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Inhaltsverzeichnis




















































1. Die innere Welt

Fülle zieht Fülle an. Dieses Gesetz gilt auf jeder Stufe des Daseins. Genauso aber gilt, dass Mangel weiteren Mangel nach sich zieht. Der Geist ist schöpferisch. Die Welt, in der wir leben, unsere Lebensumstände und Erfahrungen sind das Resultat unserer vorherrschenden Denkgewohnheiten. Welche Haltung unser Geist einnimmt, hängt unvermeidlich davon ab, was wir denken. Daher gehen Macht, Leistung und Besitz einzig und allein auf unser Denken zurück.

Wir müssen »sein«, bevor wir etwas »tun« können. Denn etwas »vollbringen« werden wir nur in dem Ausmaß, in dem wir zu »sein« verstehen. Was wir »sind«, hängt davon ab, was wir »denken«.

Wir können keine Kräfte zum Ausdruck bringen, die wir nicht besitzen. Der einzige Weg, auf dem wir uns Macht über unser Leben sichern können, ist, uns dieser Macht bewusst zu werden. Dies geht jedoch nur, wenn wir begreifen, dass alle Macht von innen kommt. Das Reich der Gedanken, Gefühle und Kräfte – das Reich des Lichts, des Lebens und der Schönheit – ist ungreifbar, doch seine Macht ist gewaltig. Die Innenwelt wird vom Geist beherrscht. Wenn wir sie erforschen, finden wir in ihr die Lösung für jedes Problem, die Ursache für jede Wirkung. Da die Innenwelt aber unserer Kontrolle unterliegt, können wir auch die Gesetze der Macht und des Besitzes für uns nutzen.

Die Außenwelt ist eine Reflexion der Innenwelt. Für alles, was in Erscheinung tritt, muss im Inneren erst der Grundstein gelegt worden sein. In der »internen« Welt können wir unbegrenzte Weisheit, unendliche Kraft, die unerschöpfliche Quelle dessen finden, was wir brauchen. Und all das wartet nur darauf, dass es sich entfalten, entwickeln und ausdrücken kann. Wenn wir dieses Potenzial erkennen, wird es sich unweigerlich Bahn brechen. Harmonie im Innern wird sich im Außen durch harmonische Umstände, eine angenehme Umgebung und das Beste von allem widerspiegeln. Sie ist die Grundlage für Gesundheit, das Fundament für Größe, Macht, Leistung, alle Errungenschaften und Erfolg. Harmonie im Innern bedeutet, dass wir unsere Gedanken kontrollieren können und selbst festlegen, wie unsere Erfahrungen uns prägen. Sie steht für Optimismus und Fülle. Und innerer Überfluss wird automatisch zu äußerem Überfluss.

Wenn wir Weisheit in uns selbst finden, erlangen wir damit das Verständnis der wunderbaren Möglichkeiten, welche die innere Welt uns bietet. Dadurch aber wird uns gleichzeitig die Fähigkeit gegeben, diese Möglichkeiten auch zu realisieren. Wir werden uns der eigenen Weisheit bewusst und nehmen sie so in Besitz. Dadurch erlangen wir automatisch jene Kraft, die nötig ist, um all das zu verwirklichen, was wir für unsere vollständige und harmonische Entwicklung brauchen.

Die Innenwelt ist der praxisnahe Ort, an dem alle großen Männer und Frauen Mut, Hoffnung, Begeisterung, Zuversicht, Vertrauen und Glauben entwickeln. Diese Kraft verleiht ihnen die Einsicht der Vision und die praktische Fähigkeit, sie in die Tat umzusetzen. Leben bedeutet Entfaltung, nicht Anhäufung. Was wir in der Außenwelt unser Eigen nennen, kann nur das sein, was wir im Kopf und im Herzen bereits haben. So ist jeglicher Besitz im Grunde Bewusstsein, jeder Gewinn das Ergebnis eines Bewusstseins, das Fülle schaffen kann. Jeder Mangel wiederum entsteht aus einem Bewusstsein, das sich nicht zu konzentrieren vermag. Ob wir geistig effizient arbeiten, hängt davon ab, ob wir Harmonie herstellen können. Disharmonie entsteht aus Verwirrung und Unklarheit. Wer also die Macht über sein Leben erlangen will, muss in Harmonie mit dem natürlichen Gesetz leben.

Der objektive Geist, der bewusste Verstand, ist es, der uns mit der Außenwelt verbindet. Das Gehirn ist das Organ dieses Geistes. Das somatische Nervensystem wiederum schafft die Kommunikationskanäle zum Körper. Unser Nervensystem reagiert auf alle Reize, ob sie nun durch Licht, Wärme, Geräusche oder den Geschmack entstehen. Wenn unser Geist korrekt arbeitet, wenn er die Wahrheit versteht, wenn die Gedanken, die dem Körper über das Nervensystem vermittelt werden, konstruktiv sind, dann sind die Empfindungen, die wir erleben, angenehm und harmonisch.

Wir erlangen dadurch Stärke und Vitalität. Die konstruktiven Kräfte machen sich in unserem Körper bemerkbar. Doch der objektive Geist ist auch für Leid, Mangel, Krankheit und Begrenzung verantwortlich. Jede Form von Disharmonie und Missklang in unserem Leben geht auf ihn zurück. Wenn der objektive Geist falsch denkt, erheben sich die Kräfte der Zerstörung.

Die Verbindung zur inneren Welt entsteht durch das Unbewusste. Das »Organ« dieser Geistesschicht ist der Solarplexus oder das Sonnengeflecht. Das vegetative Nervensystem ist für alle Arten subjektiver Empfindungen wie Freude, Angst, Liebe und andere Gefühlsregungen verantwortlich, aber auch für Atmung und Vorstellungskraft. Das Unbewusste verbindet uns mit dem universellen Geist. Es sorgt dafür, dass uns die unendlichen schöpferischen Kräfte des Universums offenstehen. Wenn wir diese beiden Zentren unseres Seins miteinander koordinieren und verstehen, wie sie funktionieren, liegt das Geheimnis des Lebens offen vor uns. Mit Hilfe dieses Wissens können wir objektiven und subjektiven Geist bewusst in Einklang bringen. So stimmen wir Endliches und Unendliches aufeinander ab. Unsere Zukunft liegt also in unserer Hand. Wir sind keineswegs den Wechselfällen eines launischen Schicksals ausgeliefert.

Es gibt nur ein Prinzip oder Bewusstsein, welches das gesamte Universum durchzieht, den gesamten Raum. Überall dort, wo es sich zeigt, ist es sich gleich. Es umfasst alle Macht, alle Weisheit. Es ist immer und überall präsent. Alle Gedanken und Objekte sind darin enthalten. Alles ist von ihm beseelt. Nur ein Bewusstsein im Universum ist fähig, Gedanken hervorzubringen. Und jeder einzelne Gedanke wird zu etwas objektiv Wahrnehmbaren. Da dieses Bewusstsein omnipräsent ist, ist es zwangsläufig in jedem Individuum vorhanden. Jeder Einzelne ist nichts anderes als eine Manifestation des allmächtigen, allwissenden und allgegenwärtigen Bewusstseins.

Da es nur ein Bewusstsein im Universum gibt, das der gedanklichen Aktivität fähig ist, folgt daraus notwendigerweise, dass Ihr Bewusstsein mit dem universellen Bewusstsein identisch ist. Anders gesagt: Es gibt nur einen Geist. Dieser Schluss ist zwingend. Das Bewusstsein in unseren Gehirnzellen ist dasselbe wie das, welches in den Gehirnen unserer Mitmenschen sitzt. Jeder Mensch ist eine individuelle Ausprägung des universellen, kosmischen Geistes. Der universelle Geist ist statische, potenzielle Energie. Er ist einfach nur. Manifestieren kann er sich allein durch das Individuum. Das Individuum wiederum kann sich nur mit Hilfe des Universellen ausdrücken. Beide sind letzten Endes eins.

Die Denkfähigkeit des Individuums ist es, die es ihm ermöglicht, auf das Universelle Einfluss zu nehmen und es zur Manifestation anzuregen. Das menschliche Bewusstsein besteht also im Prinzip aus der Befähigung des Menschen zum Denken. Der Geist selbst ist letztlich »nur« eine subtile Form statischer Energie, aus der die Aktivität hervorgeht, die wir »Denken« nennen, also der dynamische Zustand des Geistes. Der Geist ist statische Energie, Gedanken sind dynamische Energie – zwei Ausprägungen einer Sache. Gedanken sind also jene Schwingung, die entsteht, wenn man die statische Energie dynamisiert. Da der universelle Geist untrennbar ist von seinen Attributen wie Allmacht, Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit, müssen diese Attribute potenziell auch in jedem Menschen angelegt sein. Wenn das Individuum einen Gedanken fasst, so verwirklicht sich dieser zwangsläufig in einer objektiven Gegebenheit, die ihrem geistigen Ursprung entspricht.

Daher ist jeder Gedanke Ursache und jede äußere Gegebenheit Wirkung. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass wir unsere Gedanken kontrollieren, damit wir auf jenem Wege nur förderliche Umstände schaffen.

Alle Macht, alle Kraft kommt von innen und kann daher kontrolliert werden. Sie entsteht aus exaktem Wissen und der freiwilligen Anwendung genauer Prinzipien. Wenn Sie diese Gesetzmäßigkeit akzeptieren und Ihre Denkprozesse kontrollieren, können Sie sie auf jede vorstellbare Lage anwenden. Anders gesagt: Sie arbeiten mit dem allmächtigen Gesetz zusammen, das allen Objekten und Gegebenheiten zugrunde liegt. Der universelle Geist ist das Lebensprinzip jedes existierenden Atoms. Alle Atome sind bestrebt, ihr Dasein zur vollständigen Entfaltung zu bringen. Jedes Atom ist intelligent und strebt danach, seinen Lebenszweck zu erfüllen.

Die meisten Menschen aber konzentrieren sich lediglich auf Äußerliches. Nur wenige haben die innere Welt überhaupt entdeckt. Und doch ist sie es, die das Außen schafft. Sie ist schöpferisch. Alles, was wir in unserem Umfeld finden, haben wir vorher in unserer Vorstellung geschaffen: Wenn wir das klar erkennen, wissen wir, welche Macht wir über unser Leben haben. Diese Macht beruht auf der Einsicht in den Zusammenhang zwischen Außen- und Innenwelt. Die innere Welt ist die Ursache, die äußere die Wirkung. Wenn Sie die Wirkung ändern wollen, müssen Sie bei der Ursache ansetzen. Dies ist für viele eine vollkommen neue und radikale Vorstellung. Die meisten Menschen nämlich versuchen, die Wirkung zu ändern, indem sie sich ausschließlich auf diese konzentrieren. Sie wissen nicht, dass sie damit nur eine Form des Leids gegen eine andere austauschen. Wenn wir aber Disharmonien in unserem Leben überwinden wollen, müssen wir deren Ursachen beseitigen. Und diese finden wir nur in uns selbst.

Alles Wachstum kommt von innen. Das zeigt sich schon in der Natur. Jede Pflanze, jedes Tier, jeder Mensch ist lebender Zeuge jenes Naturgesetzes. Seit Jahrhunderten erwarten wir fälschlicherweise Kraft und Stärke von außen. Doch die innere Welt ist die universelle Quelle, die uns mit allem Nötigen versorgt. Die Außenwelt ist nur die sichtbare Manifestation dieses ewigen Stroms. Ob wir seine Gaben annehmen können, hängt im Wesentlichen davon ab, ob wir die universale Quelle und ihre unerschöpfliche Energie erkennen, die alle Menschen speist, sodass wir letztlich eins sind.

Solche Erkenntnis ist ein geistiger Prozess. Wenn wir daher als Individuen mit dem universellen Geist in Verbindung treten wollen, ist das nur über geistiges Handeln möglich. Da der universelle Geist die Intelligenz ist, die den gesamten Raum durchzieht und alle lebenden Wesen beseelt, ist die geistige Aktion und Reaktion mit dem universell gültigen Gesetz von Ursache und Wirkung gleichzusetzen. Das Prinzip von Ursache und Wirkung aber gilt nicht nur für den Einzelnen, sondern vor allem im Zusammenspiel mit dem universellen Geist. Es geht hier nicht um objektive Fähigkeiten, vielmehr um subjektive Prozesse, deren Resultate sich in einer Vielzahl von Erfahrungen und Ereignissen niederschlagen. Damit sich Leben ausdrücken kann, muss es einen Geist geben. Nichts kann ohne ihn existieren. Alles, was existiert, ist eine Manifestation dieser grundlegenden einen Substanz, aus der und durch die alles erschaffen und wieder erschaffen wird.

Wir leben im unergründlichen Meer geistiger Substanz. Diese ist stets lebendig und aktiv. Sie ist im höchsten Maße offen und nimmt Form an, je nachdem, was das Denken ihr eingibt. Gedanken bilden die Matrix, mit deren Hilfe die Substanz sich ausdrückt. Vergessen Sie aber niemals, dass der wirkliche Wert der Gedanken in ihrer Anwendung liegt. Das praktische Verständnis dieser Zusammenhänge wird aus Armut Fülle machen, aus Unwissenheit Weisheit, aus Zwietracht Harmonie und Freiheit aus Unterdrückung. Vom materiellen und sozialen Standpunkt aus gesehen, kann es keinen größeren Segen geben.

KURZ GEFASST

2. Gedanken sind Energie

Die meisten unserer Schwierigkeiten beruhen auf konfusen Ideen und der Unkenntnis unserer wahren Interessen. Unsere größte Aufgabe ist es daher, die Naturgesetze zu erkunden, deren wir uns sinnvollerweise bedienen sollten. Deshalb sind Fähigkeiten wie klares Denken und ethisches Verständnis von unschätzbarem Wert für uns. Denn alle Prozesse, auch die des Denkens, fußen auf festen Fundamenten.

Je besser unser Empfindungsvermögen funktioniert, je klarer unser Urteil, je verfeinerter unser Geschmack ist, je geläuterter unsere ethische Einsicht, je subtiler unser Verständnis und je höher unsere Zielsetzung – desto reiner und intensiver werden die Erfahrungen sein, die uns das Leben beschert. Daher sollten wir das Beste erforschen, was je in der Welt des Denkens ersonnen wurde, denn nur dies wird uns höchste Freude bereiten.

Die Kräfte, Wirkungsmöglichkeiten und Potenziale des Geistes sind unter dem Blickwinkel der eben angedeuteten Errungenschaften faszinierender als alle Extravaganzen der Welt, kostbarer noch als unsere wildesten Träume von Reichtum und Macht.

Denken ist Energie. Aktives Denken ist aktive Energie. Konzentriertes Denken ist konzentrierte Energie. Konzentriertes Denken, das sich auf ein bestimmtes Ziel richtet, ist Kraft. Diese Kraft wird von jenen Menschen genutzt, die nicht glauben, dass Armut eine Tugend und Selbstverleugnung sittsam ist. Vielmehr halten sie diese Prinzipien für eine Erfindung von Schwächlingen.

Die Fähigkeit, diese Kraft zu empfangen und zu manifestieren, hängt davon ab, ob wir die unerschöpfliche Energiequelle im Menschen erkannt haben, die unseren Körper und Geist stets neu erschafft. Die in jedem Augenblick bereit ist, ihm das zu geben, was er braucht. Je klarer der Mensch diese Wahrheit erkennt, desto mehr wird sein äußeres Dasein seine innere Welt widerspiegeln.

Im Folgenden soll die Methode erläutert werden, wie uns dies gelingen kann.

Alle Aktivitäten im Geist geschehen in zwei verschiedenen Zuständen – den bewussten und den unbewussten –, wobei das folgende Bild eine Vorstellung von deren Verhältnis zueinander vermitteln soll: »Wer glaubt, mit dem bewussten Verstand alle geistigen Aktivitäten erklären zu können, ähnelt einem Menschen, der versucht, mit einer Kerze das Universum zu erhellen« (Professor Davidson). Die logischen Prozesse des Unbewussten laufen dabei mit einer Zuverlässigkeit und Präzision ab, die ausgeschlossen wären, wenn es hier die Möglichkeit eines Irrtums gäbe. Unser Geist ist so beschaffen, dass er für uns die wichtigen Grundlagen der Erkenntnis liefert, wobei wir nicht wissen, wie dies zustande kommt.

Die unbewusste Seele arbeitet für uns wie ein wohlwollender Fremder, der sich um unser Wohlergehen bemüht. Doch dabei wirft er uns stets nur die reife Frucht in den Schoß. Eine tiefgreifende Analyse der geistigen Prozesse zeigt, dass die wichtigsten Abläufe sich im Unbewussten abspielen. Das Unbewusste war es, das Shakespeare die anstrengungslose Erkenntnis tiefer Wahrheiten erlaubte, die dem bewussten Verstand verborgen sind, das Phidias’ Hand bei der Schaffung seiner Bronzestatuen führte, das Raffael seine Madonnen auf die Leinwand bannen ließ und Beethovens Symphonien inspirierte.

Ob sich Leichtigkeit und Vollkommenheit einstellen, hängt ganz davon ab, ob wir in der Lage sind, uns vom bewussten Denken zu lösen. Ob wir nun Klavier spielen, Schlittschuh laufen, Maschine schreiben – auch wenn wir in diesen Disziplinen Übung haben, werden wir dennoch nur zur Meisterschaft gelangen, wenn wir unser Tun dem Unbewussten überlassen. Dass es Menschen gibt, die brillant Klavier spielen, während sie gleichzeitig eine tiefschürfende Unterhaltung führen können, zeigt, wie gewaltig die Kräfte des Unbewussten sind. Wir alle wissen, wie sehr wir von den unbewussten Vorgängen in unserem Inneren abhängen, und je größer, edler, brillanter unser Denken ist, desto klarer wird, dass seine Ursprünge weit jenseits unseres bewussten Verstandes liegen. Wir finden Takt in uns, Instinkt, einen Sinn für die Schönheiten in Kunst und Musik. Der Ursprung all dessen aber liegt nicht in unserem bewussten Sein.

Das Unbewusste ist von großem Wert für uns. Es schenkt uns Inspiration, warnt vor Gefahr und liefert uns aus der Schatzkammer der Erinnerung Namen, Fakten und Ereignisse. Es lenkt unsere Gedanken, unsere sinnlichen Empfindungen. Und es vollbringt Aufgaben von solcher Komplexität, dass der bewusste Verstand daran scheitern würde, selbst wenn er alle erforderlichen Einzelfähigkeiten besäße.

Wir können die Art, wie wir gehen, mit dem Willen steuern. Wir können den Arm heben, wenn wir das wollen. Wir können das Auge oder andere Sinnesorgane bewusst einsetzen. Doch wir können unserem Herzschlag nicht Einhalt gebieten oder der Blutzirkulation, unserem Körperwachstum, der Heranbildung von Muskel- oder Nervengewebe, dem Aufbau von Knochenmasse oder lebenswichtigen Prozessen.

Wenn wir diese beiden Energien miteinander vergleichen, die vom Willen gesteuerte und jene, die in majestätischem Rhythmus ihren Gang geht und dabei nicht einmal wankt, sondern in jedem Augenblick unseres Lebens stets gleichmäßig fließt, so empfinden wir Ehrfurcht angesichts der Präzision der Lebensprozesse und fragen uns, wie sie denn wohl zustande kommen mag. Wir erkennen, dass diese lebenserhaltenden Vorgänge sicher nicht umsonst dem direkten Einflussbereich unseres Willens entzogen sind, der ja doch von außen gelenkt, also schwankend und wandelbar ist. Ihr Rhythmus wurde einer anderen Kraft überantwortet, die stetig und verlässlich arbeitet.

Die äußere, willentlich beeinflussbare dieser beiden Energien wird hier »bewusster Verstand« oder »objektiver Geist« (weil er mit äußeren Objekten zu tun hat) genannt. Die innere Kraft hingegen ist das »Unbewusste« oder der »subjektive Geist«. Diese Kraft arbeitet auf der geistigen Ebene, doch sie kontrolliert auch alle Vitalfunktionen des lebenden Körpers. Es ist wichtig, dass wir ein klares Verständnis der Funktionen dieser Kräfte auf der geistigen Ebene sowie einiger anderer Grundprinzipien entwickeln. Der bewusste Geist nimmt Reize durch die fünf Sinne auf. Er beschäftigt sich also mit den Eindrücken und Objekten der Außenwelt. Ihm ist die Fähigkeit der Unterscheidung eigen, ihm obliegt die Verantwortung der Auswahl. Er besitzt die Kraft vernunftgemäßer Überlegung und bedient sich der bekannten Wege der logischen Schlussfolgerung: induktiv, deduktiv, analytisch oder syllogistisch. Diese Energie lässt sich in hohem Maße vervollkommnen. Hier hat die Willenskraft ihre Heimat mit all den Fähigkeiten, die sie uns verleiht.

Die Energie kann nicht nur andere Menschen beeinflussen, sondern auch das Unbewusste steuern. Auf diese Weise wird der bewusste Verstand zum verantwortlichen Lenker des Unbewussten. Ebendiese seine höchste Funktion ist es, die Ihr Leben umkrempeln kann. Denn nur allzu häufig entstehen Ängste, Sorgen, Armut, Krankheit, Disharmonie und alle anderen Arten von Übeln durch falsche Suggestionen, die der diesbezüglich wehrlose unbewusste Geist vom bewussten Denken aufnimmt. Ist der bewusste Verstand aber geübt, dann wird er hier wachsam sein. Man könnte ihn auch den »Wächter am Tor« nennen – am Tor zum großen Reich des Unbewussten.

Ein Schriftsteller beschrieb den Zusammenhang zwischen den beiden Zuständen des Geistes einmal so: »Der bewusste Geist ist der vernunftbegabte Wille. Der unbewusste Geist ist instinktives Wünschen, das Ergebnis vergangenen bewussten Wollens.«

Das Unbewusste zieht akkurate Schlüsse aus den Prämissen, die es von äußeren Quellen erhält. Wenn die grundlegende Annahme richtig ist, kommt das Unbewusste zu einer fehlerlosen Schlussfolgerung. Ist jedoch die Vorgabe falsch, stürzt das ganze Gebäude in sich zusammen. Das Unbewusste ist nicht Teil des logischen Verfahrens. Es sucht keine Gründe und Beweise, sondern verlässt sich darauf, was der bewusste Geist, der Torwächter, ihm liefert. Nur er kann also das Unbewusste vor falschen Schlüssen bewahren. Wenn dem Unbewussten bestimmte Annahmen als wahr übermittelt werden, wird es so reagieren, als seien sie wirklich. Der bewusste Geist liefert also »wahre« oder »falsche« Fakten. Sind die Fakten, die er dieser Kraft übermittelt, nicht richtig, dann hat dies weitreichende Auswirkungen auf das Dasein des Betroffenen.

Der bewusste Geist ist jede Stunde, die der Mensch im Wachzustand verbringt, im Dienst. Hat der »Torwächter« aber »Feierabend« oder hat er unter dem Ansturm widriger Umstände sein ruhiges Urteilsvermögen verloren, dann ist das Unbewusste ohne Hüter und steht Suggestionen von allen Seiten her offen. Sehr gefährlich wird es, wenn die Panik hohe Wellen schlägt, die Wut ihr ungestümes Lodern verbreitet oder dem Menschen in einer instinktgesteuerten Massenreaktion der Verstand abhanden kommt. Immer wenn die Leidenschaft die Oberhand gewinnt, ist das Unbewusste offen für die Suggestionen der Angst, des Hasses, der Selbstsucht, der Gier, der Selbstverachtung und anderer negativer Kräfte, die von Menschen oder Lebensumständen ausgehen können. Gewöhnlich ist der Effekt ausgesprochen schädlich, seine Wirkungen können uns noch lange Zeit zu schaffen machen. Aus diesem Grund ist es so wichtig, das Unbewusste von falschen Eindrücken zu befreien.

Das Unbewusste nimmt durch Intuition wahr. Es ist daher sehr schnell in seinen Verarbeitungsprozessen. Die langsamen Wege des vernunftgemäßen Nachdenkens sind ihm fremd. Es ist ihrer auch nicht mächtig. Das Unbewusste schläft nie, ruht nie. Genauso wenig, wie im Normalfall unser Herz oder unser Blutkreislauf zwischenzeitlich nicht den Dienst einstellen. Wenn wir dem Unbewussten klare Ziele vorgeben, die wir erreichen wollen, dann setzt es seine Kräfte in Bewegung, und das Gewünschte stellt sich ein. Hier also liegt die Quelle jener Kraft, die uns mit dem Allgegenwärtigen verbindet. Das Studium dieses Prinzips hat unsere höchste Aufmerksamkeit verdient.

Interessant ist vor allem, wie jene Gesetzmäßigkeit arbeitet. Wer sie anwendet, wird einige eigenartige Feststellungen machen: Bereitet er sich beispielsweise auf ein schwieriges Gespräch vor, ist es, als wäre irgendjemand schon vor ihm da gewesen und hätte das Terrain bereitet, sodass die Unterhaltung harmonisch verläuft. Alles scheint auf einmal anders, harmonischer zu sein. Wenn im Unternehmen drängende Probleme auftauchen, dann ergibt sich plötzlich die Möglichkeit, eine Entscheidung zurückzustellen, und mit einem Mal zeichnet sich eine passende Lösung ab. Schlagartig läuft alles wie gewünscht. Wer lernt, sich auf die Impulse des Unbewussten zu verlassen, macht die Erfahrung, dass ihm ad hoc unendliche Kräfte zur Verfügung stehen. Im Unbewussten sind all unsere Prinzipien und Hoffnungen enthalten. Es ist die Quelle unserer künstlerischen und mitfühlenden Impulse. Dies ist unser Instinkt. Nur von Kindesbeinen antrainierte negative Denkgewohnheiten können ihn an seiner Entfaltung hindern.

Das Unbewusste ist nicht fähig, Argumente gegeneinander abzuwägen. Wenn es falschen Einflüsterungen unterliegt, dann gibt es also nur eine Möglichkeit: Wir müssen Gegensuggestionen anwenden, und zwar möglichst starke, die wir darüber hinaus ständig wiederholen. Wenn der Geist sie akzeptiert, entstehen so neue und gesunde Denk- beziehungsweise Lebensweisen. Denn das Unbewusste ist der Sitz aller Gewohnheiten. Was wir wieder und wieder tun, wird schließlich mechanisch. Es ist nicht mehr länger Frucht der Überlegung, sondern hat bald schon tiefe Furchen ins Erdreich des Unbewussten gegraben. Wenn die so gebildete Gewohnheit für uns nützlich und richtig ist, ist dieser Prozess sinnvoll. Ist sie aber schädlich und falsch, dann gibt es nur ein Heilmittel: Wir müssen die Allmacht des Unbewussten anerkennen und uns durch Suggestion in der Gegenwart unsere Freiheit erkämpfen. Das Unbewusste ist schöpferisch. Es ist eins mit der göttlichen Quelle. Es wird uns den Weg in die Freiheit schaffen.

Noch einmal kurz zusammengefasst: Die Aufgabe des Unbewussten ist auf der körperlichen Ebene die Steuerung der Vitalfunktionen. Es ist für die Erhaltung des Lebens und der Gesundheit verantwortlich, aber ebenso für die Fortpflanzung. Dazu gehört auch der Instinkt, alles Leben zu erhalten und die Lebensbedingungen im Allgemeinen zu verbessern.

Auf der geistigen Ebene ist das Unbewusste die Schatzkammer des Gedächtnisses. Es ist die Heimat der gedanklichen Botschaften, die unabhängig von Zeit und Raum wirken. Es ist die Quelle praktischen Wirkens und damit aller konstruktiven Lebenskräfte. Und der Sitz unserer Gewohnheiten.

Auf der spirituellen Ebene umfasst es all unsere Ideale und Hoffnungen. Es ist der Sitz unserer Vorstellungskraft und der Kanal, durch den wir mit der göttlichen Quelle in Verbindung treten. Je klarer wir diese Göttlichkeit erkennen, desto mehr verstehen wir die Quelle der Kraft.

Vielleicht fragen Sie sich ja, wie das Unbewusste nun tatsächlich auf unsere Lebensbedingungen einwirkt. Das ist möglich, weil es ein Teil des universellen Geistes ist. Als solcher zeigt es sich von derselben Beschaffenheit wie das große Ganze, dem es entstammt. Der Unterschied ist nur quantitativ, nicht qualitativ. Das Ganze ist, wie wir wissen, schöpferisch. Tatsächlich handelt es sich um die einzige wahrhaft schöpferische Kraft im Universum. Daher muss auch der Geist schöpferisch sein. Da er nur mit Hilfe von Gedanken tätig werden kann, ist auch das Denken notwendigerweise schöpferisch. Doch wir werden feststellen, dass zwischen gewohnheitsmäßigem Denken und dem bewussten, systematischen Steuern unserer Gedanken zu konstruktiven Zwecken ein großer Unterschied besteht. Erst wenn wir zu dieser Art Gedankenkontrolle in der Lage sind, befindet sich unser Geist im Einklang mit dem universellen Geist. Wir stimmen uns auf das Unendliche ein und setzen damit die mächtigste Kraft in Gang, die im Universum existiert, die schöpferische Kraft des universellen Geistes. Natürlich gibt es auch hier ein Naturgesetz, das diese Zusammenhänge steuert. Dieses Gesetz ist das »Gesetz der Anziehung«. Es besagt, dass der schöpferische Geist automatisch das anzieht, womit er sich beschäftigt, und dergestalt zur Wirklichkeit werden lässt.

Ursache und Wirkung gelten im verborgenen Reich der Gedanken ebenso unumstößlich wie in der Welt der sichtbaren Objekte. Der Geist ist der Meister, der diese Gewebe schafft – das innere des Charakters und das äußere der Umstände.

JAMES ALLEN

KURZ GEFASST