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Über dieses Buch:

Als der Sinnsuchende einem jungen Medizinmann aus dem Volk der Lakota begegnet, ändert sich sein Leben. Zunächst behandelt ihn der Indianer mit Argwohn– und erklärt sich doch bereit, ihm die Augen zu öffnen und ihn auf seinem spirituellen Weg zu begleiten. Der Suchende lernt indianische Überlieferungen kennen, die Schwitzhütte, das Medizinrad. Und während sich ihm das verborgene Wissen eines stolzen Volkes offenbart, gelingt es ihm, sein inneres Kind zu erkennen und zu einem Erwachsenen zu reifen.

 

Kenntnisreich und lebendig führt Gerhard Buzzi uns in die Welt der Lakota – und zu uns selbst.

 

Über den Autor:

Gerhard Buzzi, geboren in Österreich, lebt mit seiner Familie in Bremen. Seit über 20 Jahren arbeitet er als Journalist und Buchautor. Ausgedehnte Reisen führten ihn quer durch Amerika, wo er mit der spirituellen Welt der Indianer in Berührung kam. Der Autor, der in Santa Fe, New Mexico, seine dritte Heimat gefunden hat, geht selbst den „Indianischen Weg“ und hält darüber Vorträge in Schulen und Museen. Zudem engagiert er sich in verschiedenen Indianerprojekten.

 

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Neuausgabe

im Rahmen der Edition Radio 39 Februar 2016

Die Originalausgabe dieses Buchs erschien 2004 unter dem Titel Das Medizinrad der Lakota bei Kailash.

Copyright © 2004 Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2012 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Philipp Bobrowski

Titelbildgestaltung: Tanja Winkler, Weichs

Titelbildabbildung: © Sami Suni – iStockfoto.com

 

ISBN 978-3-95824-604-1

 

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Gerhard Buzzi

Die Weisheit der Lakota

 

Die Seele heilen. Zum Mensch werden.

 

Edition Radio 39

 

dotbooks.

 

 

Danksagung


Ich danke meinen Lakotafreunden für die herzliche Aufnahme. Danke an Sunny, der so viel für mich getan hat. Ich danke Kristin für ihre Liebe und für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Danke an Dr. Lieb, meine Kinder, an Rolli, Günter und Chymena für die tollen Gespräche. Danke an Ellis und alle Menschen, die zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben.

Inhalt


Danksagung

Inhalt

Ein heiliger Ort

Lieder aus der heiligen Zeit

Ein Adler im Restaurant

Von Adlern adoptiert

Er heißt Sunny

Plastikschamane

Mein inneres Kind

Gesunde Aggression

Standing Rock

Tausend Tode

Das Medizinrad

Der Krieger

Die Heilung des verletzten Kindes

Die Kraft des Kriegers erwecken

Der nächste Morgen

Der Seher

Die Kraft des Sehers erwecken

Der Heiler

Die Kraft des Heilers erwecken

Der Lehrer

Die Kraft des Lehrers erwecken

Abschied

Affirmationen

Nachtrag

Ein heiliger Ort


Die Sonne senkte sich über den Horizont und tauchte den kleinen Friedhof in purpurnes Licht. Ein heißer Wind strich zart über die ausgedörrten Sträucher und Gräser, die sich nach Wasser sehnten. Die wenigen Blumen waren längst verdurstet. Gelber Staub wirbelte auf, ehe er sich wie ein Schleier über die weißen Grabsteine legte, um sie zur Ruhe zu betten.

Der Friedhof lag auf einem kleinen Hügel, der sich sanft in die Graslandschaft der Cheyenne River Indian Reservation schmiegte. Die schmucklose Kirche träumte von besseren Zeiten. Von Tagen, in denen die Menschen zum Gottesdienst kamen und den Worten des Predigers lauschten, wenn er im Land des Roten Volkes von Jesus Christus erzählte. Von Nächstenliebe und Toleranz, von den Zehn Geboten und der Tatsache, dass Gott alle Menschen liebt.

Jetzt war es nur die Zeit, die unerbittlich an die hölzerne Türe pochte, um Einlass zu begehren in das leere Gotteshaus mit seinen herausgerissenen Bänken und dem morschen Holzboden.

Die weiße Außenfarbe der Kirche schälte sich wie verbrannte Haut von den verwitterten Brettern, die wenigen Fensterscheiben waren blind oder eingeschlagen.

Die Kirche war erbaut worden, als noch eifrige Missionare durch die weite Prärie zogen, um das Wort der Bibel zu lehren. Die heiligen Sonnentänze der Ureinwohner waren unter Androhung der Todesstrafe verboten, den Kindern wurden in christlichen Schulen ihre zerbrechlichen Seelen aus dem Leib geprügelt. Sie mussten ihre Blöße verdecken, um den Nonnen und Pfaffen zu gefallen, die ihre in Wasser eingelegten Lederriemen als heilige Sakramente verstanden, als zum Leben erweckte Worte des Herrn, die sich als blutrote Striemen in Kinderhaut verewigten.

 

Der schmucklose Holzzaun aus ungehobelten Latten war seiner Aufgabe überdrüssig geworden, die Grabstätte vor unliebsamen Besuchern zu beschützen. Er lag, an zwei Seiten niedergerissen, im Gras. Nur die eiserne Pforte an der Westseite des Friedhofs versah noch ihren Dienst. Sie ließ sich öffnen und schließen, ihre müden, eingerosteten Scharniere ächzten und stöhnten bei jedem Windstoß.

Die 26 Toten lagen gern hier, abseits des Lärms und Straßenverkehrs. Es war ein Ort der Stille, ein heiliger Platz.

 

Wai-on kie

Wai-on ki-e

Wai-on ki-e

Tschanupa kele

Wakan jelo

Wai-on ki-e

 

Wai-on kie

Wai-on ki-e

Wai-on ki-e

Tschanupa kele

Wakan jelo

Wai-on ki-e

 

Wai-on kie

Wai-on ki-e

Wai-on ki-e

Tschanupa kele

Wakan jelo

Wai-on ki-e

 

Wai-on kie

Wai-on ki-e

Wai-on ki-e

Ojanke kele

Wakan jelo

Wai-on ki-e

 

Ich rufe Dich.

Ich stehe hier mit der Heiligen Pfeife.

 

Ich rufe Dich,

wie ich es lernte,

wie es mir weitergegeben wurde.

 

Ich rufe Dich.

Schau auf die Heilige Pfeife

in meinen Händen.

 

Ich rufe Dich.

Der Ort, an dem wir stehen,

ist heilig.

Segne ihn.

 

Der gelbe Staub schluckte meine Schritte, als ich mich dem eisernen Friedhofstor näherte. Die Sonne schickte ihre letzten Strahlen über die Gräber, Mücken tanzten im Flimmern des Feuerballs ihren letzten Tanz zu Ehren der Toten, ehe die Nacht über sie hereinbrach.

Es war kühl geworden. Ich rückte meinen braunen Hut tiefer ins Gesicht und zog den Reißverschluss meiner Jacke nach oben. Sanft stieß ich die eiserne Pforte auf. Mein Herz pochte schnell und laut, während ich langsam von einem Grab zum nächsten ging. Laut las ich die Namen der Toten, die mit einfacher Schrift in die weißen Granitsteine gemeißelt waren. John Left One Hand, Donald Running Horse, Rosalie Kicking Bird. Kein Geburtsdatum, kein Todestag, keine schmückenden Worte, nur der Name. In Gedanken versunken, hörte ich plötzlich Stimmen von weit her.

Irritiert blickte ich mich um, sah aber niemanden. Doch die Stimmen wurden klarer, lauter und deutlicher. Bald konnte ich jede einzelne von ihnen unterscheiden. Und dann, wie aus dem Nichts, tauchten Frauen und Männer aus der Ferne auf. Sie gingen langsamen Schrittes über die Prärie, direkt auf den Friedhof zu. Sie unterhielten sich angeregt. Es war eine Sprache, die ich kannte: Lakota. Die Sprache der Indianer, die hier lebten. Lachen drang an mein Ohr, ein fröhliches und glückliches Lachen.

Lieder aus der heiligen Zeit


Wie zarte Flügelschläge drangen die Worte zu mir, getragen von der warmen Luft des Tages, die, trunken von schönen Erinnerungen, durch tanzende Mücken schwebte. Von Zeit zu Zeit drehten sich die Menschen in meine Richtung und schauten über die Grabsteine zu mir herüber.

Unter ihnen war ein junger Indianer mit nacktem Oberkörper. Sein schwarzes, langes Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz gebunden, der ihm über den breiten Rücken fiel. Seine Beine steckten in einer hellen Lederhose, die mit bunten Perlen bestickt war. Deutlich erkannte ich auf dem Oberkörper die heiligen Narben zahlreicher Sonnentänze. Seine rötliche Haut glänzte in der Abendsonne.

Der junge Lakota drehte immer wieder den Kopf zu mir und blickte mich mit seinen dunklen Augen an. In seinem Gesicht zeigte sich keine Regung. Es war der Blick eines stolzen Menschen, der um die Aufgabe wusste, die er auf dieser Welt zu erfüllen hatte. Er machte den Eindruck eines starken, selbstbewussten Kriegers, der mit einer leichten, unbeschwerten Arroganz durchs Leben ging.

Ich stand wie angewurzelt zwischen den Gräbern und wagte nicht, mich zu bewegen. Ich versuchte, so leise wie möglich zu atmen, aus Angst, ich könnte diese wunderbaren Menschen vertreiben wie scheues Wild, das sich auf einer Lichtung traf.

Eine Frau kniete sich nieder. Sie hob eine Blume auf, die sich vor ihren Füßen zum Sterben niedergelegt hatte. Sie betrachtete liebevoll das zarte Geschöpf und sang ihm ein Lied. Die Frau blieb dort knien, bis sie das Lied zu Ende gesungen hatte. Dann eilte sie ihren Freunden nach, die inzwischen weitergegangen waren. Die fröhliche Schar mit dem jungen Krieger verschwand lachend und singend im Dunkel der Graslandschaft.

Der Wind flüsterte mir noch eine Weile ihre Stimmen zu, ehe er sich aufmachte, ihnen zu folgen ­ in eine Zeit, die voller Lieder und Frieden war.

 

In Staunen versunken, blickte ich noch lange in die Richtung, aus der die fröhliche Schar wie aus dem Nichts gekommen war und in die sie nun wieder verschwand. Waren es die Geister der Toten, deren Namen ich laut von den Grabsteinen gelesen hatte? John Left One Hand, Donald Running Horse und Rosalie Kicking Bird, im Gefolge der anderen, die hier auf ewig schliefen? Ich konnte mir die wundersame Erscheinung nicht erklären. Besonders dieser junge Krieger ging mir nicht aus dem Sinn. Mir war, als wäre ich ihm schon einmal begegnet. Ich dachte lange darüber nach, aber ich kam zu keinem Ergebnis.

Er erinnerte mich an die jungen Krieger von damals, als die Zeit und die Prärie noch den Lakota gehörte. Die Zeit, als der Büffel noch heilig war und die anderen Tiere in den Wäldern, als der Baum noch heilig war und die Sträucher und Blumen, als die Wolken und der Adler noch heilig waren, weil sie dem Schöpfer so nahe entgegentreten konnten, wie es der Mensch sich wünschte. Als die Lieder noch heilig waren, die gesungen wurden in den Nächten, um Thunkashila zu ehren, den Geistgroßvater, der alles erschaffen hatte.

 

Wioch pea ta

Kja-eto wai-on

Ne tunkashila

A hi tu wai-on kelo

Tsche ki aio

Tsche ki aio

A hi tu wai-on kelo

Ha-eo

 

Uasiya ta

Kja-eto wai-on

Ne tunkashila

A hi tu wai-on kelo

Tsche ki aio

Tsche ki aio

A hi tu wai-on kelo

Ha-eo

 

Wian na pa ta

Kja-eto wai-on

Ne tunkashila

A hi tu wai-on kelo

Tsche ki aio

Tsche ki aio

A hi tu wai-on kelo

Ha-eo

 

Ito kacha ta

Kja-eto wai-on

Ne tunkashila

A hi tu wai-on kelo

Tsche ki aio

Tsche ki aio

A hi tu wai-on kelo

Ha-eo

 

Wanka ta

Kja-eto wai-on

Ne tunkashila

A hi tu wai-on kelo

Tsche ki aio

Tsche ki aio

A hi tu wai-on kelo

Ha-eo

 

Maka ta

Kja-eto wai-on

Ne tunkashila

A hi tu wai-on kelo

Tsche ki aio

Tsche ki aio

A hi tu wai-on kelo

Ha-eo

 

Bete immer, bete immer,

die Spirits behüten dich.

 

Schau nach Westen,

dein Großvater, der Große Geist,

behütet dich immer.

Bete immer, bete immer,

dein Großvater behütet dich.

 

Schau nach Norden,

zu deinem Großvater, dem Großen Geist.

Bete immer, bete immer,

dein Großvater, der Große Geist, behütet dich.

 

Schau nach Osten,

dein Großvater, der Große Geist, behütet dich.

Und bete immer und bete immer.

 

Schau nach Süden,

dein Großvater, der Große Geist,

schaut auf dich herunter.

Bete immer und bete immer.

 

Schau hinauf zu deinem Großvater,

denn er behütet dich.

Bete immer und bete immer.

 

Schau zur Erde,

dich beziehend auf den Großvater,

die deine Großmutter ist

und dich immer behütet.

Bete immer, bete immer,

bete immer für alle Dinge.

 

Junge Männer wurden damals zu Kriegern und Medizinmännern ausgebildet, sie mussten schwerste Prüfungen bestehen vor den Ältesten und Weisen, denn schließlich wären sie einmal für das Wohl ihres Volkes verantwortlich. Als Führer, als Krieger, als Heiler, als Lehrer und Seher. Männer, die in den Wolkenkindern und im Flug des Adlers die Botschaften von Wakan Tanka lesen konnten, die mit den Spirits, den Geistwesen sprachen, um Kriege und Krankheiten vom Volke der Lakota abzuwenden. Dieser junge Krieger erinnerte mich an einen Führer von damals, als die Zeit und die Prärie noch den Seelen und Herzen der Tapferen und Aufrechten gehörten.

 

Um mich abzulenken, betrachtete ich erneut die Gräber, die verwahrlost vor mir lagen. Kaum erkennbar zeichneten sich die Umrisse der letzten Ruhestätten unter dem vertrockneten Gras der Prärie ab.

Ich war am letzten Grab angelangt. Es war frischer als die anderen, das konnte ich trotz der hereinfallenden Dunkelheit deutlich erkennen. Auf dem weißen Stein war noch kein Name eingemeißelt. Sanft fuhr ich mit meiner rechten Hand über die glattpolierte Oberfläche.

»Großvater?«, fragte ich leise. »Liegst du hier begraben, hast du dich hier an diesem einsamen, heiligen, vergessenen Ort auf den Weg zu Wakan Tanka, deinem Schöpfer, begeben?«

Ich setzte mich auf den warmen Grasboden und lehnte mich mit dem Rücken an den Grabstein. Tief in meinem Herzen spürte ich, dass ich endlich am Ziel war. Über zwei Wochen lang hatte ich nach Großvaters letzter Ruhestätte gesucht. Niemand konnte oder wollte mir sagen, wo der alte Lakotamedizinmann beerdigt worden war. Erst eine alte Frau, die ich zufällig im Auto mitnahm, gab mir den entscheidenden Hinweis.

 

Ich traf sie am Bear Butte, dem heiligen Berg der Lakota, dort, wo Jugendliche, Frauen und Männer vier Tage lang fasten und beten. Die Frau, Bear Cat Woman, wollte erst nicht in meinen Wagen steigen. Ein Weißer, der auf offener Straße anhielt, um eine alte Indianerin mitzunehmen, ist in Amerika so selten wie ein Vollblutlakota, der in Deutschland einen Tramper von Berlin nach München fährt.

Fünf Stunden fuhren wir nach Eagle Butte, der größten Stadt in der Cheyenne Indian Reservation. Ich erzählte ihr von meinem indianischen Großvater. »Ich suche sein Grab«, sagte ich, »aber niemand will oder kann mir sagen, wo er beerdigt wurde.«

Bear Cat Woman schwieg lange, ehe sie in gebrochenem Englisch antwortete: »Ich kannte diesen Mann, er wurde sehr alt. Er lebte in Pine Ridge, starb aber vor über einem Jahr in Montana, oben in den Bergen. Jäger fanden seine Leiche in einer Blockhütte, er muss schon länger tot gewesen sein. Aber wo er unter die Erde kam, das weiß ich nicht. Meine Schwester müsste es wissen.«

»Und wo finden wir deine Schwester?«, fragte ich, und mein Herz pochte vor Aufregung.

Die alte Lady antwortete: »In Eagle Butte, ich will sie besuchen, darum bin ich auf dem Weg dorthin.«

 

Es war Ende Juni, und die Sonne brütete über der Reservation in South Dakota. Das Thermometer zeigte 100 Grad Fahrenheit. Die Luft flimmerte, und es ließen sich nur wenige Menschen auf der Main Street blicken. Es war Mittag, als ich mit Bear Cat Woman in Eagle Butte eintraf. Sie dirigierte mich auf den Parkplatz vor dem Supermarkt. Der Laden war überraschend voll für diese Tageszeit. Alte Frauen saßen, um nicht von der Hitze erschlagen zu werden, auf wackeligen Stühlen im Vorraum, dort, wo der riesige Kühlschrank an der Wand stand und unaufhörlich vor sich hin brummte.

Hinter dem mit Eisblumen beschlagenen Fenster stapelten sich Plastiksäcke mit Eiswürfeln. Und jedes Mal, wenn ein Kunde die Tür öffnete, um einen Eissack für 95 Cent aus dem Kühlschrank zu holen, hüllte ein kalter Luftstrom die Ladys ein.

Bear Cat Woman ging auf eine der Frauen zu und sprach mit ihr. Nach einiger Zeit deutete sie auf mich, und ihre Schwester antwortete ihr. Leider konnte ich die Unterhaltung nicht verstehen, da ich abseits des kühlen Luftstromes stand. Ich beneidete die Ladys um ihren gemütlichen Sitzplatz.

Nach einiger Zeit kam Bear Cat Woman zu mir herüber und sagte: »Jeff Bridges weiß, auf welchem Friedhof dein Großvater liegt. Er wohnt 40 Meilen nördlich von hier, du musst links den Highway 63 hoch. Jeff hat dem alten Mann das Grab geschaufelt.«

Ich nickte den Ladys freundlich zu, doch die würdigten mich keines Blickes. Da ging ich zum Kühlschrank und holte umständlich vier große Beutel mit Eis heraus. Dabei ließ ich die Tür absichtlich lange offen. »Ich hoffe, die kühle Luft stört Sie nicht«, sagte ich.

Da fingen die Ladys an zu lachen, und Bear Cat Womans Schwester klopfte sich vor Freude auf die Schenkel. Dabei entblößte sie ihr Gebiss und zeigte voller Stolz die letzten drei Zähne, die schief und krumm im Unterkiefer steckten. »Dein Freund ist okay«, sagte sie. »Der darf wiederkommen.«

Ich zahlte 3,80 Dollar an der Kasse. Beim Hinausgehen bedankte ich mich noch einmal lachend bei den alten Damen, winkte ihnen freundlich zu und startete vor dem Supermarkt meinen Wagen.

 

Es war so heiß, dass die Klimaanlage nur langsam auf Touren kam. Ich verließ Eagle Butte in östlicher Richtung und bog zwei Meilen später nach links auf den Highway 65 ab. Der schwarze Asphalt kochte, und meine Reifen gaben knatternde Geräusche von sich. So hört es sich an, wenn heißer Gummi über kochenden Asphalt rollt.

Schon von weitem sah ich die zuckenden blauen und gelben Lichter der Polizei- und Rettungsfahrzeuge. Als ich näher kam, winkte mich ein Cop mit einer Kelle an den Einsatzfahrzeugen vorbei. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich einen völlig zertrümmerten Pick-up, der umringt war von Polizisten, Ärzten und Feuerwehrmännern.

Es dauerte über eine Stunde, ehe ich das Haus von Jeff Bridges fand. Er war nicht anwesend. Dafür traf ich einen alten Mann, der sein linkes Bein bei jedem Schritt umständlich nachzog. »Das steife Bein habe ich seit meiner Kindheit«, erklärte er mir. »Mein Bruder schoss mir aus Versehen eine Kugel in die Hüfte.« Samuel, so hieß der Mann, wusste, wo sein Boss Jeff Bridges das Grab für Großvater ausgehoben hatte. »Ich habe ihm dabei geholfen. Wir heben hier in der Umgebung alle Gräber aus. Es ist der Friedhof vor Iron Lightning, der mit der alten Kirche. Es müsste das letzte Grab in der dritten Reihe sein.«

 

Erst Tage später erfuhr ich, dass es Jeff Bridges zertrümmerter Pick-up war, den ich auf dem Highway 65 gesehen hatte. Der ehrenamtliche Totengräber der Cheyenne Indian Reservation starb in seinem Auto, und sein steifbeiniger Gehilfe musste ihm drei Tage später sein Grab ausschaufeln. Jeff wurde neben Großvater beerdigt.

 

Die Polizei konnte nie klären, wie es zu dem folgenschweren Unfall kommen konnte. Jeffs Wagen war auf schnurgerader Straße von der Fahrbahn abgekommen und hatte sich in das stählerne Geländer der Betonbrücke gebohrt, die sich über den Moreau River spannte. Der Mann war nicht angeschnallt, als sich das Gestänge durch das dicke Blech des silberfarbenen Chevy Pick-ups Silverado 1500 schob.

Durch die Wucht des Aufpralls wurde Jeff nach vorn geschleudert. Sein Kopf prallte gegen die Windschutzscheibe, während er gleichzeitig von einem Eisenträger durchbohrt wurde. Das fünf Zentimeter breite Metallstück drang unterhalb des Halses in seinen Körper ein. Es spaltete das Brustbein und schob sich in das Mediastinum, den Bereich zwischen den beiden Lungen, oberhalb des Herzens. Die scharfkantige Eisenstange zerfetzte die Brusthauptschlagader, der arme Mann verblutete innerhalb weniger Minuten in seinem Wagen.

 

Ein Adler im Restaurant


Die Sonne war untergegangen, die Nacht schlich sich durch die eiserne Gartenpforte des Friedhofes von Iron Lightning und legte ihr schwarzes Tuch aus schlafenden Seelen über die heilige Stätte. Im Dunkel der Nacht kam Wind auf, der mit einem staubigen Schleier über die düstere Kirche fuhr. Er rüttelte an den losen Dachlatten des heruntergekommenen Gotteshauses, suchte sich pfeifend seinen Weg durch die eingeschlagenen Fensterscheiben. Die schlafenden Seelen waren erwacht, sie stimmten im Chor ihre Klagelieder an, erzählten von Schlägen und verstümmelten Herzen.

Das dunkle, zahnlose Monster ächzte und schwankte im Wind, es krümmte sich vor Schmerzen, Nacht für Nacht, wenn die Stimmen der Gequälten sich auf den morschen Kirchenbänken niederließen. Es war niemand da, der sich seiner erbarmte und die Seelen erlöste, um aus den traurigen Liedern fröhliche Weisen zu machen.

 

Ich saß noch lange auf dem Grasboden, den warmen Grabstein im Rücken. Ich fragte mich, woher Bear Cat Woman wusste, dass Großvater in der Blockhütte in Montana gestorben war. Ich hatte ihn vor über einem Jahr in dieser Hütte zurückgelassen. Großvater wollte nicht mit mir zurück nach Pine Ridge fahren. Ich hatte seine letzten Worte im Ohr: »Ich habe noch einige Dinge zu erledigen, du wirst von mir hören. Ich lasse es dich wissen, wenn ich über die Schwelle trete. Ich werde dir nahe sein. Fliege mit dem Adler, wenn du mich sehen willst, er wird dich zu mir führen. Die Geisterwelt ist unendlich, aber auch so klein wie der Kopf einer Stecknadel. Du wirst mich finden. Fahre los, jetzt sofort!«

 

Schweren Herzens fuhr ich damals los, erst zurück in die Reservation, dann flog ich zurück nach Deutschland, Großvaters Bild vor Augen, und seine letzten Worte gingen mir nie aus dem Kopf.