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Janell Burley Hofmann

iRules

Was Eltern über Selfies, Sexting
und Gaming wissen müssen

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Impressum

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

Autorin

Übersetzung

Gestaltung

Lektorat

Bildnachweis

Druckerei

Verlag

© Bananenblau 2016

Alle verwendeten Texte, Fotos und grafischen Gestaltungen sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne Zustimmung des Urhebers bzw. Rechteinhabers außerhalb der urheberrechtlichen Schranken nicht von Dritten verwendet werden, insbesondere, jedoch nicht abschließend, weder vervielfältigt, bearbeitet, verbreitet, öffentlich vorgetragen, aufgeführt, vorgeführt oder zugänglich gemacht, gesendet oder sonst wie Dritten zugänglich gemacht werden.

Gregory, Brendan, Ella, Lily, and Cassidy, so truly, I thank you. This – all of this – is for you …

Inhalt

 

Vorwort

 

Der Vertrag

 

Einleitung

TEIL 1

RESPEKT

Kapitel 1

Achtsamkeit und Aktion

 

iRule: Reden! Und noch mehr reden!

 

iRule: Passwörter

 

iRule: An erster Stelle steht schlafen

Kapitel 2

Die Goldenen Regeln

 

iRule: Was du nicht willst, das man dir tu

TEIL 2

VERANTWORTUNG

Kapitel 3

Manieren zählen

 

iRule: Manieren

 

iRule: Umgangsformen

Kapitel 4

Arbeite!

 

iRule: Lerne, Geld zu verdienen!

 

iRule: Schule

Kapitel 5

Sex und Technik

 

iRule: Sichere Textnachrichten predigen!

 

iRule: Sichere Textnachrichten üben

TEIL 3

DAS LEBEN IN VOLLEN ZÜGEN GENIESSEN

Kapitel 6

Präsent sein

 

iRule: Bilder

 

iRule: Die Angst, etwas zu verpassen (FOMO)

Kapitel 7

Technik ist Spaß

 

iRule: Akzeptieren und genießen

 

iRule: Den Kontrolleur ablegen

Kapitel 8

Die Augen auf, das Herz weit

 

iRule: Leben und lieben

 

iRule: Vermassle es! Begehe Fehler! Es ist okay, ein Mensch zu sein!

 

Das Arbeitsbuch

 

Glossar

 

Gängige soziale Netzwerke für Kinder und Jugendliche

 

Danksagung

 

Quellen

Vorwort

Beim Schreiben dieses Buches wurden meine Kinder oft angeschrien. Ich verliere schnell die Geduld. Dann ergehe ich mich in lächerlichen Drohungen wie: »Wenn ihr nicht aufhört, euch zu streiten, gibt es kein Halloween!« Einmal drückte ich meinen Kindern eine Tüte Chocolate Chips in die Hand und verschloss die Tür zu meinem Arbeitszimmer, damit ich ein Interview mit einem australischen Radiosender führen konnte. Meine Hingabe an meine Familie ist geradezu übertrieben, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das bei Ihnen ganz genauso ist. Aber wir müssen standhaft sein und unsere Arbeit erledigen. Mit diesem Buch lade ich Sie ein, mit mir zu wachsen, zu lernen und Eltern zu sein. Dieses Buch ist eine sehr persönliche Beschreibung, wie Technik in unser aller Leben und Zuhause eingreift, aber auch, wie Überzeugungen, Werte und Erlebnisse unsere Erfahrungen mit Technik prägen. Ich gewähre Ihnen Einblicke in mein Leben und teile mit Ihnen meine Erfolge und meine Unvollkommenheiten. Es ist ein Angebot an Sie. Wählen Sie aus, was Ihnen gefällt, denn Expertin bin ich nur in dem, was meine Familie braucht und was bei uns zu Hause funktioniert. Ich möchte Sie ermutigen, Experte bzw. Expertin für Ihre Familie zu werden. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass durch die iRules Ausgewogenheit, Meinungsaustausch und gute Resultate entstehen, was das Verhältnis Ihrer Familie zur Technik betrifft.

In den folgenden Kapiteln werden wir die Technik, ihre kulturellen Auswirkungen und das Verhältnis, welches unsere Kinder zu ihr haben, erkunden. Dies stellt aber nur den Ausgangspunkt dar, denn wir werden weiterhin unsere Wahrheiten, unsere Geschichten und unser Leben auf den Prüfstand stellen. Wir können nicht über Erziehung sprechen, ohne unsere zentralen Familienwerte und Überzeugungen mit einzubeziehen. Ich lade Sie ein, mitzudiskutieren. Außerdem erfahren Sie, wie Sie Ihre eigenen iRules aufstellen können. Die Zusammenstellung der iRules führt zu einer eingängigen, vom praktischen Leben erfüllten Vereinbarung für den Umgang mit Technik – einer Vereinbarung, die ihrem Zuhause, Ihrem Erziehungsstil und Ihren Bedürfnissen entspricht. Die iRules verhelfen Ihnen und Ihrer Familie zu einem gesunden Umgang mit Technik, innerhalb und außerhalb Ihres Zuhauses.

Zusammen sind wir stärker.
Janell

Der Vertrag

Lieber Gregory,

frohe Weihnachten! Du bist jetzt stolzer Besitzer eines iPhones. Megacool! Du bist 13 Jahre alt und ein toller, verantwortungsvoller Junge, du verdienst dieses Geschenk. Aber die Annahme dieses Geschenks ist an Regeln und Vorschriften gebunden. Bitte lies dir den folgenden Vertrag durch. Ich hoffe, du verstehst, dass es meine Aufgabe ist, dich zu einem allseitig gebildeten, gesunden jungen Mann zu erziehen, der sich in der Welt bewährt und gut mit Technik zurechtkommt, ohne von ihr beherrscht zu werden. Hältst du dich nicht an die folgenden Regeln, erlischt dein iPhone-Besitzrecht.

Ich liebe dich wie verrückt und freue mich darauf, mit dir in den kommenden Tagen viele Millionen SMS auszutauschen.

1.Es ist mein Handy. Ich habe es gekauft. Ich zahle dafür. Ich leihe es dir. Bin ich nicht die Größte?

2.Ich werde immer das Kennwort kennen.

3.Wenn es klingelt, nimm ab. Das ist ein Telefon. Sage »Hallo« und zeige, dass du gute Manieren hast. Ignoriere niemals einen Anruf, wenn auf dem Display »Mama« oder »Papa« steht. Niemals.

4.An Schultagen händigst du das iPhone deinen Eltern unverzüglich um 19:30 Uhr und am Wochenende jeweils um 21:00 Uhr aus. Es wird über Nacht ausgeschaltet und am Morgen um 7:30 Uhr wieder eingeschaltet. Wenn du jemanden nicht auf dem Festnetz anrufen möchtest, weil möglicherweise die Eltern als erste ans Telefon gehen, dann ruf nicht an und schreibe keine Nachricht. Folge diesem Instinkt und respektiere andere Familien, so wie wir respektiert werden möchten.

5.Das Handy nimmst du nicht mit in die Schule. Unterhalte dich mit den Leuten, denen du sonst schreibst. Das ist eine Kernkompetenz für das ganze Leben. Für Exkursionen, halbe Schultage und außerschulische Aktivitäten gelten besondere Regeln.

6.Wenn es in die Toilette fällt, am Boden zerschellt oder sich in Luft auflöst, bist du für die Wiederbeschaffungs- oder Reparaturkosten verantwortlich. Verdiene dir Geld mit Rasenmähen, Babysitting und spare etwas Geburtstagsgeld. Der Tag wird kommen, sei lieber vorbereitet.

7.Setze diese Technologie nicht ein, um andere Menschen zu belügen, zu betrügen oder zu hintergehen. Verstricke dich nicht in Gespräche, die für andere verletzend sind. Sei in erster Linie ein guter Freund oder halte dich um Himmels willen aus solchen Diskussionen heraus.

8.Schreibe oder sage mit diesem Handy nichts, was du nicht auch persönlich sagen würdest.

9.Schreibe oder sage nichts zu jemandem, was du nicht auch laut sagen würdest, wenn deren oder dessen Eltern mit dir im selben Raum sind. Halte dich zurück.

10.Keine Pornografie. Suche im Internet nur nach Informationen, über die du offen mit mir sprechen kannst. Wenn du eine Frage hast, stelle sie jemandem – vorzugsweise mir oder deinem Vater.

11.Schalte das Handy aus, stelle es lautlos oder steck es weg, wenn du in der Öffentlichkeit bist, vor allem im Restaurant, im Kino oder wenn du mit jemandem sprichst. Du bist kein unhöflicher Mensch, lass nicht zu, dass sich durch das iPhone daran etwas ändert.

12.Versende keine Nacktfotos von dir und lass dir keine von anderen schicken. Lach jetzt nicht. Irgendwann einmal wirst du versucht sein, das zu tun – trotz deiner hohen Intelligenz. Es ist riskant und könnte dein Leben als Jugendlicher, als Student und selbst als Erwachsener zerstören. Denke daran, es ist immer eine schlechte Idee. Die virtuelle Welt ist riesig und viel mächtiger als du. Es ist schwierig, etwas von dieser Größenordnung verschwinden zu lassen – einschließlich eines schlechten Rufs.

13.Nimm nicht zigtausende Bilder und Videos auf. Es ist nicht nötig, alles zu dokumentieren. Erlebe die Erfahrungen, dann werden sie in deinem Gedächtnis auf ewig gespeichert sein.

14.Lass dein Handy gelegentlich zu Hause und fühle dich wohl mit dieser Entscheidung. Es ist weder lebendig, noch ist es eine Erweiterung von dir selbst. Lerne, ohne Handy zu leben. Sei größer und stärker als FOMO (die Angst, etwas zu verpassen).

15.Lade Musik herunter, die neu oder klassisch oder anders ist als diejenige, die Millionen Gleichaltriger momentan hören. Deine Generation hat Zugang zur Musik wie noch nie zuvor in der Geschichte. Nutze dieses Geschenk. Erweitere deinen Horizont.

16.Spiele hin und wieder Sprachspiele, löse Denksportaufgaben oder Rätsel.

17.Öffne deine Augen. Sieh, was in der Welt um dich herum geschieht. Starre aus einem Fenster. Lausche den Vögeln. Unternimm einen Spaziergang. Sprich mit einem Fremden. Mach dir eigene Gedanken, ohne zu googeln.

18.Du wirst es vermasseln. Ich werde dir dein Handy wegnehmen. Wir werden uns hinsetzen und darüber reden. Danach fangen wir von vorne an. Wir beide lernen immer noch dazu. Ich spiele in deinem Team. Wir schaffen das zusammen.

Ich hoffe, dass du diese Regeln annehmen kannst. Die meisten der hier aufgelisteten Lektionen gelten nicht nur für das iPhone, sie gelten für das ganze Leben. Du wächst in einer schnelllebigen und sich ständig verändernden Welt auf. Das ist aufregend und verführerisch. Geh einfach vor, nicht zu kompliziert, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Vertraue deinem scharfen Verstand und deinem großen Herzen mehr als jeder Maschine. Ich liebe dich. Ich hoffe, du hast viel Freude mit deinem tollen neuen iPhone.

Xoxoxo (Küsse und Umarmungen), Mama

Einleitung

Mein ältester Sohn, Gregory, der gerade einmal 13 Jahre alt ist, bittet seit Jahren um ein Handy. Ich war der unerschütterlichen Meinung – sogar unter moralischen Gesichtspunkten –, dass Kinder ein solches Gerät nicht benötigen. Sowohl mein Ehemann als auch ich arbeiten in der Stadt, in der wir wohnen und viele Leute in unserer Gemeinde würden ihn wie ihren eigenen Sohn behandeln, wenn er etwas bräuchte. Ich betrachtete ein Handy eher als Spielzeug, mehr als Krücke denn als Sicherheitsnetz, um sich ein Stück Unabhängigkeit aufzubauen. Immer wieder beobachtete ich, wie seine Freunde ihre Handys zwischen Sofakissen liegen ließen oder am Basketballkorb ins Gras warfen, wenn sie sich für ein Spiel trafen. Sie waren eben Kinder, die sich von den Verlockungen, die ein Handy bot, häufig ablenken ließen, wohingegen ich mich angestrengt hatte, den wahren Wert von Eigentum zu bemessen. Es erschien mir als Belastung. Ich könnte gut auf die Verantwortung, die Kosten oder den Ärger verzichten, der damit einherzugehen scheint. Aufschieben kam mir als einzige Lösung in den Sinn.

Irgendwann bat mein Junge nicht mehr und lernte, ohne ein Handy Kinos und Eisdielen zu finden, unser Viertel und den Stadtkern zu erkunden. Und ich in meiner armseligen gegenkulturellen Kein-Handy-Philosophie war so stolz darauf gewesen. Aber ohne diesen Druck im Verlauf des vergangenen Jahres, verbunden mit einem allgemeinen Nachlassen seines Interesses, begann ich, genauer hinzusehen. Er konnte von seinem iPod Nachrichten verschicken, die Xbox nutzte er zum Chatten und den Computer für ungestörte Unterhaltungen. Das Einzige, was er nicht tun konnte, war telefonieren und das schien das harmloseste (oder zumindest das vertrauteste) Risiko von allen zu sein. Und natürlich merkte ich, als er zwölf und 13 wurde, dass er, obwohl er kein eigenes Handy besaß, durch die zunehmende Verbreitung von Handys unter seinen Freunden damit ebenfalls verstärkt in Berührung kam und es dadurch auch selbst häufiger nutzte. Ständig fand ich ihn, wie er, den Kopf über Handys von anderen gebeugt, telefonierte oder Nachrichten schrieb. Na bitte, während ich noch völlig überzeugt war, meinen Jungen vor der Technik schützen zu müssen, hatte sie uns bereits seit Langem erobert.

Ich musste meinen Standpunkt neu überdenken und mein ewiges Predigen aufgeben. Indem ich das tat, schwand auch meine Dickköpfigkeit. Ich erkannte die Fehler in meiner Sichtweise. Ihm nicht zu erlauben, diese Technik zu besitzen, hatte ihn nicht davon abgehalten, sie zu benutzen. Sie hatte vielmehr mich davon abgehalten, ihm den richtigen Umgang mit der Technik beizubringen. Darin besteht ein enormer Unterschied. Zusammen mit einigen riesigen Schritten in seiner Entwicklung motivierte mich dieses Bestreben letztlich, den unvermeidlichen nächsten Schritt zu tun – ihm ein eigenes Handy zu kaufen. Auf einmal war nur noch entscheidend, ihm den Zugang zu dieser Welt der Technik zu ermöglichen – mit seinen Eltern als Lotsen.

Ungefähr einen Monat vor Weihnachten erfuhren wir nun, dass ein älteres iPhone-Modell zu einem sehr günstigen Preis angeboten wird. Ich zögerte. Ich war mir unsicher, ob das jetzt der richtige Zeitpunkt für unsere Handy-Reise sein sollte. Aber mein Mann und ich haben jeweils ein iPhone, und unser Musik liebender, Fotos teilender und Videos bastelnder Junge wäre über einen Platz in unserer iCloud begeistert. Vielleicht bietet sich uns nicht noch einmal eine solche Gelegenheit, zumal wir zum jetzigen Zeitpunkt einerseits Einfluss auf die Datentarifgebühren nehmen und andererseits einen Jungen begeistern können, der mit einem solchen Geschenk gar nicht mehr rechnet.

Weihnachten rückte näher und ich lag nachts wach, hoffend, dass er schon bereit ist, diesen Zugang zur gesamten Welt richtig zu handhaben, mit einer für ihn noch nicht überschaubaren Privatsphäre umzugehen und das zu einer Zeit in seiner Entwicklung, in der man als Jugendlicher meint, Risiken einzugehen, lohne sich. Ich dachte an die Mittel, die ich für diesen Moment vorbereitet hatte, ohne ihn zu kennen. In meinem täglichen Leben konzipiere und leite ich Eltern-Workshops und Wellness-Programme für Familien. Im Verlauf der Jahre habe ich mit Eltern älterer Kinder gesprochen, die ich schätze und achte, um zu erfahren, vor welchen Hürden sie standen und wann sie an ihre persönlichen Grenzen stießen, um mit ihnen über ihre lustigen Missgeschicke zu lachen und daraus zu lernen. Ich habe sämtliche Artikel, Bücher und Materialien darüber gelesen, welche Schutzeinstellungen die Geräte Eltern bieten. Ich habe Beratungstermine mit dem für Internetsicherheit zuständigen Jugendbeauftragten der regionalen Polizeibehörde für einige der Jugendlichen und ihre Familien, mit denen ich arbeite, vereinbart. Ich bemerkte, dass sich bei nahezu allen Eltern-Workshops und Familienprogrammen, die ich leitete, die Diskussion früher oder später um Technik drehte. Durch meine Verbindungen zur Gemeinde stehe ich in einem lebendigen Austausch und bin am Puls der Zeit. Es wurde deutlich, dass wir alle bestrebt sind, gewisse Grenzen und Richtlinien im Hinblick auf den zunehmenden Gebrauch elektronischer Geräte durch unsere Kinder festzulegen. Darüber hinaus habe ich diese beruflichen Diskussionen stets in unser Zuhause getragen, damit wir informiert bleiben und uns damit auseinandersetzen.

Ich hoffe, dass ich mit Gregory offen und ehrlich genug über Wahlmöglichkeiten gesprochen habe. Ich hoffe, er erinnert sich, dass ich mit ihm über Geschichten aus dem wahren Leben und ihre Folgen gesprochen habe wie beispielsweise über die der jungen Frau, die in ihrem Blog schrieb, dass durch ein vor Jahren verschicktes Oben-ohne-Foto ihr guter Ruf noch immer ruiniert sei. Die gleiche Frau berichtete über Wachstumsbeeinträchtigungen von Jugendlichen infolge chronischer Schlafstörungen, die durch in Bettnähe vorhandene technische Geräte hervorgerufen worden waren. Auch von Personen, die in aller Eile einen Tweet absetzen und dies im gleichen Moment schon bedauern, konnte die junge Frau aus eigener Erfahrung berichten. Obwohl ich ihm dieses Geschenk vertrauensvoll als Zeichen meiner Liebe und Achtung gebe, hoffe ich, dass er weiß, dass er immer zu mir kommen kann, wenn er in unüberschaubare Schwierigkeiten gerät, die durch dieses Geschenk ausgelöst werden können. Weiß er das wirklich alles? Ich beschloss, meine im Kopf gesammelten Gedanken zu ordnen und aufzuschreiben.

Und dann packte ich sein Geschenk ein und wartete mit Spannung. Da lag es unter dem Baum, verborgen in einem extragroßen Karton, um ihn ein wenig an der Nase herumzuführen. Am Weihnachtsmorgen riss er den Karton auf und durchsuchte die Unmengen von Füllpapier, bis er sie fand, vergraben in einer Ecke des Kartons, diese kleine, mächtige Gabe. Er lächelte und strahlte über das ganze Gesicht, während er ein wenig herumhüpfte und fragte: »Ist das echt?!« Wir lachten und umarmten uns, er war voll ehrlicher Dankbarkeit. Innerhalb weniger Minuten war es aufgeladen, eingerichtet und personalisiert. Er erfasste die Telefonnummern seiner Freunde und der Großfamilie und sendete als Riesenspaß ein Foto von sich auf seinem neuen Roller, in übergroßen Hausschuhen und einem karierten Pyjama, mit dem Text: »Fröhliche Weihnachten! Ich habe ein iPhone bekommen! Hier ist meine neue Nummer!« Wir waren alle eingeschlossen in diese Gruppen-Textnachricht – Großeltern, entfernte Onkel, Freunde der Familie und Dutzende 13-Jährige, die sich alle untereinander Spaß, Glück und Freude wünschten und mit diversen Geschenken und Plänen für die Schulferien angaben, und das bis in die frühen Morgenstunden der Weihnachtsnacht. Inzwischen flehten wir Erwachsenen die Jugendlichen an, einen neuen Chat ohne uns einzurichten. Mein Sohn wurde verlegen, weil er jede und jeden in eine Gruppe eingeladen hatte, die sich über mehrere hundert Textnachrichten erstreckte. Das erinnerte mich daran, wie wichtig es ist, ihn zu unterweisen und zu leiten. Schließlich lernt er noch immer. Während ich ihn am Abend des 25. ins Bett steckte, vereinbarten wir, am nächsten Vormittag einige Hausregeln für den Umgang mit dem iPhone zu besprechen und festzulegen. Später in dieser Nacht wirbelten meine gedanklichen und schriftlichen Notizen, meine Liebe für dieses Kind und die Realität des Besitzes eines iPhones durcheinander und ergaben ganz leicht ein Ganzes. Und so war der iPhone-Vertrag geboren.

Ich bat meinen Mann, sich den Vertrag anzusehen. Wir besprachen ihn gemeinsam und er verbesserte bei einigen Punkten die Formulierungen. Obwohl meine Offenheit und Ehrlichkeit mit unseren Kindern ihn oftmals etwas aus der Fassung bringt, kann ich sagen, dass er Gefallen daran fand, wie die einzelnen Punkte des Vertrags die Sache auf den Punkt brachten. Er hielt es für fair, dass es für unseren Sohn keine Überraschungen geben sollte. Er fand das Regelwerk sowohl lustig als auch freundlich und meint ab und an, dass dieser Vertrag für das Leben im Allgemeinen gelte.

Anschließend bat ich meinen Sohn, ihn ebenfalls zu lesen. Er lächelte breit und sagte: »Mama, du bist wirklich gut in solchen Sachen. Ich glaube nicht, dass du irgendetwas vergessen hast.« Er möchte den Punkt ändern, dass das Handy niemals mit in die Schule genommen werden darf. Wir einigten uns darauf, dass er es mitnehmen kann, wenn Ausflüge auf dem Stundenplan stehen und wenn er nach der Schule Training hat. Wir überarbeiteten den Vertrag und druckten ihn noch einmal aus. Im Großen und Ganzen fühlte er sich nicht beeinträchtigt. Seiner Ansicht nach würde er diese Regeln wohl ohnehin einhalten, auch ohne Vertrag, denn er liebe seinen ungestörten Schlaf, hasse soziale Dramen und habe kein Problem damit, wenn ich seine Passwörter kenne, solange ich ihm nicht »hinterherspioniere«. Der Alltag hatte uns bald wieder eingeholt, doch ich fühlte mich so viel besser, da meine Erwartungen nun formuliert und Grenzen festgelegt waren. Das gab mir das Gefühl, meine Aufgabe als Elternteil erfüllt zu haben.

Vieles von dem, was ich in meinen Seminaren unterrichte, ist in dem Vertrag enthalten. Deshalb gab und gebe ich ihn an Klienten, Freunde und Familienangehörige weiter, unter anderem an meine Redakteurin Farah Miller bei der »Huffington Post«. Sie fügte ihn meinem Blog auf der Website der Huffington Post hinzu und schickte mir diese E-Mail liebenswürdigen Inhalts: »Dieser Vertrag ist unverfälscht und aufrichtig. Darin stecken keinerlei Floskeln. Eltern sind versessen auf derartiges Material. Mach dich bereit und bleib dran.« Nicht einmal eine Stunde später twitterte Arianna »Huffington« den Vertrag. Am nächsten Vormittag – weniger als 24 Stunden, nachdem er gepostet wurde – stand ein Kamerateam von Good Morning America in meiner Küche und interviewte mich. Der sich rasend schnell verbreitende Vertrag galt als die »erste virale Sensation des Jahres 2013« und über Monate strömten Medienanfragen und -angebote herein. Während wir mit Aufmerksamkeit überschüttet und mein E-Mail-Eingang von Reaktionen überschwemmt wurde, sah mich mein Sohn ein paar Tage später an – wir steckten über beide Ohren in Interviews und Gesprächen – und sagte: »Nichts für ungut, Mama, aber was ist da schon Besonderes dran? Machen das nicht alle Eltern so?«

Wohl eher nicht. Angesichts der Tatsache, dass so gut wie alle Teenager im Internet surfen, bereits viele Sechsjährige ein eigenes Handy besitzen und Neun- bis Zwölfjährige sich in sozialen Netzwerken bewegen, wissen viele Eltern nicht, wo sie anfangen sollen. Einem Beitrag in der medizinischen Zeitschrift »Pediatrics« zufolge wenden Kinder und Jugendliche mehr Zeit für die verschiedenen Medien als für irgendeine andere Tätigkeit außer Schlafen auf. Verständlicherweise sind Familien mit den Aufgaben der Erziehung bereits mehr als genug ausgelastet, die Beschäftigung mit dem Thema Technik kann durchaus erdrückend wirken. Wo soll man da anfangen? Wie setzen wir in Partnerschaft mit unseren Kindern Grenzen durch? Wir brauchen Klarheit und ein Verständnis für diese sich ständig wandelnde Technik. Wie Sie wissen, sind Smartphones nur der Anfang. Ob es um iPads, Xboxes, Laptops, Apps, Twitter, Instagram, Facebook, Snapchat, FaceTime, Skype oder Textnachrichten geht, es gibt viel zu lernen und in unseren Haushalten zu steuern. Gemäß dem Bericht »Always Connected« des Joan Ganz Cooney Center at Sesame Workshop beläuft sich für Kinder der Altersgruppen acht bis 18 der Medienkonsum insgesamt, einschließlich Fernsehen, Computer, Videospielen, MP3-Player, auf zehn Stunden und 45 Minuten täglich. Die modernen Geräte lassen Mehrfachnutzungen parallel zu, so kann man gleichzeitig im Internet surfen, online chatten, fernsehen und Musik hören. Wie soll man denn das alles bewältigen?

Die Geschichten, die ich tagein, tagaus höre, stehen nicht in den Schlagzeilen. In ihnen geht es nicht um schreckliche und tragische Selbstmorde von Jugendlichen, die im Internet gemobbt wurden, um Opfer von Identitätsdiebstahl oder um Online-Pädophile. Es sind Geschichten, die von der Presse nie aufgegriffen werden, die aber die Art und Weise, wie wir leben, wie wir uns verhalten und miteinander umgehen, verändern. In meinen Geschichten geht es beispielsweise um eine Englischlehrerin an einer Oberschule, deren Schüler filmten, wie sie sich nach einem Marker bückte und dieses Video dann im Internet verbreiteten. Es geht um junge Mädchen, die sich gegenseitig beim Schlafen oder beim Umziehen im Umkleideraum fotografieren und die Fotos ohne Zustimmung der gefilmten Personen in sozialen Netzwerken verbreiten. Es geht um eine Mutter, die sich sorgt, weil ihr Sohn bei einem Freund gewaltverherrlichende Videospiele spielt. Es geht um ein vierjähriges Kind, dem, als es seine Cousins und Cousinen besucht, erlaubt wurde, stundenlang mit dem iPad zu spielen. Diese Geschichten, diese Gespräche und Fragen zu Handlungsweisen, zum Umgang miteinander und zu Verhaltensregeln werden in sämtlichen Haushalten verstärkt thematisiert. Jeden Tag höre ich von Eltern, wie dringend sie Orientierung und Dialog benötigen, um mit diesen Szenarien richtig umgehen zu können. Eltern suchen nach Strategien und Instrumenten, die ihnen helfen, mit dem neuen Standard der tragbaren, leicht zugänglichen Technik zurechtzukommen, welche Einzug in jeden Augenblick und in jeden Bereich unseres Lebens hält.

Inzwischen habe ich den ursprünglichen iPhone-Vertrag erweitert, um sämtliche Arten von Technologien, die zu Hause genutzt werden, in eine Rahmenvereinbarung aufzunehmen, die ich iRules nenne. In meinen Seminaren, Vorträgen und Coaching-Sitzungen trete ich dafür ein, dass jede Familie ihren eigenen iRules-Vertrag mit Richtlinien zur Techniknutzung entwickelt. Inzwischen dient der iRules-Vertrag den Eltern und Familien als Modell für die Formulierung eigener iRules. Hunderte Anfragen haben mich bereits erreicht mit der Bitte um eine Kopie des Vertrages und täglich werden mir Fragen von Eltern, Schulen, Kirchen- und Elterngruppen gestellt, die nach einem Leitfaden zur Entwicklung ihrer eigenen iRules suchen oder ihre eigenen Gesprächskreise zur Techniknutzung initiieren möchten.

Die meisten Eltern, mit denen ich zum Beispiel während meiner wöchentlichen, auf NPR landesweit im Rundfunk ausgestrahlten Sendung »American Public Media’s Marketplace« bzw. in einem Seminar oder in einer Coaching-Sitzung zum richtigen Umgang mit Technik spreche, bitten mich um dieselbe plausible Sache: Ideen, die ihnen helfen, menschliche Beziehungen zu pflegen und die Entwicklung und Verwendung von Technik mit Respekt und Integrität zu gestalten. Diesen Auftrag bezeichne ich als Slow-Tech-Erziehung (weitere Informationen hierzu finden Sie nachstehend). Die Antwort auf die Frage, wie dies praktisch umzusetzen ist, fällt bei jeder Familie, vielleicht sogar bei jedem Kind, anders aus, doch die Methoden zur Entwicklung der iRules sind dieselben. Jede Familie muss ihren eigenen, für sie funktionierenden Vertrag zu einem akzeptablen Umgang mit der Technik etablieren, einen, der zu ihrem Zuhause, dem Erziehungsstil, dem Alter der Kinder und den Technikarten passt. In diesem Buch werde ich Ihnen von den Technikerfahrungen meiner Familie berichten, aber auch von denen anderer Familien sowie von den Erfahrungen von Pädagogen, Gemeindemitgliedern und Fachleuten aus dem Bereich der Kinder- und Familienarbeit. Die Informationen und Strategien in diesem Buch unterstützen Sie dabei, Ihre persönlichen Beziehungen aufrechtzuerhalten und trotzdem alle Annehmlichkeiten der Technik zu genießen. Darüber hinaus stelle ich Ihnen Materialien und Instrumente vor, die Ihnen dabei helfen, sich selbst ein besseres Bild von der Technik zu machen und sie für sich so zu erschließen, dass Sie sich nicht länger überfordert fühlen.

Mithilfe der iRules werden die Grundsätze meines Vertrages auf Ihre Kinder zugeschnitten und zwar entsprechend Ihren eigenen Familienwerten und -ansichten. Dieses Buch ist ein Manifest über Erziehung im Technologiezeitalter. Die Bewältigung der gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen gelingt am besten durch eine Rückbesinnung auf die Grundzüge der Kindererziehung. Die Falle, in die nicht wenige Eltern tappen, besteht in der Annahme, dass sich die Regeln irgendwie geändert hätten, weil sich die Technologie geändert hat. Aber das stimmt nicht. Vielmehr müssen wir die gleichen Erziehungsstrategien und -ansichten auf die Technologie anwenden! Eltern müssen die Grundsätze und Werte, die den Eckpfeilern ihres Erziehungsstils zugrunde liegen, ermitteln und umreißen und diese anschließend auf die Technologie übertragen und anwenden. Dadurch erhalten sie ihre eigenen iRules, welche die derzeit in ihrem Zuhause geltenden Erziehungsansichten widerspiegeln.

Als Coach führe ich Sie in meine drei Erziehungsecksteine ein: Achtung, Verantwortung und Ermutigung, das Leben in vollen Zügen zu genießen. In gesonderten Abschnitten wird die praktische Umsetzung dieser Ecksteine bei der Technologienutzung erkundet.

Das Leben unserer Kinder beschränkt sich nicht länger auf Schule, Zuhause und Spielplatz. Es ist Teil einer Online-Welt, einer Welt mit eigenen Regeln, eigener Sprache und eigenen potenziellen Problemen. Dieses Buch will Aufschluss über die breite und bunte Palette sich ständig ändernder Möglichkeiten der Teilnahme von Kindern und Jugendlichen an der Online-Welt geben und zeigen, wie wir unseren Kindern helfen können, sich mit Technologie nicht nur zu behaupten, sondern auch gut zu entwickeln. Unsere Fähigkeit, ihnen im Technologiezeitalter den richtigen Weg weisen zu können, hat großen Einfluss auf ihre Aufmerksamkeitsspanne, ihr Selbstvertrauen, ihr Selbstbild und die soziale Umwelt.

Kinder, die sich emotional und physisch geborgen, geführt und begleitet fühlen, haben ein höheres Selbstwertgefühl. Sie treffen bessere Entscheidungen im Umgang mit dem Internet und respektieren Regeln. Wenn Kinder spüren, dass sie geschätzt werden, indem man ihnen sichere Grenzen vorgibt und Achtung entgegenbringt, entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen Elternteil und Kind. Die stärkste Botschaft in diesem Buch lautet, dass sich Technik ändern mag, die Vermittlung von Selbstachtung, Integrität und Verantwortung aber bestehen bleibt.

Mit dem Schreiben dieses Buches fing ich an, mich wirklich selbst zu ergründen. Ich musste meine Erziehungsansichten und meine Motivation, dieses Buch mit diesen Ideen für andere Familien aus der Taufe zu heben, auf den Prüfstand stellen. Ich konnte nichts an meine Leser weitergeben, bevor ich nicht sicher war, mich selbst und die Botschaft, die ich übermitteln wollte, ganz verstanden zu haben. Und dann, in einer Besprechung mit meiner begnadeten Agentin Amy Hughes, redeten wir darüber, wie wichtig es für uns ist, mit der Technik zu leben, im Einklang mit ihr zu sein und sie gezielt zu nutzen. Und auf einmal war diese Idee geboren! Genau wie die Slow-Food-Bewegung und die Slow-Living-Bewegung haben wir unsere ganz eigene Slow-Tech-Erziehungsbewegung! Slow-Tech-Eltern stellen ein Gleichgewicht zwischen Technologie und menschlichem Miteinander her, indem sie eine Form der aktiven Erziehung betreiben, welche traditionelle zwischenmenschliche Beziehungen mit Technik kombiniert. Das Verschicken von Textnachrichten, das Teilen von Bildern und Informationen, Videoanrufe und auch soziale Netzwerke bieten für sie eine Möglichkeit zur Verbesserung eines ausgewogenen Lebens. Technikbegeisterte, technikmüde und die Generation Technik selbst können unter dem Dach der Slow-Tech-Bewegung zusammenkommen und die Kluft zwischen Technik und einem sinnhaften Leben überbrücken.

Darf ich vorstellen: Familie Hofmann

DIE ELTERN

Adam: Alter 37

Rollen: Superheld, Vater von fünf Kindern

Technisches Know-how: Technikass. Er kann jeden Computer, jedes Fernsehgerät oder elektronische Gerät reparieren, montieren und findet und behebt alle Gerätefehler. Er gestaltet Websites zum Spaß und mit Leichtigkeit, obwohl er das formal nie gelernt hat. Er ist süchtig nach den neuesten High-Tech-Gadgets, über die er liest und die er natürlich alle kaufen muss. Er liebt die intuitive Bedienung der Apple-Produkte und die umfassende Auswahl an Musik auf Plattformen wie Spotify. Ohne ersichtlichen Grund beendete er vor einem Jahr die Nutzung sozialer Netzwerke und vermisst nichts.

Janell: Alter 34

Rollen: Öffentliche Rednerin, Autorin, Mutter von fünf Kindern

Technisches Know-how: Das absolute Technikgenie der Familie oder auch selbsternannte T(echnik)expertin. Sie nutzt täglich Facebook, Twitter und Instagram. Sie bekommt Angstpusteln, wenn sie auf Pinterest ist, kann aber nicht damit aufhören. Sie ist der größte Fan des iPhones. Außerdem ist sie der Fotografie verfallen und probiert ständig neue Filter und Rahmen aus, damit die Fotos stylish wirken. Sie ist Bloggerin und E-Book-Leserin. Sie mag Streaming, ist Meilensammlerin, Podcast- und Musikhörerin.

DER NACHWUCHS

Gregory: Alter 14

Rolle: Schüler der Mittelschule

Technisches Know-how: Stolzer Besitzer eines iPhones (mit zugehörigem Vertrag!). Er liebt es, Textnachrichten zu schreiben. Er hat eine eigene E-Mail-Adresse, eine Xbox 360, Accounts bei Twitter, Instagram, Skype, Snapchat, YouTube, Vine und Kik.

Brendan: Alter 11

Rolle: Schüler der fünften Klasse

Technisches Know-how: Er liebt die Xbox 360. Er würde seine Seele für fünf Extraminuten Minecraft oder Clash of Clans auf dem iPad verkaufen. Er hat einen sehr begrenzten Zugriff auf Gregorys alten iPod Touch (allerdings keine Konten bei sozialen Netzwerken) und nutzt ihn hauptsächlich für Musik. Er hat einen Nintendo DS, der im Schrank liegt und bettelt seit Kurzem um einen Instagram-Account.

Ella: Alter 9

Rolle: Schülerin der vierten Klasse

Technisches Know-how: Sie liebt das iPad, auf dem sie YouTube-Musikvideos anschaut und über Google nach Fotos und Anzeigen für Hundewelpen und Pferde sucht. Ihr gefallen Apps wie Angry Birds und Cut the Rope. Sie streamt Fernsehsendungen, die ich ihr nicht erlaubt habe und sieht sie heimlich unter der Bettdecke.

Lily: Alter 7

Rolle: Schülerin der zweiten Klasse

Technisches Know-how: Sie kämpft um Zeit auf dem Familien-iPad, um Spiele zu spielen, Apps zu nutzen und spielerisch Mathematikaufgaben über Math Fact zu üben. Sie liebt Minecraft, hat einen iPod zum Musikhören und lädt heimlich kleine Spiele herunter.

Cassidy: Alter 5

Rolle: Kindergartenkind

Technisches Know-how: Sie besitzt einen gebrauchten iPod, der für gewöhnlich verschwunden oder nicht aufgeladen ist, was sie zum Weinen bringt, ebenso wie der Umstand, dass sie keinen besitzt. Es ist also in jedem Fall eine ausweglose Situation. Sie ist wirklich süchtig nach dem iPad.

Und nun geht’s los!

Als seien Erziehungsbücher nicht schon anstrengend genug, haben Sie sich ausgerechnet für ein Technik-Erziehungsbuch entschieden. Die schiere Menge, die Lernkurve, der Horror! Ich verspreche, es muss nicht wehtun! Machen Sie einen Schritt nach dem anderen. Zuerst stellen Sie sich die Fragen auf Seite 28. Bewerten Sie sich. Sie sollten wissen, dass nicht nur Sie allein versucht sind, das Ganze zu ignorieren, weil alles so erdrückend viel zu sein scheint. Selbst wenn Sie einen technologischen Beruf ausüben oder ein Technikass sind: Erziehung in Kombination mit Technologie ist für uns alle neu. Selbst wenn Ihr Baby momentan noch klitzeklein ist und Sie der Meinung sind, dass Sie mindestens noch zehn Jahre Ruhe haben, bevor tobende Hormone und falsche Entscheidungen an die Tür klopfen (oder aus dem Telefon twittern), dann sollten Sie wissen, dass die Technik sich leise einschleicht. Bald werden Sie vertraut sein mit Vorschulspieleverabredungen vor dem Rechner statt im Garten, mit Videospielbewertungen und sozialen Netzwerken für Zweitklässler. Wenn Ihre Kinder bereits in der Oberschule sind, kann und wird Ihnen Ihr technisches Know-how helfen, sie auf den richtigen Weg in die Freiheit des jungen Erwachsenenalters, der Berufswelt und darüber hinaus zu bringen. Denn ja, in diesem Buch werden wir über technische Grundlagen reden, wir werden ins Detail gehen, die bohrenden Fragen besprechen und wir werden von Geschichten und ihren Umständen hören. Wir werden aber auch über Familienwerte wie Respekt und Verantwortung sprechen und über Prioritäten wie diese, das Leben bewusst und in vollen Zügen zu genießen. Die Art und Weise, wie Sie Ihre Kinder zum richtigen Umgang mit Technik erziehen, wird sich nicht allzu sehr von der Art und Weise unterscheiden, wie Sie im täglichen Leben Eltern sind. Und darauf kommt es an!

Auf die Plätze, fertig … Moment noch!

Ich könnte mich total irren. Ein Vater schrieb mir unter anderem: »Sie verstehen das alles falsch. Worüber Sie sich Gedanken machen, ist ohne Bedeutung. Was macht es schon, wenn unsere Kinder auf Bildschirme starren und nur noch virtuell kommunizieren? Sie denken zu viel darüber nach. Alles, woran Sie festhalten wollen, wird für unsere Kinder veraltet sein. Das ist die Zukunft. Lassen Sie es gut sein.«

Ich habe wirklich darüber nachgedacht. Wirklich. Ich bin bekannt dafür, mich zu sorgen, zu verarbeiten, zu diskutieren und intensiv zu analysieren (das wird Ihnen auf den kommenden Seiten sehr klar werden). Und in gewisser Hinsicht stimme ich dieser Aussage zu. Technologie ist die Zukunft. Unsere Kinder werden nur eine Welt mit Technik kennen. Warum sich länger damit aufhalten? Und in gewisser Hinsicht stimme ich dem nicht zu. Wir haben einen einzigartigen Blick auf diesen grundlegenden Kulturwandel, weil wir die Welt sowohl mit als auch ohne weitverbreitete Technik kennen. Wir können uns dazu entscheiden, einzelne Teile zu bewahren. Wir können die Kindheit schützen und Erfahrungen fördern, reale Erfahrungen. Ich weiß nicht, warum es mir so viel mehr bedeutet, während einer Autofahrt aus dem Fenster zu starren als nach unten auf ein Telefon zu starren – aber es ist so! Und ich verstehe nicht, warum es mir momentan wichtiger als alles andere ist, unseren Kindern beizubringen, der Person, die unsere Eisbestellung entgegennimmt, in die Augen zu sehen oder unsere Handys wegzulegen, wenn wir mit einem Freund zusammen essen. Aber ich denke, wenn wir beschließen, diese kleinen, entscheidenden Beziehungen nicht aus den Augen zu verlieren und dafür Technik zielgerichtet einzusetzen, dann werden wir vielleicht wirklich nicht zu stoppen sein. Wir können Dinge ändern und erschaffen. Das meine ich ganz ernsthaft.

Also, vielleicht verstehe ich das alles falsch. Ich mag auch viel zu sehr über diese Dinge nachdenken. Aber ich muss diese Worte und Gedanken rauslassen. Ich muss sie mitteilen. Denn der Punkt ist: Ich bin mir einer Sache noch nie so sicher gewesen.

Quizfragen

Antworten Sie auf irgendeine dieser Fragen mit »Ja!«?

imageHaben Sie sich schon einmal von der bloßen Menge sozialer Netzwerke für Kinder erschlagen gefühlt? Wissen Sie, wie man sie nutzt?

imageSind Sie besorgt, dass, wenn Sie von Ihren Kindern die Passwörter und eine aktuelle Liste ihrer Benutzerkonten verlangen, diese glauben könnten, dass Sie ihnen nicht vertrauen?

imageWissen Sie, mit wem Ihre Kinder chatten und online spielen?

imageStreiten Sie mit Ihren jüngeren Kindern, wer über tragbare Geräte und die Zeit, die vor dem Bildschirm verbracht werden darf, bestimmt?

imageSind Sie unsicher, wie man die Einstellungen zum Schutz der Privatsphäre und die Kinderschutzeinstellungen verwendet?

imageHaben Sie Schuldgefühle, weil Ihr chronischer Gebrauch von Technik ein schlechtes Vorbild für Ihre Kinder sein könnte?

imageStarren Ihre jüngeren und älteren Kinder häufiger auf ihre elektronischen Geräte oder verbringen diese mehr Zeit mit ihren Online-Spielen als Ihnen lieb ist?

imageHaben Sie unangemessenes Online-Verhalten beobachtet oder machen Sie sich Gedanken über derartiges Fehlverhalten und wissen nicht, wie Sie mit Ihrem Kind darüber sprechen sollen?

imageMögen Sie die moderne Technik nicht? Schreckt Sie der Gedanke ab, den Umgang mit den neuen Medien erlernen und in der Erziehung der Kinder auf den Medienkonsum achten zu müssen?

imageHaben Sie einen Kulturwandel bei den Umgangsformen, den sozialen Kontakten und in puncto Aufmerksamkeit beobachtet?

imageWollen Sie, dass Kindheit ohne moderne Technik erhalten bleibt?

imageWollen Sie die moderne elektronische Technik in Ihr Leben lassen und Ihren Kindern zeigen, wie sie damit umgehen, ohne sich von ihr beherrschen zu lassen?

imageUnternehmen Sie überhaupt nichts, um den Medienkonsum Ihres Kindes anzusprechen? Ist es Zeit, mehr zu tun?

Ergebnisse: Wenn Ihnen jetzt danach zumute ist, dieses Buch einfach zuzuklappen, weil Ihnen diese Fragen unangenehm sind oder zu viel werden oder Sie irritieren – bitte warten Sie, denn ich verstehe Sie sehr gut! Wir sind alle an diesem Punkt gewesen und können das Problem gemeinsam meistern. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie Ihre Kinder bereits perfekt zum richtigen Umgang mit Technik erziehen – bitte warten auch Sie! Ich habe Ihnen viel zu sagen. Wählen Sie aus, was Sie gebrauchen können und kümmern Sie sich nicht um das Übrige. Ich verspreche Ihnen, dass Sie etwas Neues lernen werden oder zumindest etwas, was eine Debatte anstoßen wird.

image Teil 1

Respekt

Sei freundlich zu anderen, sag die Wahrheit, setze deine Stimme für Gutes ein, baue positive Beziehungen auf, iss gut, schlaf gut, liebe dich selbst, sei mutig, geh voran.

image Kapitel

1

Achtsamkeit und Aktion

iRule: Reden! Und noch mehr reden!

Meine iRule: Das ist mein Handy. Ich habe es gekauft. Ich bezahle dafür. Ich leihe es dir. Bin ich nicht die Größte?

Als wir Eltern wurden, wussten wir nicht, dass dies unser Schicksal sein würde. Wir wussten nicht, mit welcher Intensität und Anziehungskraft die Technik einmal in unser Leben platzen würde. Wir wussten nicht, dass wir alle – einschließlich unserer Kinder – auf unterschiedliche Art und Weise und doch gleichermaßen heftig von ihr gepackt werden würden. Nun ja, zumindest wusste ich es nicht. 1999 wurde ich zum ersten Mal Mutter. Damals war ich gerade dabei, meinen Bachelor-Abschluss zu machen und wir hatten einen Computer, den ich ausschließlich zur Textverarbeitung nutzte. Ich war der Inbegriff völliger Konzentration, wenn ich an meinen Projekten und meiner Abschlussarbeit arbeitete, was immer dann geschah, wenn das Baby schlief und so arbeitete ich teilweise bis in die frühen Morgenstunden. Natürlich hatte ich auch ein E-Mail-Konto. Aber es schien mir nicht so wichtig zu sein, wie jemanden anzurufen oder auf einen Kaffee und einen Donut zu treffen. Als Gregory etwa 18 Monate alt war, ließen wir in dem winzigen Eckzimmer unserer Wohnung einen Kabelinternet-Anschluss legen. Ein neues Leben begann. Das Internet war so schnell. Ich konnte recherchieren und einkaufen, mir etwas anhören und surfen, ohne dafür in ein Computerlabor gehen zu müssen oder mich einzuwählen und zu warten. Die Möglichkeiten dieses einen Computers und der Umstand, dass ich im Nu von meinem bescheidenen Zuhause aus Zugang zur Welt hatte, brachten mich zum Staunen.

Als Gregory anfing zu sprechen, erwachte auch sein Interesse am Computer. Wenn er morgens aufwachte und ich den kleinen, noch ganz warmen und schläfrigen kleinen Kerl aus dem Bett hob, sagte er: »Elmo! Puter!« Das war so süß. Ich hielt ihn für so klug. Schließlich hatte ich nie zuvor ein computerbegeistertes Kleinkind gesehen. Das war wirklich herzallerliebst. Wir frühstückten und setzten uns dann zusammen an den »Puter«, um zu spielen. Er saß auf meinem Schoß und bat um »Sesam-dot-com« oder um »Bob der Baumeister«. Anfangs zeigte er, ich klickte und wir spielten zusammen, wir kuschelten und quiekten vor Vergnügen bei unseren Lieblingsfiguren. Aber schon bald fing er an, meine Hand aus dem Weg zu schieben und mit der Maus selbst zu steuern. Er wollte auch allein sitzen: »Nein, Mami, ich mach das.« Er war ganz besessen von den aufregenden Spielen, den Geschichten und Liedern, die er nur antippen musste, um sie zum Leben zu erwecken. Der Spaß war genügend vorhersehbar, um Freude zu machen, aber ein Zweijähriger konnte genauso viel der Handlung steuern oder ändern, dass es lohnte, zu dem Spiel zurückzukehren und mehr zu spielen. Er sah Computer bei seinen Großeltern und Freunden und bettelte darum, damit spielen zu dürfen. Wir mussten anfangen, Zeitschaltuhren einzustellen und ihn mit verschiedenen Mitteln beschäftigen, die seine Aufmerksamkeit in andere Bahnen lenkte und schließlich waren wir gezwungen, den Computer stundenweise ganz abzuschalten, damit die Nutzung des Computers nicht mehr verhandelbar war. Wenn ich mich heute an unsere Technikanfänge erinnere, muss ich darüber lachen, dass wir für die meiste Zeit in Gregorys Leben im Grunde genommen bereits damals iRules entwickelt und mit ihm verhandelt haben.

Aber obwohl ich sah, wie er von der Welt des Computers angezogen war und darin versank, verstand ich nicht voll und ganz, was sich da abspielte. Hätte mir jemand gesagt, dass Gregory schon bald diesen Computer in Form eines kleinen Mobiltelefons, zusätzlich mit Kamera und verschiedenen einfachen Kommunikationsinstrumenten ausgestattet, überallhin in seiner Hosentasche mitnehmen kann, ich hätte es niemals geglaubt. Kein Mensch braucht so etwas, schon gar nicht ein Kind, hätte ich gedacht. Aber da sind wir nun – die erste Elterngeneration, die die Brücke zwischen dem »Vor« und »Nach« der neuen Technologie bildet. Wir sind ohne digitale Medien aufgewachsen und wir ziehen die erste Generation mit den modernen Medien groß. Uns kommen Einsichten und Erfahrungen aus unserer technikfreien Vergangenheit zugute. Aber wir haben niemanden, der uns den Weg in unsere technikdominierte Zukunft zeigen könnte. Was also können wir genau jetzt tun? Wie können wir als Eltern mit dieser Frage umgehen – allein mit dem, was wir an Wissen, Hilfsmitteln und Fingerspitzengefühl jetzt, zu diesem Zeitpunkt, haben? Ich bin überzeugt, dass Dialog der entscheidendste Teil der Erziehung von Kindern ist.

Im Eltern-Kind-Gespräch können wir aufklären, diskutieren, vorbeugen, lachen, zusammenstehen, widersprechen, verstehen, teilhaben und wachsen. Wir müssen anfangen, zu reden. Wir müssen Fragen stellen. Wir müssen unsere Geschichten weitererzählen. Wir müssen mit unseren Partnern und allen Verwandten reden. Wir müssen anfangen, in der Gemeinde mit den Erziehern, Kinderärzten und Nachbarn zu reden. Wir müssen die Wünsche, Bedürfnisse, Ziele und allgemeinen Werte unserer Familie auf den Prüfstand stellen und sie dann auf die Technik anwenden, selbst wenn unsere Resultate sich sehr von denen anderer unterscheiden. Dies liegt darin begründet, dass wir uns, wenn wir mit unseren Kindern, mit unseren Familien und in der Gemeinde miteinander reden, nicht allein fühlen. Wir teilen unsere Betrachtungsweisen und sammeln Kraft sowohl aus den gemeinsamen als auch aus den gegensätzlichen Standpunkten. Wir werden uns mit unseren Ansichten zunehmend sicher fühlen und dadurch als Eltern stärker werden.

Wenn wir uns als Eltern überfordert fühlen, müssen wir uns gegenseitig unterstützen. Jawohl, unterstützen! Wir können schließlich nicht so tun, als seien wir nicht die Eltern. Wir sind die Autorität. Nicht kontrollierend, überbehütend und dem Kind keinen Freiraum für eigene Fehler lassend – aber für unsere Kinder sind wir Beispiel, Vorbild und lebenslang ihre Begleiter. Mit viel Liebe können wir den Weg mit ihnen gehen und dabei Regeln und Grenzen durchsetzen. Familien müssen stolz auf ihre Entscheidungen sein und sich darüber verständigen, worin ihre Wahrheit über Erziehung besteht. Aber Erziehung ist teils angeboren und teils erlernt. Wir müssen sie ernst nehmen und als eine der größten Verantwortlichkeiten in unserem Leben ansehen und genau deswegen müssen wir uns zu unseren ureigenen Elterninstinkten bekennen und Mittel und Dienste ausfindig machen, die uns helfen, zu wachsen.

Die iRules können für jeden anders aussehen. Zum Beispiel könnten Eltern, die ihre Kinder nicht vor 19:00 Uhr aus der Schule abholen, spätere Handy-Zeiten erlauben, als ich das tue, denn Gregory ist meistens gegen 14:45 Uhr zu Hause. Unser Alltag und unsere Bedürfnisse sind unterschiedlich, aber wir können die gleichen Strategien nutzen, um unsere eigenen Regeln für unsere Familien aufzustellen. Bevor wir mit dem ersten Schritt beginnen, dem Technikgespräch, müssen wir noch ganz spezielle Unterhaltungen führen und Klarheit über unsere eigenen Gefühle und Vorstellungen gewinnen.

Vor Ihrem Technikgespräch

Sie müssen zueinander finden! Eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg Ihrer iRules liegt in der völligen Übereinstimmung mit Ihrem Ehepartner, Partner oder demjenigen, mit dem Sie sich die Erziehungsarbeit teilen. Das kann bedeuten, dass Sie Gespräche verabreden müssen, bei denen die Kinder nicht dabei sind, um unterschiedliche Ansichten und Meinungen aus dem Weg zu räumen, einheitlich auftreten zu können und allen, die an der Erziehung Ihrer Kinder beteiligt sind, die Gelegenheit zu geben, an der Formulierung Ihrer familiären iRules mitzuwirken. Dieser Schritt ist entscheidend und kann nicht umgangen werden. Teamwork makes the dream work! (Teamarbeit macht Träume wahr!)