstützt, begleitet und fachlich beraten haben:
meinen Mann, meine Familie und die „Mörderische Schwestern“;
Willi P. Heuse – Bestatter, der mich in die fremde Welt der Trauerkultur mitgenommen und an einen Thanatopraktiker vermittelt hat; Henning Schwethelm – Kriminaloberrat, für seinen ungetrübten Blick auf die Realität;
Andreas Fassmann – Free-Fight-Trainer, dessen Kampftechniken mich staunen ließen; 
Erich Bösch – Kampfsportler und Autor, der einige Szenen kritisch unter die Lupe nahm;
ASP – die Band, für die Genehmigung, eine Zeile aus ihrem Song „Sing child“ zu verwenden;
und „special thanks“ an meine Freundin Nina Gille für ihre Einblicke ins Goth-Lebensgefühl, die passende Musik dazu und ihre wunderbar inspirierenden Friedhofsphotographien;
und selbstverständlich an meinen Agenten Dr. Michael Wenzel und meine Lektorin Dr. Anette Kleszcz-Wagner.

Sie alle haben geholfen, das vorliegende Buch zu dem zu machen, was es ist. Sollten trotz sorgfältiger Prüfung noch sachliche Fehler enthalten sein, so gehen diese ausschließlich auf mein Konto.

Prolog

Vorsichtig wickelte er die Mullbinde ab, bewegte langsam die Finger und ließ das Handgelenk kreisen. Es knirschte, aber anscheinend warnichts gebrochen. Aus der Hosentasche zerrte er ein Bündel zerknüllterGeldscheine und warf sie neben sich auf das ungemachte Bett. Tausend Euro. Ein ordentlicher Batzen für eine knappe Viertelstunde Einsatz. Das war viel besser, als sein alter Job.

Nichts für Weicheier mit Skrupeln. Kein Platz für Mitleid. Auch nicht mit sich selbst. Aber damit kam er klar.

Er konnte sicher noch mehr herausholen. Wenn er sich clever anstellte. Und sich nicht erwischen ließ.

Tag 1 – Montag

Aus der Helligkeit des Vormittages trat Adrian ein ins kühle Halbdunkel des Bestattungsinstituts. Er brauchte einige Sekunden, um sich an die veränderte Beleuchtung zu gewöhnen. DerRaum verströmte einen muffigen Geruch, passend zum Ambiente. Kerzen unter einem Kreuz , dezente Musik. Rechts, durch eineGlaswand abgetrennt, drei Särge mit Plastikblumenschmuck, eineVitrine mit Urnen. Auf der linken Seite, hinter einem Schreibtisch, saß ein alter Mann im schwarzen Anzug und telefonierte.

Adrian empfand seine eigene Erscheinung plötzlich als unpassend. Jeans, ein einfaches T-Shirt und eine Lederjacke. Er räus­perte sich.

Der Mann hob überrascht den Kopf, warf einen Blick zur Uhr, dann in den Kalender und legte die Hand über die Sprechmuschel. Stumm gestikulierend bedeutete er Adrian, das Gespräch sei wichtig und ergänzte dann flüsternd: »Gehen Sie den Flur entlang und die Treppe runter. Henry muss gleich fertig sein. Klopfen Sie einfach.«

Auf dem Weg nach unten schlug ihm Formalingeruch entgegen, der immer intensiver wurde. Durch die letzte Tür auf dem Flur drang Licht, aber niemand reagierte auf sein Klopfen. Ohne lange zu überlegen, öffnete er und betrat einen bis zur Decke hinauf gefliesten Raum. Erinnerungen an die Gemeinschaftsdusche in der Schulsporthalle huschten durch seinen Kopf, als er den im Boden eingelassenen Abfluss wahrnahm. Dann fiel sein Blick auf den Stahltisch. Und auf die nackten Füße an nackten Beinen. Aber nur kurz. Er wurde abgelenkt, als von rechts, aus dem uneinsehbaren Bereich hinter der Tür, eine pummelige Gestalt in einer abwaschbaren Schürze aus Gummi erschien. Schlachthofatmosphäre. Ihre Schuhe steckten in Plastikgamaschen. Auf einem unsichtbaren Schlagzeug schlug sie mit zwei dünnen Stäben einen lautlosen Takt und tanzte dazu über die weißen Fliesen.

Sie senkte die Hände und steckte auf jeden der Trommelstöcke einen Schlauch. Einen davon verband sie mit einem zylindrischen Glasbehälter, in dem eine rosafarbene Flüssigkeit waberte. Dann griff sie zu einem feinen Messer und machte sich damit am Hals des Leichnams zu schaffen.

Er musste dieses widerliche Treiben sofort beenden.

»Ich suche Henry«, platzte er heraus und hob dabei leicht dieStimme. Frankenstein ließ die Folterwerkzeuge fallen und fuhr herum.

Frankensteins Tochter, präzisierte Adrian in Gedanken.

Mit einer Hand zupfte sie sich die Kabel eines MP3-Players, die er erst jetzt bemerkte, aus den Ohren. »Sind Sie noch zu retten? Sie haben mich zu Tode erschreckt.«

Sein Lachen war nicht aufzuhalten. Makaber, unpassend, unbändig. »Na, dann liegen Sie hier ja gleich richtig, wenn Sie tot umfallen.«

Ihr rundliches, sommersprossiges Gesicht wechselte die Farbe von erschrecktem Rot zu dem Weiß, das einzig den Rothaarigen vorbehalten war.

»Der Mann dort oben hat mich runtergeschickt, zu einem gewissen Henry. Stimmt das – finde ich den hier?«

»Stimmt fast.« Sie nickte nachdrücklich. »Sekunde noch.«

Mit dem Skalpell setzte sie zügig zwei kurze Schnitte, nahm die Trommelstöcke wieder auf, bei denen es sich, wie Adrian jetzt erkannte, um große Kanülen handelte, und schob sie dem Toten scheinbar mühelos unter die Haut. Sie kontrollierte den Behälter und betätigte einige Schalter, woraufhin ein Motor zu laufen begann. Wortlos beförderte sie die Gummihandschuhe in den Müll, wusch sich akribisch die Hände und rieb sie mit einer Desinfektionslösung ein, um ihm dann die Rechte hinzustrecken.

»Henriette Körner, aber alle nennen mich Henry. Wir sind hier prinzipiell per Du, intern versteht sich. Wenn Kundschaft da ist, natürlich nicht. Also, bis auf solche«, sie deutete auf den Leichnam, »die lauschen nicht. Dann lass mal hören, was hast du denn für Referenzen? Schon mal so einen Job gemacht?«

Ehe er antworten konnte, sprach sie weiter:

»Neuling, tippe ich, so grün wie du um die Nase bist. Meine Klienten sind friedlich, die tun niemandem was. Du sollst als Aushilfe vor allem den Transport hierher und die Fahrten zum Friedhof übernehmen, dann ist der Deckel drüber. Außerdem sind wir sowieso immer zu zweit. Wenn wir eine Leiche abholen, übernehme ich am Anfang den Papierkram. Das ist alles halb so wild. Und das hier«, sie deutete wieder auf den stummen Mann, »ist mein Ding, damit hast du nichts zu tun.«

Sie nahm eine Wasserflasche vom Tisch, die beim Öffnen zischte, und schenkte ihm ein Glas ein. Er brachte keinen Ton heraus, nahm einen Schluck, konnte den Blick nicht vom Hals des Totenlösen, in dem jetzt zwei Schläuche steckten. Durch den einenwurde die rosa Flüssigkeit in den Körper gepumpt, durch den anderen bewegte sich eine rötlich-braune Masse in entgegengesetzter Richtung. Sein Magen reklamierte den Anblick als unzumutbar.

»Eigentlich«, er lehnte sich an den Türrahmen und hielt sich am Glas fest, »suche ich keinen Aushilfsjob.«

»Festanstellung ist keine geplant. Das geben die Finanzen momentan nicht her.«

»Nein. Darum geht es nicht.«

Es fiel ihm schwer, die Worte auszusprechen. Der Gedanke war noch nicht endgültig in seinem Kopf angekommen. Wahrscheinlich verspürte er gerade darum schon wieder den aberwitzigen Drang zu lachen.

»Es ist nur wegen Elisabeth. Sie braucht eine Beerdigung, weil – na ja – sie ist tot.«

Die Pumpe tat ungerührt, was sie zu tun hatte, sie pumpte, und die Schläuche gaben unappetitliche Schmatzgeräusche von sich.

»Ist nicht dein Ernst!«

In Henriettes Stimme mischte sich ein schriller Unterton, und Adrian grinste verlegen.

»Wirklich lustig ist es jedenfalls auch nicht.«

Hektisch wischte Henriette sich die Haare aus der Stirn und startete einen Erklärungsversuch: »Mann, das tut mir so leid! Niemand kommt hier runter, normalerweise. Aber heute … Ich wusstenicht …«

»Schon gut.«

»Nein, ist es nicht! Es sollte sich eine Aushilfe bei mir melden, um elf Uhr, und darum dachte ich, dass du das bist, also Sie … Ich hatte keine Ahnung, dass jemand zum Trauergespräch angemeldet ist – und Sie haben gesagt, Sie wollten zu mir.«

Adrian war gar nicht auf die Idee gekommen, vorher anzurufen und einen Termin zu machen. Man hatte ihn im Dienst über Elisa­beths Tod informiert, und er war direkt vom Polizeipräsidium aus ins Krankenhaus gefahren. Nachdem er dort die notwendigen Formalitäten hinter sich gebracht hatte, wollte er auch die nächsten Schritte umgehend in die Wege leiten und erst dann nach Hause fahren. Unter seinem Arm klemmte immer noch seine Sporttasche, in die eine Schwester Elisabeths Habseligkeiten eingepackt hatte.

»Es tut mir wirklich sehr leid, das war ein blödes Missverständnis, und natürlich tut es mir auch leid, dass Sie einen lieben Menschen verloren haben.«

Einen lieben Menschen. Er unterdrückte den Impuls zu widersprechen. »Sie konnten das nicht wissen.«

Ihre erschreckten Augen ließen sie weniger abgebrüht erscheinen, als der erste Eindruck es ihm vermittelt hatte.

»Trotzdem. Ich bringe Sie nach oben. Herr Moosbacher wird sich gleich um Sie kümmern. Sie werden sehen, mit seiner Hilfe und Erfahrung …«

»Ich will aber lieber mit Ihnen reden«, unterbrach er sie.

»Das ist eigentlich nicht meine Aufgabe. Herr Moosbacher kann das viel besser.«

»Eigentlich? Aber Sie können es auch?«

Erstaunlicherweise wirkte die Frau beruhigend auf ihn. Vielleicht, weil sie für einen Moment so fassungslos ausgesehen hatte,wie er selbst es eigentlich hätte sein sollen.

»Ja, ich kann das auch«, gab sie widerwillig zu.

»Dann bleibe ich hier.«

Henriette schüttelte den Kopf. »Kommt nicht in Frage! Ich meine,dass wir hier unten reden, kommt nicht in Frage. Lassen Sie uns nach oben gehen.« Gegen seinen Willen drängte sie ihn aus dem Raum. Er trottete vor ihr die Treppe hinauf, registrierte kaum, dass sie weiter mit ihm sprach und antwortete mechanisch.

Während sie schnell und leise auf den Mann hinter dem Schreibtisch einredete, blieb Adrian mitten im Zimmer stehen und starrte auf die Tasche in seiner Hand. Seine Tasche mit Elisa­beths Sachen. Ihm wurde übel, obwohl er hier oben den Formalingeruch nicht mehr wahrnehmen konnte.

* * *

Der Schreck machte Eberhard Moosbacher sprachlos. Wie hatte ernur so gedankenlos sein können, einen Hinterbliebenen zu Henryin den Keller zu schicken? Selbst das verstörende Telefonat ließ er vor sich selbst nicht als Entschuldigung gelten. Sie konnten es sich nicht leisten auch nur einen einzigen Auftrag zu verlieren. Nun kam es ihm gelegen, dass Henry das Trauergespräch übernehmen wollte. Er brauchte Zeit, seine Gedanken zu sortieren und wieder zu Atem zu kommen. Man hatte ihn bedroht, mit körperlicherGewalt. Der Anrufer verwendete Wörterwie Schuld und Ehre, Verantwortung, Sühne und immer wieder Familie. Nicht alles konnte Eberhard Moosbacher verstehen,nicht einmal den Akzent des Mannes einem Land zuordnen. Der freundliche Tonfall vermochte nicht darüber hinwegzutäuschen, dass der Hinweis auf brechende Knochen ebenso ernst zu nehmen war, wie das darauf folgende Angebot der schützenden Hand, die sich über ihn und die Seinen breiten könne. Unter gewissen Umständen. Der Mann hatte nicht auf eine Antwort gewartet.

Mit fahrigen Bewegungen kramte Eberhard Moosbacher den Schlüssel hervor, schloss die Eingangstür ab und zog sich in sein Büro zurück. Seine Kräfte ließen nach, körperlich und mental. Er konnte dem Druck nicht mehr lange standhalten. Wenn er nicht bald eine Lösung fand, würden sich andere um seine Probleme kümmern. Er wagte nicht sich auszumalen wie.

Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich der Angst vor der Zukunft ausgeliefert.

* * *

Henriette Körner nahm Adrian an der Schulter, drehte ihn ein Stück zur Seite und schob ihn ins Nebenzimmer. Dort öffnete sie das Fenster, stellte ohne zu fragen eine Tasse vor ihn auf den Tisch und goss aus der Thermoskanne Kaffee ein. Er sah aus, als ob er eine Portion Frischluft und Koffein gebrauchen könnte. Sie hätte jetzt einen Whiskey bevorzugt. Einen doppelten. Lebende Menschen waren oft schrecklich kompliziert.

In Gedanken legte sie sich Sätze zurecht und verwarf sie wieder. Ihr letztes Gespräch dieser Art lag mindestens ein Jahr zurück. Nach ihrem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen im Keller konnte sie nicht mit den üblichen einleitenden Worten beginnen.

»Na gut«, entfuhr es ihr schließlich. Etwas zu salopp, aber beherzt. »Am besten arbeiten wir nach und nach die wesentlichen Punkte ab. Ist das in Ordnung für Sie, Herr …?«

»Wolf, Adrian Wolf. Ja, ist es.«

Da ihr der Totenschein noch nicht vorlag, fragte Henriette die persönlichen Daten der Verstorbenen ab. Adrian Wolf antwortete einsilbig. Der Versuch, ihn durch geschäftsmäßiges Auftreten zu entkrampfen, scheiterte. Sie merkte, wie ihr seine Aufmerksamkeit entglitt und sich auf den Verkehr draußen auf der Straße richtete. Ein blauer Golf fuhr mit schleifendem Keilriemen vorbei. Dann ein grauer Wagen, vermutlich ein japanisches Modell. Immer an derselben Stelle blitzte draußen ein greller Lichtreflex auf,und er kniff die Augen zusammen. Henriette beobachtete ihn eineWeile, es schien ihm nicht aufzufallen, dass sie minutenlangschwiegen. Schließlich schloss sie das Fenster und setzte erneut an.

»Wissen Sie, ob Frau von Bragelsdorf hinterlassen hat, wie sie beigesetzt werden möchte? Manche Menschen treffen Vorbereitungen, planen …«

»Elisabeth nicht.«

»Hat sie vielleicht mit jemand anders darüber gesprochen?«, hakte sie vorsichtig nach.

»Wüsste nicht, mit wem.«

Wieder verfiel er in Schweigen, und sie studierte sein Gesicht. Schmal und kantig, erste Falten auf der Stirn und um den Mund, graue Schatten auf Kinn und Wangen, die von kräftigem Bartwuchs zeugten. Sie schätzte ihn auf Anfang, höchstens Mitte vierzig. Also etwa zehn Jahre älter als sie selbst.

»Ist da niemand sonst, der sich kümmert? Ein Ehemann, Geschwister, Kinder, Freunde, die Sie bei den Vorbereitungen unterstützen können?«

Adrian schnaubte verächtlich, rührte angestrengt in der halbleeren Tasse, trank den letzten Schluck Kaffee. »Gibt wohl nur uns beide, Henry.«

Mit konzentrierter Miene betrachtete er den Bus, der gerade den Blick aus dem Fenster versperrte. Henriette versuchte es weiter.

»Vielleicht ist es einfacher, wenn wir die Sache von einer anderen Seite her angehen. Erzählen Sie mir von Elisabeth von Bragelsdorf.«

»Da gibt es nicht viel zu erzählen.«

»Was verbindet Sie mit ihr? Wer war sie für Sie?«

»Sie war – einfach Elisabeth.«

»Eine gute Freundin?«

Er zögerte einen Moment, ehe er den Kopf schüttelte, aber er sagte nichts. Henriette seufzte. Sie war es gewohnt, dass ihre Kunden nicht mit ihr sprachen, aber die hatten einen guten Grund zu schweigen. Dieser hier nicht. Fast bereute sie es schon wieder, sich aus ihrem Keller gewagt und dieses Gespräch angenommen zu haben.

Ihre Toten heuchelten nicht, sie waren unfähig zur Lüge, eindeutig. Aber diesen Mann hier konnte sie nicht verstehen. Entweder war das ein völlig kalter Hund oder einer, der sich versteckte. Sie beschloss, sich auf sein Schweigen einzulassen, legte die Hände auf die Tischplatte, beobachtete den stummen Kampf in seinen Zügen und wartete.

Schließlich fuhr Adrian Wolf sich mit beiden Händen übers Gesicht, rieb die Augen hinter der Brille. Rot und gereizt, aber trocken. Er hatte keine Träne vergossen.

»Elisabeth war meine Mutter.«

* * *

An die Fahrt vom Beerdigungsinstitut nach Niederrad konnte Adrian sich kaum erinnern. Mehrmals war er erschreckt zusammengezuckt und musste sich neu orientieren.

Jetzt war er erleichtert, endlich angekommen zu sein. Umständlich kramte er den Wohnungsschlüssel aus der hinterenHosentasche, ohne die Sporttasche abzustellen. Er schob die Haustür mit dem Fuß auf. Den Aufzug ignorierte er. Seine Funktionsfähigkeit lag bei konstant Null, nur die Graffiti-Schmierereien wechselten regelmäßig. Das Treppenhaus roch nach nassem Hund und kaltem Rauch. Im zweiten Stock streifte sein Blick ein frisch in den Putz gekratztes schiefes Herz mit krakeligen Initialen, in denen man sowohl A+K, als auch R+H oder etwas ganz anderes erkennen konnte. Der Hausmeister würde wieder einen Anfall kriegen, böse Briefe schreiben und kollektiv alle zwischen fünf und fünfundzwanzig verdächtigen und anbrüllen.

Im vierten Stock des alten Sozialbaublocks war die Luft stickig. Darüber lag nur noch der schlecht isolierte Dachboden. Der Schlüssel klemmte im Schloss, und er musste am Knauf ziehen und ihn gleichzeitig drehen, um die Wohnungstür zu öffnen. Krampfhaft hielt er dabei die Tasche fest, um sie dann in den hintersten Winkel des Garderobenschranks zu stopfen.

Aus der Jacke zog er die Visitenkarte von Eberhard Moosbacher, auf deren Rückseite handschriftlich eine Durchwahlnummer gekritzelt war und ein Name. Unschlüssig drehte er sie in der Hand hin und her und warf sie schließlich mit dem Schlüssel auf die Ablage.Henriette Körner. Morgen sollte er sich wieder bei ihr melden. Aber heute wollte er nicht mehr weiter nachdenken.

Er bog ins Badezimmer ab, drehte den Wasserhahn auf und ließ heißes Wasser in die Wanne laufen. Aus dem Wohnzimmer holte er eine Flasche Rotwein und einen Korkenzieher und setzte sich auf den Wannenrand. Eigentlich nicht sein Ding. Er bevorzugte Bier. Elisabeth hatte Rotwein gemocht. Irgendwann hatte er den hier sicher für sie gekauft und dann vergessen. Adrian fixierte die hellblauen Fliesen an der Wand. Schwimmbadkachelblau. Über dem Waschbecken öffnete er die Flasche, dann goss er den Inhalt langsam in den Ausguss, verfolgte den dunklen Strudel, der sich gluckernd drehte und dabei schmutzige Streifen auf der weißen Keramik zurückließ. Er schlurfte hinaus, holte ein Bier aus dem Kühlschrank und trank ohne abzusetzen. Noch in der Küchestreifte er die Schuhe ab, zog sich aus und rollte die Wäsche zu einem handlichen Bündel zusammen, das er anschließend im Bad in den Wäschekorb stopfte.

Elisabeth. Mutter. Henrys Fragen kreisten in seinem Kopf, alser langsam ins Wasser glitt. Es war lange her, dass er in der Wanne gelegen hatte. Er duschte lieber. Schnell und zweckmäßig. Aber jetzt hatte er das Bedürfnis, sich einzuweichen, bis sich die Haut in kleinen Wellen pellte, der Desinfektionsmittelduft aus seinerNase verschwand und der Mottenkugelgestank des Todes. Woherdieser Gedanke an Mottenkugeln kam, konnte er sich nicht erklä­ren. Aber beide Gerüche verfolgten ihn, seit er im Bestattungsunternehmen gewesen war, verwirbelten nun in seinem Kopf, wurden allmählich ersetzt durch den Duft der Erinnerung.

Adrian füllte seine Lungen mit Luft, tauchte unter und öffnete die Augen. Kein Schaumbad, das in den Augen brannte, kein aufdringliches Aroma, so stark und überwältigend, dass es ihn ekelte.Seine Folter, wenn Elisabeth badete. Er dachte daran, wie sie dabeiausgesehen hatte, als er ein Kind war. Schön, makellos, unnahbar. Wie sie seine Blicke auf sich gezogen hatte, um ihn anschließend dafür zu tadeln.

Der Wasserdruck erzeugte ein tiefes Rauschen, das durch seine Ohren bis in die hintersten Gehirnzellen vordrang. Dort überlagerte es für einen Moment alle Gedanken und mischte sich mit den verzerrten Bildern, die das hin und her schwappende Wasser auf die Netzhaut projizierte. Das Dröhnen verstärkte sich. Er spürte das Pulsieren seines Blutes in den Schläfen, während ihm allmählich die Luft ausging. Prustend kam er zurück an die Oberfläche. Draußen klingelte das Telefon. Er ignorierte es. Beileidsbekundungen waren das Letzte, was er gebrauchen konnte. Es gab keinen Verlust zu beklagen. Wenn er überhaupt etwas empfand, dann Erleichterung.

Henriette Körner hatte ihn weggeschickt, damit er sich Zeit nahm zum Nachdenken und keine überstürzten Entscheidungen traf. Man konnte Leichen kühlen und lagern, bei entsprechenderBehandlung. Auf Antrag auch zwei Wochen lang. Es bestand keineNotwendigkeit zur Eile. Außer vielleicht für ihn. Begraben und vergessen.

Was mochte Ihre Mutter, was war ihr wichtig?, hatte die Frau aus dem Keller gefragt. Neugierig und unerbittlich. Aber es interessierte ihn nicht, war ihm, verdammt noch mal, egal. Er sollte passende Musik heraussuchen für die Trauerfeier. Brauchte einen Anzeigentext für die Zeitung, musste Leute informieren. Da war durchaus noch Verwandtschaft, deren Existenz er aber viel lieber ausgeblendet hätte.

Das Telefon hörte nicht auf zu klingeln. Seine Füße lagen auf dem Wannenrand. Diese Henry war bereit, alles zu organisieren, nur lag ihr penetrant viel an dem, was sie Trauerarbeit nannte.

Langsam beugte er die Knie und sein Kopf verschwand wieder im gedämpften Rauschen. Blödsinn, das alles. Er kam auch so zurecht.

* * *

Die plüschige Sitzecke im »Club 18« war Alfred Westermanns bevorzugter Platz für Verhandlungen. Entspannte Atmosphäre, gedämpfte Beleuchtung, diskreter Service. Seine Jungs außer Hörweite, aber mit Sichtkontakt. Von der Bar wehte das Lachen derleicht bekleideten Damen herüber. Mit denen wollte er sich späternoch beschäftigen. Jetzt ging es ums Geschäft. Doch das Gespräch verlief alles andere als befriedigend.

»Ich dachte, wir waren uns einig?« Mehr als eine leichte Überraschung ließ er sich nicht anmerken.

Kolja Bilanow beugte sich nach vorne, griff nach dem Longdrinkglas und ließ die Eiswürfel kreisen.

»Dinge ändern sich.«

»Inwiefern?«

Bedächtig nippte Bilanow, tupfte Mundwinkel und Schnurrbart mit der Serviette ab und stellte das Glas auf den Tisch. Er lehnte sich zurück und bettete die gefalteten Hände in den Schoß, ehe er antwortete.

»Meine Arbeit macht mir Freude, aber ich werde nicht jünger. Noch ein paar Jahre, dann will ich mich zur Ruhe setzen. Du hast einen meiner besten Männer abgeworben«, sagte er ruhig. »Das gefällt mir nicht. Doch ich verstehe es. Du weißt, ich bin nicht nachtragend. Obwohl es mein Plan war, dass er meine Angelegenheiten für mich weiterführt, trotz der kleinen Unstimmigkeiten, die wir zuletzt hatten. Nun muss ich umdenken für meine Zukunft. Daher habe ich nachgerechnet. Der Gewinn stimmt, dasRisiko stimmt, die Abwicklung ist einfach – wie immer. Nur, was mir nicht mehr schmeckt, ist die Verteilung. Es bleibt zu vielRisiko für mich und zu viel Gewinn für dich.«

Eine Frage des Geldes also. Und eine Frage des Respekts. Alfred Westermann blinzelte nicht einmal. »Wenn du aussteigen willst, nur zu, dann bleibt der ganze Gewinn für mich.«

»Aus Geschäften mit dir steigt man nicht einfach aus, das wissen wir beide. Aber ich weiß auch, dass du jemanden suchst, auf den du verdammt wütend bist.«

»Den kleinen, dreckigen Totengräber?«

Bilanow neigte bestätigend den Kopf zur Seite. »Wir verhandeln neu, und ich sage dir, wie du ihn findest.«

Im Gegensatz zu den Damen an der Theke ließ Westermann sich nicht von der kehligen, weichen Stimme seines Gesprächspartners einwickeln. Westermanns Urteil über ihn war längst gefallen.

»Interessiert?«

Einmal Denunziant, immer Denunziant. Es schadete nicht, die Information trotzdem zu nutzen. »Es lebe der Verrat.« Westermann lächelte sanft.

* * *

Es war schon beinahe Mitternacht, als Katja Leger die Wohnungstür aufschloss. Ihre Absätze klapperten über den Flur und Adrian ging ihr zögernd ein paar Schritte entgegen.

»Wie geht es dir?«

Katja musterte ihn besorgt. Sie war den weiten Weg von München nach Frankfurt gekommen, nachdem sie seine SMS mit derNachricht von Elisabeths Tod erhalten hatte. Obwohl sie am nächs­ten Morgen pünktlich zu einem Geschäftstermin wieder zurück sein musste. Wenige und zumeist schlaflose Stunden, die sie gemeinsam verbringen konnten in dieser Nacht. Adrian neigte den Kopf leicht zur Seite.

»Geht schon«, murmelte er vage und verzog die Lippen zu einemschiefen Lächeln. »Elisabeths Tod kam nicht wirklich überraschend. Irgendwie habe ich«, er machte eine kurze Pause, »habe ich darauf gewartet.«

Erleichtert stieß sie die Luft aus und umarmte ihn. »Ich bin froh, dass du das endlich aussprichst. Es ist natürlich immer«, sie schien nach dem passenden Wort zu suchen, »bedauerlich, wenn ein Mensch stirbt.«

Bedauerlich? Er hatte darauf gewartet, gelauert, gehofft und es herbeigesehnt. Er fragte sich, ob er sich dafür schämen müsste. Aber er schämte sich nicht.

Katja strich sanft über seinen Nacken. »Wenn du mich brauchst, bin ich da. Nur, verlange nicht von mir, dir Trauer vorzuspielen. Elisabeth war eine Belastung, sie war alt und bösartig, sie war schwer krank und hatte schon lange nichts mehr vom Leben. Auch, wenn das immer ein bisschen platt klingt, aber ihr Tod war vermutlich eine Erlösung für sie. Und auch für dich, wenn du ehrlich bist.«

Erlösung. Sie hatte Recht. Elisabeths Tod bedeutete seine Freiheit. Eine Freiheit, die ihm längst zugestanden hatte. Katjas gradlinige Offenheit vertrieb die letzten Zweifel aus seinem Kopf. Er zog ihre Hand an die Lippen und drückte einen Kuss darauf. Sie rückte seine Welt wieder zurecht, brachte ihm die gewohnte Selbstsicherheit zurück.

Es gab nicht den geringsten Grund, über Elisabeths Geschichte nachzugrübeln oder an Gunther von Bragelsdorf zu denken. Und schon gar nicht an den anderen Mann in ihrem Leben.

Katja war hier, seinetwegen, nur das zählte. Sie war seine Zukunft. Er lächelte eine Spur zu breit, zu souverän. »Die Sache ist bald erledigt. Mach dir keine Gedanken um mich. Denn, weißt du, ich bin erwachsen, das haut mich nicht um. Also danke für das Angebot, aber ich schätze, Hilfe werde ich nicht brauchen. Es sind nur noch ein paar Kleinigkeiten zu klären, den Rest überlasse­ ich dem Bestatter. Vergessen wir das. Es tut einfach gut, dass du da bist.«

Seine Arme schlossen sich um ihre Schultern, ihr Körper wurdeweich und sie schnurrte wie eine Katze, als er ihren Hals küsste und mit den Händen in ihre Locken fuhr.

Seine Empfindungen gehörten ihm allein und gingen niemanden etwas an. Auch nicht die Frau aus dem Leichenkeller. Elisa­beths Leben war zu Ende, aber seines nicht. Er lebte, atmete, und keiner durfte ihm sagen, was er zu fühlen hatte. Die Vergangenheit sollte vergangen bleiben und aus seinem Hirn verschwinden. Wie Elisabeth.

Katja genoss seine ungestüme Umarmung, strich mit den Fingernägeln herausfordernd sein Rückgrat entlang, lachte leise, flüs­terte zärtliche Worte. Doch ihre schmeichelnde Stimme erreichte ihn nicht. Ein verbissenes Verlangen grub tiefe Falten in sein Gesicht, als er ihr die Bluse über den Kopf streifte und in ihren Haaren Vergessen suchte.

Da war dieser flüchtige Hauch von Rosenblättern in seinem Innern, Verwesung und Formaldehyd.

Krampfhaft presste er die Lider zusammen, bis sie schmerzten und nur noch tanzende bunte Lichtblitze dahinter zuckten. Das Vergessen ließ auf sich warten.

Tag 2 – Dienstag

Katja war bereits gegangen, als Adrian am nächsten Morgen erwachte. Vor dem Kleiderschrank stand er mehrere Minuten unschlüssig herum. Er schaffte es nicht, ein schwarzes Hemd anzuziehen oder wenigstens eine schwarze Krawatte. Elisabeth hätte es von ihm erwartet. Aber Elisabeth war tot. Er wählte ein helles Blau.

In der Küche stand ein benutztes Glas, daneben der Orangensaft. Adrian trank direkt aus der Packung und stellte Katjas Glas in die Spülmaschine. Sie hatte kein Problem damit, sich um fünf Uhr früh in den Wagen zu setzen, um nach München zu fahren, und davor noch zu duschen. Er schon. Sein Biorhythmus verlangte Schlaf bis mindestens halb sieben. Vor acht kam er in den seltensten Fällen an seinem Schreibtisch im Polizeipräsidium an.

Man bekam Dienstbefreiung für Todesfälle im engsten Familienkreis. Aber heute ging er zur Arbeit wie an jedem anderen Tag, nahm die Anteilnahme der Kollegen schweigend zur Kenntnis, schloss dann die Tür hinter sich und verbannte Elisabeth für ein paar Stunden aus seinem Kopf. Erst sein Terminkalender im Computer erinnerte ihn kurz vor dem Feierabend mit dezentem Klingeln daran, dass er sich dem Problem wieder stellen musste.

Adrian verließ sein Büro, legte am Drehkreuz die Ausweiskarteauf das Lesegerät und grüßte den Pförtner mit beiläufigem Heben der Hand. Die U-Bahn-Station war nur wenige Meter entfernt, und kurz zog er in Erwägung, den Wagen am Präsidium zurück­zulassen. In der Stadt einen Parkplatz zu ergattern, war nahezu aussichtslos; fast überall benötigte man einen Anwohnerausweis, und die Kollegen vom Ordnungsamt waren im Dauer­einsatz.

Elisabeths Wohnung, in der Nähe des Museumsufers, war mit der U-Bahn bequem zu erreichen. Aber er hatte keine Lust nach seinem Besuch dort weiter mit den Öffentlichen durch die Stadt zu schaukeln. Auf die Dauer wurde das zu umständlich, schließlich musste er irgendwie nach Hause und morgen früh wieder zur Arbeit kommen. Und wer weiß, wohin noch zwischendurch. Je nachdem, was der kleinen Rothaarigen noch einfiel. Er setzte sichin seinen Wagen und fuhr Richtung Danneckerstraße. Eine ruhige Gegend mit Vorgärten hinter hohen Eisenzäunen. Dort parkte er halblegal vor dem Zugang zu einer Grünanlage mit Spielplatz am Ende der Straße.

Elisabeth von Bragelsdorf hatte nicht einfach nur gewohnt. Sie hatte im ersten Stock des Gründerzeitgebäudes geradezu residiert. Mit Putzhilfe und Köchin. Beiden war auf Elisabeths Wunsch gekündigt worden, aus Kostengründen, nachdem sie vor drei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert worden war.

Adrian öffnete alle Fenster und ließ die Räume von der kalten, klaren Herbstluft durchfluten. Gunther von Bragelsdorf war all die Jahre für die Miete aufgekommen. Oder gehörte ihm die Wohnung sogar? Adrian musste sich eingestehen, dass er es nicht wusste. Wie so vieles, was es nun herauszufinden galt. Zwangsweise, ob er wollte oder nicht. Er schnaubte ungehalten. Vielleicht erwartete ihn ein reiches Erbe. Klassisches Mordmotiv. Vielleicht aber auch nicht. Zu ihren Vermögensverhältnissen hatte Elisabeth sich nie deutlich geäußert.

Über Geld spricht man nicht. Man hat es einfach.

Über dem dunkelbraunen Sofa im Wohnzimmer prangte ein Porträt von ihr. Adrian durchsuchte hastig den Schrank, den Blick ihrer gemalten Augen im Nacken. In einem Schubfach entdeckte er eine kleine Pappschachtel mit Bildern, die fast ausnahmslos Elisabeth zeigten. Daneben fand sich ein Stapel alter Briefe, die er unberührt liegen ließ, und ein Adressbuch. Er steckte drei der Fotografien in einen Umschlag, nahm das Adressbuch an sich und beeilte sich, die Wohnung wieder zu verlassen.

Im Feierabendverkehr brauchte er eine gefühlte Ewigkeit bis nach Höchst. Es wäre viel sinnvoller gewesen, einen Bestatter in der Nähe seiner eigenen Wohnung zu beauftragen, als in der Nähe der Klinik. Aber dazu war es nun zu spät. Einen Moment lang dachte er daran, Eberhard Moosbacher den Umschlag einfach in die Hand zu drücken und zu verschwinden. Dann entschied er sich dagegen.

gleichmäßigen Bewegungen, konzentriert und zügig, und schaffteren Zettel und Fotografien an einer Magnetleiste aufgehängt. Ge